Nach 70 Jahren ist eine Frau wieder Rabbinerin einer Jüdischen Gemeinde

Und sie kann es doch

Marlies Emmerich
3 Min

Es ist eine programmatische Frage, die die erste deutsche Rabbinerin Regina Jonas 1935 in ihrer Ordinationsarbeit untersucht hat: "Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?" Ihre erste Nachfolgerin nach mehr als 70 Jahren hat diese Frage am Wochenende ganz paktisch beantwortet. Nach dem traditionellen Gottesdienst zu Shabbat und einem großen Festakt am Sonntag darf sich Gesa S. Ederberg ganz offiziell Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin nennen. Die 38-Jährige, Mutter von sechsjährigen Zwillingen, steht als Geistliche der liberalen Synagoge Oranienburger Straße in Mitte vor.250 Gäste zeigen, dass der Amtsantritt der ersten deutschen Rabbinerin nach dem Holocaust ein Großereignis ist: Die israelische Botschaft schickt Gesandten Ilan Mor. Aus der Politik sind Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und der SPD-Politiker Karsten Voigt gekommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Innenminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) senden Grußworte. In den meisten Reden wird von einem mächtigen und historischen Moment gesprochen.Die Festgemeinschaft spürt nur wenig von den großen Erschütterungen in der Gemeinde. Der orthodoxe Rabbiner Yitzhak Ehrenberg hatte, wie berichtet, in einem Brief angezweifelt, dass der Übertritt der als Christin getauften Ederberg aus religiöser Sicht rechtens sei und dabei gleich eine ganze Reihe Konservative auf seine Seite gezogen. Für Orthodoxe ist eine Frau in einem geistlichen Amt ein Graus und ein Bruch religiöser Gesetze. In einem orthodoxen Gottesdienst sitzen Jüdinnen auch getrennt durch eine Wand von den Männern.Gemeindechef Gideon Joffé, übrigens als einziger aus dem Gemeindevorstand anwesend, greift den Konflikt offensiv auf: "Es sind ausschließlich Männer, die sich durch eine Rabbinerin provoziert fühlen." Dabei würden Frauen doch seit Jahrzehnten beweisen, dass sie alle Berufe ausüben können. Solche Diskussion wie die der vergangenen Tage würden nicht in die heutige Zeit passen. Die aus Hamburg angereiste evangelische Bischöfin Maria Jepsen erinnert daran, dass es bei ihrer Amtseinführung als erste Bischöfin vor rund 15 Jahren eine ähnliche Unruhe innerhalb der eigenen Kirche gegeben habe. Und auch Nathan Kalmanowic, Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, sagt, dass es im Zentralrat ein "sehr, sehr langer Weg" gewesen sei, die Realitäten anzuerkennen - als Dachverband für alle Strömungen im Judentum zu agieren. Dann wünscht sich Kalmanowic unter allgemeinem Gelächter, sich wichtigeren Aufgaben zu widmen: nämlich dafür zu sorgen, dass Juden in Synagogen gehen, damit diese nicht leer stehen. Der New Yorker Rabbiner Ismar Schorsch, Direktor des internationalen Leo-Baeck-Institutes, würdigt den starken Willen Ederbergs, die sich gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt habe. Schorsch und zwei weitere Rabbiner aus den USA zelebrieren schließlich die offizielle Einführung in das rabbinische Amt.------------------------------Foto: Gideon Joffé, Chef der Jüdischen Gemeinde, beglückwünscht Gesa Ederberg zur Ordination als Rabbinerin. In der Gemeinde gibt es viel Streit darüber.

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