RHEINSBERG. Natürlich darf die ganze Sache um Himmels willen nicht aussehen, als sei Oskar Lafontaine wieder einmal auf der Flucht. Nicht nach der Geschichte aus dem Frühjahr 1999, als er sich klammheimlich aus dem Bundesfinanzministerium gestohlen und seine Ämter als SPD-Mann in Regierung und Partei so schnell abgeworfen hat wie einen dreckigen Mantel. Damit also dieser Eindruck nicht noch einmal entsteht, wird an diesem Freitag im brandenburgischen Rheinsberg die Verkündung über Lafontaines Rückzug vom Vorsitz der Linksfraktion im Bundestag erst einmal hinausgezögert.Sozialistische SommerfrischlerErst trotten die 76 Mitglieder der neuen Fraktion im Bundestag brav ihren Alpha-Linken Gregor Gysi und Oskar-Lafontaine hinterher. Am Fuß einer Hoteltreppe mit Blick auf einen See, ein paar Boote und einen rot-weißen Schau-Leuchtturm sollen sie sich aufstellen zum ersten Gruppenfoto. Das dauert naturgemäß ein wenig und sieht zwischenzeitlich aus wie ein Haufen sozialistischer Sommerfrischler, die in einem kollektiven Akt des zivilen Widerstands die Aufstellung zur fotogenen Formation verweigern. Am Ende klappt es aber doch.Die Fotos sind gemacht, und Oskar Lafontaine, Deutschlands Chef-Linker, sagt jetzt auch öffentlich, dass er nur noch Parteivorsitzender sein wolle, nicht aber zusätzlich auch noch Chef der Fraktion an der Seite Gregor Gysis. "Ich habe seit Langem die Absicht, mich auf den Parteivorsitz zu konzentrieren", sagt Lafontaine mit einem milden Ton in der Stimme. Seit Monaten schon trage er sich mit diesem Gedanken, seit Längerem wisse das die Parteispitze. Vor den Journalisten habe man das doch gut verborgen, nicht wahr? Jetzt grinst Lafontaine.Allerdings sind auch viele Abgeordnete alles andere als begeistert von dem Überraschungscoup, von dem auch sie erst kurz vor der Sitzung erfahren haben. "Aber was soll ich schon sagen. Ich bin ja auch nur ein einfacher Bauer im Weinberg des Sozialismus", scherzt einer ein wenig resigniert, der eigentlich sehr viel zu sagen hat.Dann aber verschärft sich der Ton ein bisschen. Es sei Quatsch, dass er auf dem Rückzug sei, schnarrt Lafontaine. "Sie werden schon noch erleben, wie zurückgezogen ich demnächst agieren werde." Sein Bundestagsmandat will er nämlich behalten. Die Fraktion hat er schon eingeschworen: Sie solle ja an ihrem klaren Oppositionskurs festhalten, lautete sein Appell, wie Teilnehmer berichteten. Gregor Gysi sagt: "Er bleibt im Bundestag und kann weiterhin zünftige Reden halten. Darauf hoffe ich sehr." Die Legende von der Flucht des Chef-Linken soll gar nicht erst entstehen. Unsinn sei es, erklärt nun Lafontaine, dass man ihm den Rückzug vom Fraktionsvorsitz zum Vorwurf mache. "Seit Jahren schreiben Sie, wie machtbesessen ich sei. Und nun ist es auch wieder nicht recht."Lafontaine möchte, dass er an diesem sonnigen Herbsttag als demütiger Diener der Partei wirkt. Als derjenige, der rechtzeitig den Posten im Bundestag aufgibt, um sich mehr auf den Aufbau der gesamtdeutschen Linkspartei kümmern zu können. Als derjenige, der Ost und West, Mann und Frau zusammenführt. Deswegen schlägt Lafontaine vor, dass künftig neben Gregor Gysi (Mann, Osten) eine Frau aus dem Westen die Fraktion führen soll. Und den Parteivorsitz will sich Lafontaine (Mann, Westen) mit einer Frau aus dem Osten teilen. Die doppelte Doppelspitze ist der Plan.Doppelte DoppelspitzeLafontaine, meinen viele in der Linksfraktion, habe die doppelte Doppelspitze als Reaktion auf das immer lauter werdende Murren der Frauen in der Partei vorgeschlagen. Auf ihr Drängen, auch einmal Spitzenposten in Fraktion und Partei zu erhalten. Ob der Plan aufgeht, ist unklar. Eine Frau aus dem Westen, die an Gysis Seite der Fraktion vorsteht, haben sie noch nicht gefunden. