Die Krise im Schwarzen Meer spitzt sich weiter zu. Nach den schweren russischen Angriffen auf ukrainische Häfen nennt Kiew nun erstmals einen kritischen Zeitpunkt für die Getreideexporte: Der 1. Oktober sei eine Art „Punkt ohne Wiederkehr“, sagte Kyrylo Budanow, Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, Ende der Woche beim internationalen Forum „Ukraine morgen“.
Die Ukraine führe derzeit Gespräche mit mehreren Staaten, um eine Lösung für den Export ihrer Agrarprodukte zu finden. Bis zum 1. Oktober bleibe dafür noch Zeit, sagte Budanow. Ganz absolut versteht er das Datum allerdings nicht: Er bezeichnete es selbst als einen „bedingten, ziemlich bedingten“ Punkt ohne Wiederkehr und zeigte sich überzeugt, dass zuvor eine Lösung gefunden werde.
Wie groß der Zeitdruck inzwischen ist, zeigen neue Zahlen des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums. Zwischen dem 1. und 26. August exportierte das Land 1,423 Millionen Tonnen Getreide, Ölsaaten und verarbeitete Agrarprodukte – nur etwa ein Drittel des möglichen Volumens.
Nach Angriffen auf Schwarzmeerhäfen: EU lehnt 220 Millionen Euro Ukraine-Hilfe ab
Schwarzes Meer statt Hormus: Bauern bleiben auf ihrem Getreide sitzen – was passiert jetzt damit?
Schwarzes Meer: Ukraine kann nur ein Fünftel ihres Getreides exportieren
Beim Getreide allein fällt der Einbruch noch drastischer aus: Gerade einmal 822.000 Tonnen wurden in diesem Zeitraum ausgeführt. Das entspricht lediglich 21 Prozent der potenziell möglichen Menge.
Das Problem ist vor allem die Logistik. Rund 600.000 Tonnen Agrarprodukte wurden über die Schiene und weitere 600.000 Tonnen über die Donau transportiert. Die Straße spielt mit etwa 80.000 Tonnen kaum eine Rolle – auch weil sie die teuerste Alternative ist.
Für die Bauern hat das bereits Konsequenzen. Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj erwartet, dass im Herbst weniger Winterweizen ausgesät wird. Die hohen Logistikkosten könnten Landwirte zudem dazu bringen, stärker auf Ölsaaten umzusteigen. Beim Getreide seien alternative Exportwege teilweise inzwischen schlicht unrentabel, hatte Wyssozkyj bereits zuvor gewarnt.
Schon Mitte August hatte Kiew davor gewarnt, dass mehr als die Hälfte der für den Export vorgesehenen Ernte im Land bleiben könnte. Bis November könnte eine Lagerlücke von elf Millionen Tonnen entstehen; mehr als 10,8 Milliarden Euro wären dann in unverkäuflichen Beständen gebunden.
Ukrainisches Getreide: Bis zu 70 Schiffe stauen sich vor der Donau
Doch selbst die wichtige Ausweichroute gerät inzwischen an ihre Grenzen. Vor dem Sulina-Kanal an der Donau warteten vergangene Woche zeitweise bis zu 70 Schiffe auf die Weiterfahrt zu ukrainischen Häfen. Teilweise könnten nur zwei bis drei Schiffe am Tag passieren, berichtete Reuters.
Vom 1. bis 21. August wurden über die ukrainischen Donauhäfen rund 539.000 Tonnen Getreide ausgeführt. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 1,73 Millionen Tonnen. Für ein wartendes Schiff können Kosten von bis zu 8000 Dollar pro Tag entstehen.
Die Entwicklung verschärft die Lage, über die die Berliner Zeitung bereits vor gut einer Woche berichtete. Die ukrainische Regierung hatte die EU-Kommission um zusätzliche 220 Millionen Euro direkte Unterstützung für ihre Bauern gebeten. Brüssel lehnte ab und verwies stattdessen auf bestehende Kredit- und Hilfsprogramme.
Selenskyj: Russland lehnt Waffenruhe für Getreideschiffe ab
Eine schnelle politische Lösung zeichnet sich bislang ebenfalls nicht ab. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am 24. August, Russland sei nicht bereit, die Angriffe auf Schiffe mit Agrargütern im Schwarzen Meer einzustellen.
Die Ukraine hatte vorgeschlagen, zivile Schiffe im Schwarzen Meer nicht mehr anzugreifen. Russland verlangt nach Angaben von Reuters jedoch eine weitergehende Vereinbarung, die auch ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien und Pipelines einschließt. Selenskyj wies eine solche Verknüpfung zurück.
Kiew schlägt Moskau Feuerpause im Schwarzen Meer vor
Auch Russlands Bauern bleiben auf ihrer Ernte sitzen
Die Blockade trifft inzwischen allerdings zunehmend auch die russische Landwirtschaft. Durch die gestörten Exporte über das Schwarze und Asowsche Meer wächst auf dem russischen Binnenmarkt ein Getreideüberschuss – und die Preise für die Bauern fallen.
Russland hat bereits mehr als 100 Millionen Tonnen Getreide geerntet. Doch alternative Exportrouten über Ostsee und Kaspisches Meer sowie möglicherweise die Arktis sind teurer und können die südlichen Häfen nach Einschätzung des russischen Getreideverbandes nur teilweise ersetzen.
Was der Ukraine-Beitritt jetzt für Europas Landwirtschaft bedeuten würde
Ost-Löhne steigen stärker als im Westen: Kriegt das noch jemand mit?
Russische Bauern fordern deshalb inzwischen weitere Gegenmaßnahmen. Die Agrarlobby „Volksbauer“ fordert bereits, weniger Wintergetreide auszusäen, um den Überschuss nicht noch weiter zu vergrößern. Das Landwirtschaftsministerium warnt dagegen vor einer zu starken Verringerung der Anbauflächen.
Die Folgen reichen längst über die Region hinaus. Ägypten bezog zuletzt mehr als 80 Prozent seiner Weizenimporte aus Russland und der Ukraine; Indonesien sucht bereits nach Ersatzlieferungen aus anderen Ländern. Für Kiew bleiben damit noch rund vier Wochen, um den von Budanow beschriebenen „Punkt ohne Wiederkehr“ abzuwenden.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]