Medizin

Der trojanische Köder: Wie Forscher Bakterien ihre schärfste Waffe entwenden

Ein neuer Ansatz gegen tödliche Lungeninfektionen: Ein Forschungsteam aus Magdeburg und Jena präsentiert eine überraschende Alternative zu Antibiotika.

3 Min
Prof. Dieter Schinzer (Uni Magdeburg) und Jun.-Prof. Adrian Press (Uniklinikum Jena, v.l.n.r.) forschen an einem neuen Ansatz gegen Lungeninfektionen.

Prof. Dieter Schinzer (Uni Magdeburg) und Jun.-Prof. Adrian Press (Uniklinikum Jena, v.l.n.r.) forschen an einem neuen Ansatz gegen Lungeninfektionen.

© Nadine Grimm/Augenwerke Fotografie

Eine Lungenentzündung klingt für viele erstmal harmlos. Doch sie zählt zu den unterschätzten Killern dieser Zeit: Allein 2019 starben weltweit rund 2,5 Millionen Menschen an einer Pneumonie. Und die Lage spitzt sich zu. Eine alternde Bevölkerung, der Klimawandel und immer mehr Antibiotikaresistenzen sorgen dafür, dass Ärzte auf den Intensivstationen häufiger an ihre Grenzen stoßen.

Eine Idee, wie man dieser Problematik entgegenwirken könnte, kommt jetzt aus Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ein interdisziplinäres Forschungsteam um den Magdeburger Chemiker Prof. Dieter Schinzer und den Jenaer Juniorprofessor Dr. Adrian Press hat einen Ansatz entwickelt, der das Spielfeld einmal umkrempelt. Sie greifen die Bakterien gar nicht erst an. Stattdessen nehmen sie ihnen die Waffe ab.

Ein molekularer Bohrer im Lungengewebe

Pneumokokken, die häufigsten Erreger schwerer Lungenentzündungen, sind so gefährlich, weil sie ein heimtückisches Gift produzieren: Pneumolysin. „Dieses Toxin wirkt wie ein molekularer Bohrer“, erklärt Schinzer in einer offiziellen Pressemitteilung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Es heftet sich an das Cholesterin in unseren Zellmembranen, stanzt Löcher hinein – und lässt die Zellen platzen wie überfüllte Wasserballons. Was folgt, ist verheerend: zerstörtes Gewebe, ein außer Kontrolle geratenes Immunsystem, oft eine Sepsis. Und nicht selten der Tod.

Genau hier setzen die Forscher an. Ihr Gedanke: Wenn das Gift so versessen auf Cholesterin ist, könnte man ihm doch einfach einen besseren Köder hinwerfen. Im Labor bauten Schinzers Chemiker dafür künstliche Varianten des Cholesterins, sogenannte Sterol-Derivate. Aus dutzenden Kandidaten filterten sie acht besonders aussichtsreiche heraus und verpackten sie in winzige Fettbläschen, gerade einmal 70 bis 140 Nanometer groß. Diese Bläschen, auch Liposomen genannt, schwimmen wie kleine U-Boote durch den Körper und ziehen das Bakteriengift magisch an.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Das Ergebnis in Zelltests: Das Toxin dockt an die falschen Köder an und verpufft wirkungslos. Die echten Lungenzellen bleiben unversehrt. Mehr noch, denn die künstlichen Sterole machten die Zellen sogar widerstandsfähiger als natürliches Cholesterin.

Ein Spray als Lebensretter

Der vielleicht größte Vorteil: Weil die Bakterien selbst nicht angegriffen werden, haben sie auch keinen Grund, Resistenzen zu entwickeln. Klassische Antibiotika bleiben weiter wirksam – die neue Methode könnte sie ergänzen, nicht ersetzen. Und das Prinzip ließe sich womöglich auf andere Bakteriengifte übertragen, die ebenfalls Cholesterin als Eintrittspforte nutzen.

Noch sind die Ergebnisse Laborbefunde, wenn auch vielversprechend. Als Nächstes sollen die Wirkstoffe an Tiermodellen getestet werden. Doch das Fernziel steht schon: ein therapeutisches Spray, das Pneumokokken-Patienten direkt in die Lunge gesprüht werden könnte. Patentiert ist die Idee bereits. Wenn alles klappt, könnte aus den maßgeschneiderten Molekülen eines Tages ein Lebensretter werden.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner