Es ist ein Bild, das man sich in Berlin nur schwer vorstellen kann: Am Freitagvormittag versammelt Emmanuel Macron im Élysée die Parteivorsitzenden und Präsidentschaftsbewerber seines Landes – Lecornu, Attal, Philippe, Retailleau, Glucksmann, Faure, Tondelier, Roussel, dazu Jordan Bardella für Marine Le Pen und Manuel Bompard für Jean-Luc Mélenchon.
Mit am Tisch: die Chefs der Inlands- und Auslandsaufklärung, der Militärgeheimdienst, das Generalsekretariat für Verteidigung und nationale Sicherheit, der Generaldirektor für Energie. Begründung des Élysée: die „schnelle Verschlechterung der internationalen Lage“ in den vergangenen Tagen – die Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine und ihre Folgen für Sicherheit und Energieversorgung Frankreichs.
Rund 1.100 Kilometer östlich sagt Donald Tusk im Sejm einen Satz, der die Lage härter fasst als jede Regierungserklärung: Für Spätherbst und Winter sei „der kritischste Moment im bisherigen russisch-ukrainischen Krieg“ zu erwarten. Polnische Kampfjets stiegen am selben Tag zweimal auf.
In Vilnius liegt seit anderthalb Jahren ein Evakuierungsplan in der Schublade, eine seiner drei Fluchtrichtungen führt über Alytus zur polnischen Grenze. Und in den sozialen Netzwerken kursiert die unbestätigte Behauptung, knapp 9.000 russische und belarussische Soldaten stünden am östlichen Ende der Suwałki-Lücke.
Europa erlebt in diesen Tagen, was es heißt, zwei Krisen gleichzeitig tragen zu müssen – und wie unterschiedlich seine Hauptstädte darauf reagieren.
Zwei Fronten, ein Kontinent: Europa
Was Macron da tut, ist bemerkenswert und in seiner Bedeutung leicht zu unterschätzen. Der Präsident lädt nicht Minister, nicht Verbündete, nicht Generäle ein – er bittet seine politischen Gegner an den Tisch. Und er lässt sie von den Nachrichtendiensten briefen.
Das sogenannte Saint-Denis-Format, erstmals im August 2023 erprobt, ist kein Entscheidungsgremium. Es ist ein Instrument der Vorbereitung: Wer 2027 regieren könnte, soll wissen, was die Republik weiß.
Dafür gibt es einen doppelten Anlass. Offiziell geht es um Ukraine und Nahost. Praktisch geht es um Benzinpreise.
Die Kraftstoffversorgung ist angespannt, die Regierung debattiert über die Verlängerung von Hilfen für Vielfahrer über den 30. September hinaus.
Macron hatte in den Tagen zuvor mit dem Emir von Katar telefoniert, sich mit Jordaniens König Abdullah II. und Libanons Präsident Joseph Aoun getroffen – laut Élysée über regionale Stabilität und, bezeichnenderweise, über sichere und diversifizierte Energie- und Handelswege.
Tusk: die härtere Sprache des Frontstaats
In Warschau klingt das anders, weil es anders ist. Tusk spricht nicht über Versorgungswege, sondern über Einschläge. Nach Geheimdiensterkenntnissen, so der Regierungschef laut PAP vor dem Sejm, könne es zu scheinbar versehentlichen Drohnen- und Raketenangriffen auf Unterstützerstaaten der Ukraine kommen – Polen eingeschlossen. Am selben Tag griffen russische Drohnen nahe dem ukrainischen Grenzübergang Jahodyn an. Auf polnischer Seite gab es Luftalarm, Kampfjets stiegen auf; am Abend erneut, wie das Einsatzkommando der Streitkräfte mitteilte.
Das Wort „versehentlich“ trägt hier die ganze Last. Es beschreibt die Grauzone, in der Russland operiert: Vorfälle, die sich unterhalb der Schwelle eines Bündnisfalls halten lassen, aber die Kosten der Unterstützung für Kyjiw erhöhen. Tusks Warnung ist deshalb weniger Prognose als Vorabrahmung – wenn es passiert, soll niemand von einem Unfall sprechen.
Am Freitag reist Tusk in die Ukraine, zu Selenskyj. Thema ist vorwiegend die von russischen Angriffen bedrohte Energieversorgung. Auch der Slowake Robert Fico wird erwartet. Zwei Regierungschefs mit maximal unterschiedlicher Russlandpolitik, gleiches Reiseziel: ein kleines Lehrstück über die Grenzen europäischer Geschlossenheit.
Der Zivilschutz wird zur Infrastrukturfrage
Während Paris briefet und Warschau warnt, plant Vilnius. Litauens Hauptstadt stellte bereits am 23. April 2025 einen öffentlichen Evakuierungsplan vor – nicht nur für den Kriegsfall, sondern auch für nukleare Ereignisse, Naturkatastrophen und hybride Angriffe. Drei Hauptrichtungen: Norden über Panevėžys und Šiauliai, Westen über Kaunas und Klaipėda, Süden über Alytus zur polnischen Grenze.
