Kurz vor 13 Uhr verlässt Maricarmen Abascal am Mittwoch das Haus, in dem sie seit 1956 gelebt hat. Sanitäter bringen die 87-Jährige auf einer Trage zu einem Krankenwagen. Hinter einer Polizeiabsperrung rufen ihr Demonstranten zu: „Maricarmen, du bist nicht allein.“
Die Bilder der Zwangsräumung im Madrider Stadtteil Retiro haben innerhalb weniger Tage Proteste in weiten Teilen Spaniens ausgelöst. Allein in Madrid gingen am Mittwochabend nach Angaben der Regierungsdelegation rund 10.000 Menschen auf die Straße, wie die spanische Nachrichtenagentur EFE berichtet. Inzwischen haben Mieterorganisationen auch in zahlreichen anderen Städten zu Kundgebungen aufgerufen.
Am Freitag bekam der Fall eine weitere Wendung: Die Regierungsdelegation in Madrid kündigte an, das Vorgehen der Polizei bei der Räumung untersuchen zu lassen. Maricarmen liegt weiterhin im Krankenhaus. Für Samstag ist bereits die nächste große Demonstration in der spanischen Hauptstadt angekündigt.
Maricarmen lebte seit 1956 in der Wohnung
Der ursprüngliche Mietvertrag der Wohnung in der Calle Alcalde Sáinz de Baranda stammt aus dem Jahr 1956 und lief auf Maricarmens Vater. Nach dessen Tod ging der Vertrag zunächst auf ihre Mutter und später auf Maricarmen über.
Genau diese zweite Übertragung wurde zum Kern des jahrelangen Rechtsstreits. Wie El País rekonstruiert, gab die Justiz zunächst Maricarmen recht. Im März entschied jedoch der Oberste Gerichtshof zugunsten der Eigentümerseite. Bei solchen alten Mietverträgen darf eine zweite Übertragung grundsätzlich nur zwei Jahre fortbestehen. Eine Ausnahme gilt bei einem anerkannten Behinderungsgrad von mehr als 65 Prozent. Maricarmen hat einen Behinderungsgrad von 50 Prozent.
Das Gebäude war 2018 zunächst an den Immobilienkonzern Renta Corporación verkauft worden. Später gelangte die Wohnung an Urbagestión Desarrollo e Inversión. Nach Recherchen von El País ist das Unternehmen im Immobiliengeschäft tätig und verwaltet, entwickelt und vermarktet Immobilien.
Maricarmen zahlte zuletzt rund 500 Euro Miete. Urbagestión verlangte zunächst 2650 Euro monatlich und bot später einen neuen Vertrag für etwa 1600 bis 1650 Euro an. Die Rente der 87-Jährigen liegt bei rund 1400 Euro im Monat.
Selbst ein ungewöhnliches Hilfsangebot führte zu keiner Einigung. Eine bekannte Schriftstellerin, deren Name nicht veröffentlicht wurde, bot nach Angaben von El País an, dauerhaft die Differenz zwischen Maricarmens bisheriger Miete und der von der Eigentümerin verlangten Summe zu übernehmen. Auch das spanische Wohnungsministerium versuchte nach eigenen Angaben, eine Lösung mit dem Unternehmen zu finden. Eine Vereinbarung kam nicht zustande.
Tausende von Demonstranten versammelten sich zur Unterstützung von Maricarmen Abascal vor einem Gebäude der Autonomen Gemeinschaft Madrid im Stadtviertel Chamberí.
© Francesco Militello Mirto/imago
Auch die UN hatte sich eingeschaltet
Schon im Juni hatte sich der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte mit dem Fall beschäftigt. Der Ausschuss forderte Spanien auf, die Zwangsräumung vorläufig auszusetzen oder Maricarmen eine für ihre Bedürfnisse geeignete Unterkunft zur Verfügung zu stellen, solange ihre Beschwerde geprüft werde. Damit sollten mögliche „irreparable Schäden“ verhindert werden, berichtete El País.
Die Stadt Madrid bot ihr schließlich einen kostenlosen Notfallplatz in einer Pflegeeinrichtung an. Maricarmen lehnte diesen ab. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus will sie zunächst bei Verwandten unterkommen.
