In einem politischen System, das kaum noch Opposition duldet, war Boris Nadeschdin lange eine Ausnahme. Ein Politiker, der seit den 1990er-Jahren im Geschäft ist und dabei nie ganz zum Establishment und nie ganz zur Opposition gehörte.
Unter Boris Jelzin saß Nadeschdin in der Staatsduma und hat sich über Jahrzehnte als moderater, aber unbequemer Kritiker des Kreml positioniert – ohne dabei, anders als etwa Alexej Nawalny, zur offenen Gegnerschaft mit Wladimir Putin überzugehen. Bekannt wurde er einem breiteren Publikum spätestens 2024, als seine Präsidentschaftskandidatur mit einer klaren Botschaft für Frieden und ein Ende des Kriegs gegen die Ukraine überraschend viel Zulauf fand, ehe die Wahlkommission ihn von der Wahl ausschloss.
Nun hat sich die Lage für Nadeschdin noch einmal zugespitzt. Als er im Sommer erneut für ein Mandat in der Duma kandidieren wollte, geriet er ins Visier der russischen Behörden. Er wurde zum „ausländischen Agenten“ erklärt, festgenommen, ein Strafverfahren rückte in greifbare Nähe. Innerhalb weniger Tage entschied er sich zu einem Schritt, den er selbst lange für unwahrscheinlich gehalten hatte: Russland zu verlassen. Wie es dazu kam und unter welchen Umständen die Ausreise gelang, schildert er im Gespräch mit dieser Zeitung.
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Im Interview spricht Nadeschdin aber nicht nur über die vergangenen Wochen, sondern auch darüber, wie er die Stimmung in der russischen Bevölkerung derzeit einschätzt: wie sich Kriegsmüdigkeit, steigende Preise und der Alltag im Schatten des Krieges auf die Haltung vieler Russinnen und Russen gegenüber Putin und dem Krieg auswirken und warum der Kreml offenbar auch eine kleine Oppositionspartei wie Jabloko als Bedrohung wahrnimmt.
Herr Nadeschdin, wie geht es Ihnen?
Körperlich gut, moralisch ist es natürlich nicht einfach. Noch vor einem Monat deutete nichts darauf hin, dass ich emigrieren würde. Jetzt weiß ich nicht, wie und wo ich weiterleben werde. Eine meiner Töchter hat geheiratet, und ich konnte nicht einmal bei der Hochzeit dabei sein. Die beiden jüngeren Kinder gehen in Russland noch zur Schule. Meine Frau beantragt vorsichtshalber für sie ein Visum, aber wir wissen derzeit nicht, wie es weitergeht. Meine eigene Situation ist völlig unklar. Das Geld reicht vielleicht für einen Monat. Und was danach kommt, weiß ich nicht. Nach Russland kann ich nicht zurück. Gegen mich laufen mehrere Gerichtsverfahren, praktisch jede Woche gibt es einen Gerichtstermin. Möglicherweise folgen darauf Strafverfahren.
Sie hatten eine Ausreisesperre. Wie ist es Ihnen gelungen, Russland zu verlassen?
Das ist eine erstaunliche Geschichte. Ich habe keine Insiderinformationen, aber die Abfolge der Ereignisse spricht für sich: Die Entscheidungen über mich wurden offensichtlich ständig geändert. Noch bis Juli konnte ich für die Staatsduma kandidieren. Dabei hätte man mich schon viel früher zum „ausländischen Agenten“ erklären und mir den Weg zu den Wahlen versperren können. Schließlich hatte ich bereits im Herbst vergangenen Jahres angekündigt, dass ich für die Duma kandidieren werde. Kaum hatte Putin das Dekret über die Wahlen unterzeichnet, erklärte ich meine Kandidatur.
Zur Person
Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Am 10. Juli wurde ich zum „ausländischen Agenten“ erklärt, am 13. Juli nahm mich die Polizei fest. Man sagte mir ins Gesicht: „Wir bringen Sie jetzt vor Gericht, dort werden Sie verhaftet.“ Das ist in Russland gängige Praxis: zunächst 15 Tage Haft, dann weitere 15, und so kann man monatelang festgehalten werden. Ich war darauf vorbereitet. Nach meiner Festnahme gab es allerdings eine große öffentliche Aufmerksamkeit, vor dem Gericht versammelten sich Menschen, und die Verhandlung wurde vertagt.