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Monaten zu einem Schaulaufen der neuen und alten weiblichen Abgeordneten aus dem Westen kommen. Und wenn dann eine Frau gefunden sein sollte, wird sie automatisch in Gysis Schatten stehen.Eine Frau aus dem Osten, die an Lafontaines Seite der Partei vorsteht, ist zwar leichter zu finden. Doch auch sie, sagen wir: Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau oder ihre Berliner Kollegin Gesine Lötzsch, droht neben Lafontaine in eine untergeordnete Rolle zu geraten. Die doppelte Doppelspitze, das lässt sich heute schon sagen, wird männerdominiert sein. Lafontaine und Gysi werden die Alpha-Linken bleiben.Und dann ist da noch die Sache mit dem Saarland. Dazu sagt Lafontaine in Rheinsberg nur, seine Entscheidung habe nichts mit der Regierungsbildung an der Saar zu tun. Ob die Betroffenen ihm das glauben, darf bezweifelt werden.------------------------------Kritik am neuen Ost-West-ProporzDie Spitzen von Links-Partei und -Fraktion sollen sich nach Vorstellungen des Ko-Parteichefs Lafontaine weiterhin aus zwei Personen zusammensetzen, möglichst aus einem Mann und einer Frau, möglichst aus Ost und West. Am Freitag wurde als Fraktionsvorsitzender nur Gysi gewählt. Mittelfristig soll ihm eine Frau aus dem Westen zur Seite gestellt werden. Allerdings hat die Partei kaum profilierte West-Politikerinnen.Partei-Vize Katja Kipping kritisierte Lafontaines Vorschlag: "Die Ost-West-Quotierung entspricht nicht mehr den Biografien unserer Abgeordneten", sagte die Sächsin der Märkischen Allgemeinen. Viele im Osten aufgewachsene Politiker seien in West-Verbänden aktiv und umgekehrt. Künftig solle die Herkunft bei der Postenvergabe keine Rolle mehr spielen.Auch an der Spitze der Partei steht ein Wechsel an. Denn der ins Europaparlament gewählte Ko-Vorsitzende Lothar Bisky, 68, will nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren. Der Brandenburger führte die Partei zusammen mit dem Saarländer Lafontaine, 66, seit ihrer Fusion aus ostdeutscher PDS und westdeutscher WASG.Für die Nachfolge Biskys wird eine Frau aus Ostdeutschland gesucht. In ersten Spekulationen wurden die Berlinerinnen Petra Pau, 46, und Gesine Lötzsch, 48, genannt sowie die aus Dresden stammende Katja Kipping, 31.Als Fraktionsvize wurden bei der Klausurtagung am Freitag Gesine Lötzsch, Petra Sitte, Jan van Aken, Werner Dreibus, Ulrich Maurer, Klaus Ernst gewählt.Erste parlamentarische Geschäftsführerin wird auch weiterhin die Brandenburgerin Dagmar Enkelmann, 53, sein.Für das Amt der Bundestagsvizepräsidentin nominierte die Fraktion erneut Petra Pau.Sahra Wagenknecht, 40, Wortführerin der Kommunistischen Plattform, soll nach Informationen der Frankfurter Rundschau angeblich wirtschaftspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion werden.------------------------------Foto: Ins Fäustchen gelacht: Oskar Lafontaine (links) und Gregor Gysi, der künftig alleine die Fraktion führen wird.Foto: Katja KippingFoto: Gesine Lötzsch
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