Die Bundesregierung geht dem Achtstundentag an den Kragen. Und auch in den Konzernen geraten bewährte Arbeitszeitmodelle zunehmend unter Druck. Laut einem Bericht der Wirtschaftswoche erwägt Mercedes, die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden zu erhöhen – und das ohne Lohnausgleich.
Schon seit Monaten brechen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und andere Politiker einen Streit über die angeblich zu „faulen Deutschen“ vom Zaun. Laut Koalitionsvertrag soll der klassische Achtstundentag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzt werden, die sich an der europäischen Arbeitszeitrichtlinie orientiert.
Die EU-Regelung sieht eine wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden vor – das wären acht Stunden mehr Arbeit als aktuell in Deutschland. Doch löst mehr Arbeit wirklich Deutschlands wirtschaftliche Probleme?
Deutsche zu faul? Unternehmerin kontert Merz: „Arbeitnehmer haben größere Probleme“
„Mehr Arbeit“? Warum junge Menschen nicht an Merz’ Aufstiegsversprechen glauben
Reform des Arbeitszeitgesetzes für Juni geplant
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) bestätigte vor wenigen Tagen bei einer Regierungsbefragung im Bundestag, dass ein entsprechender Gesetzesentwurf bereits im Juni kommen soll. Die Arbeitszeit in Deutschland könnte damit neu definiert werden. Merz dürfte das als politischen Erfolg verbuchen. Der Kanzler kritisiert seit Monaten die angeblich sinkende Arbeitsmoral im Land. „Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“, erklärte er bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Mai 2025.
Wie genau die Reform am Ende aussieht, ist bislang unklar. Union und SPD begründen den Schritt vor allem mit mehr Flexibilität und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Kritiker befürchten dagegen deutlich längere Arbeitstage – mit erheblichen Folgen für Gesundheit und Privatleben.
Mitarbeiter von Mercedes-Benz arbeiten im Werk in Bremen: Der Stuttgarter Autobauer erwägt offenbar, die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden zu erhöhen.
© Carmen Jaspersen/dpa
Mehr arbeiten? Studie warnt vor gesundheitlichen Folgen
Diese Sorgen sind gut begründet. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2025 kam zu dem Ergebnis, dass längere Arbeitszeiten einen hohen Preis haben. „Arbeitsmedizinisch ist längst erwiesen, dass Arbeitszeiten von mehr als acht Stunden die Gesundheit gefährden“, heißt es. Langfristig steige dadurch das Risiko für Burnouts, Erschöpfung, Schlaganfälle, Diabetes und bestimmte Krebsarten.
Die Studienautoren warnen zudem vor höheren Unfallrisiken und neuen Betreuungskonflikten. Gerade die Planbarkeit von Arbeitszeiten sei entscheidend für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Längere Arbeitstage könnten deshalb vor allem Frauen weiter aus dem Arbeitsmarkt drängen.
Die eigentlichen Bremsklötze der deutschen Wirtschaft liegen ohnehin woanders: eine marode Infrastruktur, ein immer unübersichtlicherer Bürokratiedschungel, ein massiver Rückstand bei der Digitalisierung – und Verbraucher, die sich Investitionen schlicht nicht mehr leisten können.
Laut einer Analyse des Ifo-Instituts müssen immer mehr Menschen ihr Konto überziehen oder verfügen kaum noch über Rücklagen. Treiber sind vor allem steigende Lebenshaltungskosten für Miete, Lebensmittel und Energie. Genau dort müsste die Politik ansetzen, statt eine Debatte über angeblich zu faule Deutsche zu führen.
Inflation springt auf höchsten Stand seit 2024: Erhöhen Rewe und Co. jetzt die Preise?
Stagflation: Das Schreckgespenst aus den 70er-Jahren wird wieder zur realen Gefahr
Deutsche sind nicht faul – aber nicht produktiv genug?
Mehrere Statistiken widersprechen zudem Merz’ Theorie, Deutschland sei ein Land der Faulenzer. Zwar liegt Deutschland mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 34,8 Stunden unter dem EU-Schnitt von 37,1. Das liegt jedoch vor allem am hohen Teilzeit-Anteil. Mit 29 Prozent hat Deutschland europaweit die dritthöchste Teilzeitquote. Wer in Vollzeit arbeitet, liegt hierzulande mit 40,2 Stunden hingegen fast exakt im EU-Schnitt (40,3).
Das eigentliche Problem ist nicht die Arbeitszeit, sondern die Produktivität. Deutschlands Vorsprung schmilzt seit Jahren dahin. 2023 lag die deutsche Arbeitsproduktivität laut Eurostat nur noch bei 101,6 Punkten (EU27 = 100). 2005 arbeitete Deutschland noch rund zehn Prozent produktiver als der EU-Durchschnitt. In weniger als zwanzig Jahren ist Deutschland damit fast auf EU-Niveau zurückgefallen.
„Deutschland ist nie durch mehr Arbeitszeit reich geworden und wird es auch nie“, sagte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Wohlstand entsteht durch höhere Produktivität, nicht durch längere Wochen.“ Die Politik müsse deshalb stärker an Produktivität, Qualifikation und besseren Rahmenbedingungen für Beschäftigte arbeiten.
Uli Hoeneß würde „mehr Steuern zahlen, wenn die Leute mehr arbeiten“
Selbst Prominente wie Uli Hoeneß greifen inzwischen Merz’ Argumentation auf. „Die Probleme unseres Landes liegen darin, dass wir einfach viel zu wenig arbeiten“, sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern im Spiegel-Interview. Gewerkschaften würden den Menschen „etwas Gutes tun“, wenn sie sich stärker für mehr Arbeit einsetzen würden. „Ich würde gerne zwei, drei Prozent mehr Steuern zahlen, wenn durchgesetzt wird, dass die Leute mehr arbeiten.“ Die Forderung wirkt umso bemerkenswerter, weil Hoeneß selbst wegen millionenschwerer Steuerhinterziehung verurteilt wurde.
Die Ausführungen von Hoeneß zeigen erschreckend offen, wie wenig Ahnung einige Menschen von volkswirtschaftlichen Grundlagen haben. Es ist die ewige Leier von bequemen Bürgergeldempfängern und faulen Menschen im Land, die, anders als Hoeneß, Merz und die Mercedes-Vorstände, einfach nicht verstehen, dass man nur viel arbeiten und fleißig sein muss, um in Deutschland großen Wohlstand zu erwirtschaften. Die Rechnung klingt einfach und plausibel. Aber sie führt meilenweit weg von der harten Realität bei uns im Land.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]