Regionalliga Nordost

Nach 1220 Tagen: Warum Zwickau den Trainer opfert, der den Verein rettete

Nur ein Sieg aus acht Spielen, Absturz auf Rang 11: Der FSV Zwickau hat Trainer Rico Schmitt entlassen. Was hinter dem Aus des Retters steckt.

Andreas Baingo
5 Min
Die Zeit ist abgelaufen: Nach 1220 Tagen ist Rico Schmitt nicht mehr Trainer des FSV Zwickau.

Die Zeit ist abgelaufen: Nach 1220 Tagen ist Rico Schmitt nicht mehr Trainer des FSV Zwickau.

© Picture Point/Sven Sonntag/Imago

Rico Schmitt ist seit dem zurückliegenden Wochenende nicht mehr Trainer des FSV Zwickau. Was mancherorts als Knall bezeichnet worden ist, wahlweise auch als Beben, ist weder das eine und schon gar nicht das andere. Denn auch in der Regionalliga, also in der Viertklassigkeit, herrschen die Gesetze wie in den drei höheren Ligen.

Misserfolg entzweit. Schlechte Ergebnisse waren noch nie gute Argumente. Nicht für eine Mannschaft, viel weniger noch für den Coach. Also doch nur eine Entlassung wie anderswo auch und überall auf der Welt.

FSV Zwickau unter Rico Schmitt: 31 Heimspiele ohne Niederlage

Vielleicht aber doch nicht. Denn die Verbindung Schmitt mit Zwickau und FSV mit diesem Trainer hatte über die ganzen 1220 Tage ihres Bestehens etwas zumindest leicht Spezielles. Erst ausgangs des vorigen Spieljahres hatten die Westsachsen ihre Serie von Heimspielen ohne Niederlage auf 31 geschraubt.

Sage und schreibe 23 Monate waren sie in ihrem Stadion in Eckersbach ungeschlagen geblieben. Außerdem hatten sie es auf Rang 3 gebracht, wenn auch deutliche acht Punkte hinter dem 1. FC Lok Leipzig und Carl Zeiss Jena. Dazu hatte der Saisonbeginn mit einem 2:1-Erfolg eben bei den Thüringern die Ansprüche noch gesteigert. Nur wurde der Altmeister, als ZSG Horch wurden die Zwickauer 1950 erster DDR-Meister, diesen in der Folge seltener gerecht als erwartet.

Angeblich hätten Vorstand und Aufsichtsrat nicht mehr den Glauben daran gehabt, mit dem eigentlich erfolgreichen Trainer die aktuelle Krise – nur ein Sieg aus den letzten acht Ligaspielen, Rutsch auf Tabellenrang 11 – zu meistern. Bereits kurz nach Beginn des Spieljahres waren erste Risse entstanden, weil da die Ergebnisse halbwegs stimmten, die Leistungen aber zu schwankend waren.

Robin Lenk und die hohen Ziele des FSV Zwickau

Hatte Schmitt selbst die Latte hochgelegt? Vielleicht zu hoch? Sportdirektor Robin Lenk hatte Ziele ausgegeben, die Interpretationen nach allen Seiten möglich machen: „Vom ersten Spieltag an wollen wir dort sein, wo die Musik spielt. Trotzdem bleiben wir realistisch, weil wir nicht zu den absoluten Top-Mannschaften der Liga gehören. Aber den Weg, den wir in den vergangenen drei Jahren gegangen sind, dass wir uns alle halbe Jahre verbessert haben, wollen wir weitergehen, uns Stück für Stück verbessern, ohne durchzudrehen.“

War die Entlassung von Schmitt deshalb ein Fluch der guten Tat? Ja und nein.