Am Mittwoch folgte der vierte und diesmal erfolgreiche Versuch, die Wohnung zu räumen. Rund 500 Menschen hatten sich bereits am Vorabend vor dem Haus versammelt, darunter auch Schauspieler wie Juan Diego Botto und Carlos Bardem sowie Sängerin und Schauspielerin Ana Belén, wie RTVE berichtet.
10.000 Menschen protestieren in Madrid
Noch am selben Abend verlagerte sich der Protest ins Zentrum der Hauptstadt. Nach Angaben der spanischen Nachrichtenagentur EFE kamen rund 10.000 Menschen zusammen. Zu hören waren Rufe wie „Maricarmen somos todos“ – „Wir alle sind Maricarmen“ – und Forderungen nach dem Rücktritt der konservativen Madrider Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso.
Ein Teil der Demonstranten zog anschließend auf den Paseo de la Castellana und blockierte dort die Straße. Die Polizei feuerte nach Angaben von EFE Gummigeschosse in die Luft. Bereits bei der eigentlichen Räumung war es zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen. Der Guardian berichtete, Polizisten hätten Schlagstöcke und Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt, die den Zugang zum Gebäude blockierten.
Wohnungskrise in Spanien: Protest gegen hohe Mieten und Spekulation in Madrid
Der Einsatz wird nun überprüft. Der Regierungsbeauftragte für Madrid, Francisco Martín, erklärte am Freitag laut Servimedia, es gebe Bilder vom Vorgehen einzelner Beamter, „die uns nicht gefallen haben“. Der regionale Polizeichef sei deshalb aufgefordert worden, die Vorgänge zu untersuchen.
Die Protestwelle hat sich inzwischen über Madrid hinaus ausgebreitet. RTVE berichtete am Donnerstag von Aktionen in 16 weiteren Städten, darunter Bilbao, Granada, Zaragoza und Santa Cruz de Tenerife. Bereits am Mittwoch hatten unter anderem in Barcelona, Valencia und Oviedo Menschen demonstriert.
Sánchez und Ayuso streiten über den Fall
Auch auf politischer Ebene hat die Räumung Folgen. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez bezeichnete sie als „soziale Tragödie, die wir nicht akzeptieren können“. Seine Regierung werde dem Parlament „dringend“ ein neues Wohnungspaket vorlegen, sagte Sánchez nach Angaben von EFE. Er kritisierte zugleich die Madrider Stadt- und Regionalregierung.
Die Regionalpräsidentin Ayuso wies die Verantwortung zurück. Die Räumung sei aufgrund einer Gerichtsentscheidung erfolgt und werde durch nationale Gesetze geregelt. Zugleich warf sie Sánchez vor, die Proteste gegen ihre Regierung anzuheizen, und sprach von einer „Flatrate der Demagogie“.
Innerhalb der spanischen Regierungskoalition wächst ebenfalls der Druck. Sumar fordert unter anderem, die Wohnung zu enteignen. Die Regierung arbeitet nach Informationen von RTVE daran, bereits am kommenden Dienstag ein neues Dekret mit Schutzmaßnahmen gegen Zwangsräumungen im Kabinett zu verabschieden. Für eine spätere Zustimmung im Parlament braucht sie allerdings weitere Partner.
Demonstranten prangern Immobilienspekulation und steigende Wohnkosten an und fordern einen besseren Mieterschutz sowie Zugang zu bezahlbarem Wohnraum.
© C. Carvajal/imago
Maricarmen meldet sich aus dem Krankenhaus
Maricarmen befindet sich auch am Freitag noch im Madrider Krankenhaus Gregorio Marañón. Sie sei erschöpft, befinde sich aber in stabilem Zustand, berichtete El País unter Berufung auf die Mieterorganisation.
In einer Videobotschaft meldete sich die 87-Jährige erstmals selbst zu Wort. „Ich habe es nicht geschafft, mein Zuhause zu verteidigen“, sagte sie. Sie habe aber dafür gekämpft, „dass die anderen lernen, für ihres zu kämpfen“.
Für Samstag ruft sie zur nächsten Demonstration auf. Unter dem Motto „Ni una Maricarmen más“ – „Keine weitere Maricarmen“ – soll die Kundgebung um 18.30 Uhr an der Puerta del Sol beginnen und über das Madrider Rathaus bis zum spanischen Parlament führen.
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