Wie ging es dann weiter?
Am Ende bekam ich keine Haftstrafe, sondern eine Geldstrafe. Aufgrund dieses Verfahrens durfte ich aber nicht mehr an den Wahlen teilnehmen. Danach wurde mir die Ausreise verboten. Ich legte Beschwerde ein, und am 21. Juli geschah etwas Bemerkenswertes: Ich bekam eine Vorladung zum Ermittlungskomitee, was ein mögliches Strafverfahren bedeutete, und gleichzeitig verschwand die Ausreisesperre. Meine Anwälte sagten: „Das ist ein ziemlich eindeutiges Signal, dass Sie besser gehen sollten.“ Vielleicht hatte unsere Beschwerde Erfolg. Vielleicht aber kam man im Kreml zu dem Schluss, dass Nadeschdin im Ausland besser „aufgehoben“ ist als im Gefängnis.
Und dann sind Sie regelrecht geflohen?
Meine Frau und ich haben buchstäblich ein paar Sachen in den Koffer geworfen und bei der Bank Rubel in einige tausend Euro umgetauscht. Wir hatten ja weder internationale Bankkarten noch ein Visum für die EU. Wir schauten, wohin wir mit dem russischen Reisepass sofort fliegen konnten, und kauften Flugtickets nach Kasachstan. Dort beantragten wir ein französisches Visum, vor allem, weil Frankreich niemanden ausliefert.
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Sie sind ein erfahrener Politiker und sagen oft, dass Sie schon Politik gemacht haben, als es weder Putin noch Jelzin gab. Haben Sie wirklich geglaubt, dass man Sie diesmal zur Wahl zulassen würde?
Ich bin tatsächlich, wie Sie zu Recht sagen, ein sehr erfahrener Politiker. Ich habe es geschafft, in der russischen Politik zu bleiben, auch als das Putin-Regime immer repressiver wurde. Ich habe überlebt, weil ich nie rote Linien überschritten habe. Ich habe Putins Politik kritisiert, ihn aber nie persönlich angegriffen, wie etwa Alexej Nawalny. Und ich habe nie Unterstützung aus dem Ausland bekommen. Mir war bewusst, dass man mich jederzeit zum „ausländischen Agenten“ erklären konnte. Trotzdem habe ich meine politische Tätigkeit bewusst nicht eingestellt. Bis zum 10. Juli hat mich niemand gewarnt oder bedroht. Mein Fall ist der beste Beleg dafür, dass das Regime repressiver und gegenüber der Opposition immer weniger tolerant geworden ist. Man hat mich 40 Jahre lang geduldet. Jetzt musste ich das Land verlassen.
Sie wurden zum „ausländischen Agenten“ erklärt, die einzige offen kriegskritische Partei Jabloko wurde nicht zu den Wahlen zugelassen. Waren Sie und eine Partei, die bei der letzten Wahl gerade einmal rund 1,5 Prozent erhielt, für den Kreml tatsächlich eine solche Gefahr?
Zunächst dachte man im Kreml offenbar: Nadeschdin oder Jabloko sollen ruhig antreten, ohnehin wird niemand für sie stimmen. Dann ging es los: Menschen spendeten Geld, Tausende unterschrieben für meine Kandidatur. In meinem Wahlkreis verteilten wir mehr als 100.000 Flugblätter mit der Forderung nach Frieden und einem Ende des Krieges. Das Entscheidende war: Um Jabloko und mich begann sich ein gesellschaftlicher Wunsch nach Frieden zu sammeln. Als ich für das Präsidentenamt kandidierte, war die Gesellschaft ungefähr zur Hälfte in Befürworter von Frieden und Fortsetzung des Krieges geteilt. Nach meiner Einschätzung sprechen sich heute etwa zwei Drittel für ein Ende der Kampfhandlungen aus.
Worauf stützen Sie diese Einschätzung?