Wie Rico Schmitt den FSV Zwickau vor dem Absturz bewahrte

Ja, weil der 58-Jährige 2023 gekommen war, als der FSV mal wieder am Boden lag. Sportlich waren die Westsachsen nach sieben Jahren aus der Dritten Liga abgestiegen. Wirtschaftlich sah es noch deutlich schlechter aus. Manche glaubten gar, die „Schwäne“ – der Schwanenteich liegt ganz nahe an Zwickaus Zentrum, außerdem sind sechs dieser Wasservögel im Stadtwappen – würden ganz und gar untergehen.

Dass die wirtschaftliche Katastrophe ausblieb, ist vor allem Geschäftsführer André Beuchold zu verdanken, der einen rigiden Sparkurs einschlug. Dass aber auch der sportliche Untergang vermieden wurde, ist ein Verdienst von Rico Schmitt. Deshalb sagt Beuchold zur Trennung das, was ein Geschäftsführer in derartigen Situationen so sagt: „Bei aller Verbundenheit und Dankbarkeit – am Ende steht der Verein über allem.“

Mit Verbundenheit meint er die zum FSV und in gleichem Atemzug die Verantwortung, „auch schwierige Entscheidungen treffen zu müssen, die wir für die Zukunft unseres Vereins als notwendig erachten“.

0:3 gegen Aue, 0:3 beim BFC Preussen: Das Ende in Zwickau

Andererseits war die Trennung von Schmitt kein Fluch der guten Tat, weil er die Latte zwar in ziemliche Höhen gelegt hatte, es aber nicht hinbekam, den FSV auf diesem Niveau halbwegs auf Stabilität zu trimmen. Das sollte nicht heißen, den Vereinen, die Sportvorstand Lenk „in einem anderen wirtschaftlichen Regal“ verortet, Konkurrenz zu machen.

Da waren die Zwickauer angeblich ganz bei sich und ihrem Konsolidierungskurs geblieben. Aber dass es zuletzt im immer wieder aufgeladenen Derby gegen Aue ein fast schon widerstandsloses 0:3 gab und der Sportdirektor nahezu fassungslos war („Wir sind im absolut grauen Mittelmaß angekommen – nicht nur tabellarisch“), hatte die Zündschnur deutlich kürzer werden lassen.

Nachdem Lenk vor dem Spiel beim BFC Preussen eine Wende zumindest in den Köpfen der Spieler festgestellt haben wollte („Jeder weiß, was er verzapft hat“), aus der angestrebten Wiedergutmachung aber ein erneut niederschmetterndes 0:3 wurde, war das Fass übergelaufen und der Trainer Geschichte.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Rico Schmitt: Trainer mit Spuren in Aue, Halle und Jena

Dabei hatte Schmitt als einer aus der Region fast perfekt zum FSV gepasst. Als junger Mittelfeldspieler hatte er beim damaligen FC Karl-Marx-Stadt das Zeug zu höheren Weihen, gehörte Mitte der 1980er-Jahre der U 16-Auswahl der DDR an, in die Oberliga aber schaffte er es dann doch nicht. Dafür wurde er ein Trainer, der vor allem im Osten Spuren hinterließ.

Mit Erzgebirge Aue gelang ihm 2010 der Aufstieg in die 2. Bundesliga und als Neuling mit Tabellenrang 5 die beste Platzierung der Veilchen im gesamtdeutschen Fußball. Den Halleschen FC übernahm er im April 2016 als Drittligist in Abstiegsgefahr, schaffte mit ihm dennoch den Klassenerhalt und nur Monate später einen viel beachteten Sieg im DFB-Pokal über den 1. FC Kaiserslautern.

Nur in Jena passte es nicht. Dort trat er in die Fußstapfen von Lukas Kwasniok, übernahm den FC Carl Zeiss vom späteren Bundesligatrainer des 1. FC Köln allerdings als Drittliga-Schlusslicht, das die Thüringer jedoch bis zum Saisonende blieben und das Schmitt nicht mehr als dortiger Trainer erlebte.

Nun das Aus in Zwickau. Vielleicht gibt es für Schmitt anderswo einen Neustart. Es muss ja nicht wieder in Sachsen oder Thüringen sein.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner