Polizeiermittlungen

Nadeln in Süßigkeiten: Was ist dran am „Halloween Sadism“?

Nach Halloween melden Behörden in mehreren Bundesländern Funde von Nadeln, Schrauben und Büroklammern in Süßigkeiten. Kriminologen ordnen das Phänomen ein.

3 Min
In mehreren Bundesländern wurden Süßigkeiten an Halloween mit Nadeln präpariert.

In mehreren Bundesländern wurden Süßigkeiten an Halloween mit Nadeln präpariert.

© Julian Stratenschulte/dpa

Auch Tage nach Halloween registrieren deutsche Behörden weiterhin Funde von präparierten Süßigkeiten. Auf Usedom entdeckten Eltern eine Büroklammer in einer Süßigkeit und in Thüringen fand sich eine Stecknadel im Naschwerk. Auch in mehreren Orten in Sachsen-Anhalt wurden Nadeln oder andere Metallobjekte in den gesammelten Süßigkeiten entdeckt. Mittlerweile gibt es Vorfälle im gesamten Bundesgebiet.

Lisa Natter von der Kriminologischen Forschungsgruppe beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) ordnet das Phänomen auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur als „Halloween Sadism“ ein. Der Begriff wurde in den 1980er-Jahren vom US-Soziologen Joel Best geprägt. Dieser habe das Phänomen als moderne urbane Legende untersucht, „die als wahr erzählt wird und auch gesellschaftliche Ängste ausdrückt, deren tatsächliches Ausmaß aber häufig durch empirische Belege nicht gedeckt ist“, so Natter.

Einzelne Fälle – wie aktuell in Deutschland, aber auch in Österreich, Irland, Dänemark und Norwegen – würden damit nicht in Abrede gestellt. „Es zeigt sich vielmehr, dass die Erzählungen als Resonanzraum für allgemeinere gesellschaftliche Ängste dienen“, erklärte Natter. Da der Schutz von Kindern ein emotional aufgeladenes Thema sei, bekämen entsprechende Berichte besondere Aufmerksamkeit.

Kaum Täter ermittelt – Motive bleiben spekulativ

Eine systematische Forschung zum „Halloween Sadism“ existiere nicht, auch weil Täter nur selten identifiziert würden, sagte die Fachfrau. Rückschlüsse auf Motive seien daher kaum möglich. Es müsse nicht zwingend ein sadistisches Motiv im Sinne einer gezielten Schädigungsabsicht vorliegen. Denkbar seien auch Provokation, Aufmerksamkeitssuche oder schlichte Nachahmung.

In mehreren Fällen stellte sich heraus, dass die vermeintlich Geschädigten die Manipulation selbst vorgenommen hatten. In Thüringen hatte ein neun Jahre altes Mädchen einen Holzspieß selbst in einen Schokoriegel gesteckt, woraufhin der Vater seine Anzeige zurückzog. In Bayern räumten inzwischen ebenfalls zwei Kinder ein, Süßigkeiten selbst präpariert zu haben – beide sind nach Polizeiangaben strafunmündig. Vergleichbare Einzelfälle seien auch aus den USA bekannt, so Natter.

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Soziale Medien als möglicher Verstärker

Als Erklärung für die Häufung in diesem Jahr rücken soziale Medien in den Fokus. Ein Sprecher der Polizei Essen erklärte: „Wir gehen aktuell davon aus, dass die Täter die Anregung zur Begehung dieser Straftaten aus dem Internet haben. Die Ermittlung zu einer solchen Quelle dauert an.“ Auch Natter hält diesen Zusammenhang für plausibel. Entsprechende Berichte könnten gesellschaftliche Ängste verstärken und „möglicherweise Nachahmungshandlungen begünstigen“. Dem BLKA sei allerdings kein konkreter aktueller Social-Media-Trend bekannt.

Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), vermutet gegenüber der dpa einen viralen Effekt: Alles könne mit einer einzigen Person angefangen haben, die Bekannten auf Social Media von einer manipulierten Süßigkeit berichtet habe. „Und schon verbreitet sich diese irgendwie verrückte Geschichte in der nächsten Stunde auf diesem Weg bei einer rasant wachsenden Zahl von Menschen und stößt so am selben Tag auch auf einzelne Personen, die die Tat nachahmen“, so Pfeiffer.

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