Schwerer Unfall nahe Alexanderplatz: Auto überschlägt sich und reißt Baum um
Ramona Wuttig: „Es wird über Ostdeutsche statt mit Ostdeutschen gesprochen“
Am 14. Juli 2026 billigte die Regierung einen staatlichen Detailplan; er nimmt an, dass sich rund 75 Prozent der Bevölkerung selbst in Sicherheit bringen können. Kommunen sollen den Rest transportieren. Gewarnt wird per Cell-Broadcast, Sirenen und der App LT72.
Hier ist journalistische Genauigkeit gefragt. „Evakuierungsrichtung Polen“ heißt nicht „Evakuierung nach Polen“. Die korrekte Zuspitzung lautet: Der Plan sieht eine Route Richtung polnische Grenze vor.
Die weitergehende Behauptung, die Woiwodschaft Podlachien werde bereits fest als Transitkorridor für Bewohner der baltischen Staaten vorbereitet, stammt im Kern aus dem Bericht von Polskie Radio/IAR vom 16. September 2026 und ließ sich in öffentlich zugänglichen polnischen Behördenquellen nicht unabhängig bestätigen.
Belegt ist Vorbereitung: Der Podlachische Wojewode nennt für 2026 unter anderem Schutzbauten, Logistikhubs in Grenzkreisen und „Evakuation – Transportmittel und Koordination“. Belegt ist auch der größere Rahmen: Am 4. März 2026 unterzeichneten zehn Staaten, darunter Polen und Litauen, ein Memorandum über grenzüberschreitende Zivilbewegungen mit Transport, Grenzkontrollen und Evakuierungskorridoren.
Die eigentliche Nachricht ist nicht Alarm, sondern Systembildung: Aus kommunalen Plänen wird eine regionale Architektur ziviler Evakuierung an der Nato-Ostflanke. Ihre Schwachstellen sind ebenfalls dokumentiert – Vilnius hat 672 Schutzräume für etwa die Hälfte der Einwohner, wenige Ausfallachsen, absehbare Staus. Eine Übung am 7. Oktober 2025 umfasste rund 500 Freiwillige. Sechs Millionen Euro für 56 Kommunen schaffen Kapazität für etwa 50.000 temporär Untergebrachte. Zwischen Planungsgröße und Ernstfall klafft eine Lücke, die niemand seriös überbrücken kann.
Zerrieben? Eher überdehnt
Wird Europa also zwischen Nahost und Osteuropa zerrieben? Vielleicht ist das ein zu starker Begriff. Überdehnt trifft es besser.
Die beiden Krisen konkurrieren nicht militärisch – sie konkurrieren um Aufmerksamkeit, Haushaltsmittel und politische Duldsamkeit. Die Verbindung läuft über Energie: Hormus-Risiken und Angriffe auf ukrainische Kraftwerke treffen sich an der französischen Zapfsäule und in der europäischen Winterbilanz.
Wenn Abschreckung an der Ostflanke teuer wird, während Sprit teuer ist, entscheidet nicht die Militärlogik, sondern die Innenpolitik.
Und Deutschland?
Bleibt die Frage, warum in Berlin kein vergleichbares Treffen stattfindet. Die ehrliche Antwort ist zunächst institutionell: Frankreichs Präsident kann parteiübergreifend einladen, weil das Amt über den Parteien steht und die Dienste ihm zuarbeiten. Deutschland kennt dieses Format nicht; die Unterrichtung läuft über das Parlamentarische Kontrollgremium, den Verteidigungsausschuss, den Bundessicherheitsrat – vertraulich, arbeitsteilig, unsichtbar.
Agnes Obel: „Berlin war für mich eine Offenbarung – die Berliner sind direkter, ungenierter, ehrlicher“
Gefährliche Gegenden: Wenn die Öffentlich-Rechtlichen aus Hamburg Berlin entdecken
Das ist rechtsstaatlich sauber und kommunikativ schwach. Denn der französische Vorgang hat eine Funktion, die die deutsche Gremienarbeit nicht erfüllt: Er macht den Ernst der Lage öffentlich sichtbar und bindet zugleich die Opposition ein – auch jene Kräfte, denen man Russlandnähe vorwirft. Wer gebrieft wurde, kann sich schlechter dumm stellen.
Hinzu kommen Geografie und Gewohnheit. Berlin ist kein Frontstaat wie Polen. Die deutsche Debatte über Zivilschutz, Schutzräume und Bevorratung wird geführt – aber technokratisch, nicht präsidial. In Vilnius übt man Evakuierung mit Bussen. In Berlin diskutiert man Zuständigkeiten.
Man muss Macrons Inszenierung nicht bewundern, um sie ernst zu nehmen. Ein Land, in dem Regierung und Opposition denselben Lagebericht kennen, ist gegen hybride Einflussnahme besser gewappnet als eines, in dem jede Warnung sofort zum Parteiargument wird. Das wäre der übertragbare Teil – nicht das Format, sondern die Grundannahme: Sicherheitspolitik in Zeiten der Gleichzeitigkeit benötigt einen gemeinsamen Faktenstand, bevor sie Streit verträgt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]