Schauen Sie sich die Erhebungen unabhängiger Institute wie Chroniky oder des Lewada-Zentrums an. Die Zahlen sind in etwa vergleichbar. Während des Wahlkampfs habe ich mit Hunderten, ja Tausenden Menschen gesprochen. Mein Eindruck ist: Bei den Jüngeren ist die Zustimmung zum Krieg gleich null, bei den über 60-Jährigen liegt sie nicht über 50 Prozent. Deshalb trifft die Forderung nach Frieden auf eine vorhandene Stimmung in der Gesellschaft. Bei mir stieg die Zustimmung während des Präsidentschaftswahlkampfs um etwa fünf Prozentpunkte pro Woche. Fünf Wochen vor der Wahl, als ich aus dem Rennen genommen wurde, lag sie bereits bei über zehn Prozent.
In wenigen Tagen finden in Russland die Duma-Wahlen statt.
© Belkin Alexey/imago
Wenn die Stimmung gegen den Krieg tatsächlich so stark ist, warum sehen wir keine Massenproteste?
Weil die Menschen glauben, dass sie ohnehin nichts verändern können. Angst spielt dabei eine große Rolle. Aber sobald eine legale Möglichkeit entsteht, die eigene Haltung zu zeigen, wird sie genutzt. Für mich zu unterschreiben war ja legal. Und die Menschen haben das getan.
Warum betreibt das Regime einen solchen Aufwand, um unliebsame Kandidaten auszuschalten, wenn es Wahlen ohnehin manipulieren kann?
Das stimmt nicht. Wenn jemand das System kennt, dann ich. Ich war an der Ausarbeitung von Wahlgesetzen beteiligt und beobachte Wahlen seit 30 Jahren. Wahlen kann man zwar manipulieren, aber man kann die Wahlergebnisse nicht vollständig umschreiben.
Wie meinen Sie das?
Wenn Jabloko tatsächlich sieben Prozent hätte, könnte man das Ergebnis vielleicht auf vier Prozent drücken, sodass die Partei nicht in die Duma kommt. Aber wenn ein Kandidat tatsächlich mehr als zehn Prozent Unterstützung hat, wie ich 2024, kann man daraus technisch kaum vier Prozent machen. Die Mehrheit stimmt mit Papierstimmzetteln ab. Man kann nicht einfach die Stimmzettel für Jabloko aus der Wahlurne nehmen. Man kann zusätzliche Stimmen für die Kreml-Partei Einiges Russland produzieren. Aber man kann die Stimmen für die Opposition nicht einfach verschwinden lassen. Deshalb ist es für das Regime sicherer, einen Kandidaten gar nicht erst antreten zu lassen.
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In Deutschland denken viele, Putin habe über 80 Prozent Unterstützung.
Nach den Umfragen, die mir bekannt sind, liegt Putins Unterstützung tatsächlich bei 60 bis 65 Prozent. Für ein demokratisches Land mit einem echten politischen Wettbewerb wären 40 Prozent für einen Staatschef bereits ein hervorragender Wert. Für einen autoritären Herrscher sind dagegen alle Werte unter 80 Prozent sehr schlecht.
Spüren die Menschen in Russland die wirtschaftlichen Folgen des Krieges?
Und wie. Aus meinen Gesprächen mit Wählern lassen sich zwei große Probleme ableiten. Der wichtigste Grund für Unzufriedenheit sind steigende Preise. Die Lebensqualität ist deutlich gesunken, besonders bei Menschen mittleren Alters und bei Älteren. Rentnern fehlt teilweise schlicht das Geld für Medikamente. Der zweite Faktor ist alles, was mit dem Krieg zusammenhängt. Es gibt keinen Sprit, und die Menschen bringen das mit dem Krieg in Verbindung. Auf den Friedhöfen gibt es immer mehr Gräber, weil Männer im Krieg fallen. Das Internet wird mit Verweis auf die Gefahr durch Drohnen eingeschränkt. Die Folgen des Krieges sind inzwischen im Alltag angekommen.
Besonders für die ältere Bevölkerung wird die Lebensrealität in Russland immer schwerer.
© Ilya Moskovets/Imago
Sehen die Menschen also einen Zusammenhang zwischen der Verschlechterung ihres Lebens und dem Krieg?
Das hat Victoria Bonja (Anm. d. Red.: Victoria Bonja ist eine russische Influencerin mit rund 13 Millionen Instagram-Followern. Im April 2026 sorgte sie mit einem viralen Video für Aufsehen, in dem sie Präsident Putin direkt kritisierte, unter anderem mit dem Satz: Die Menschen haben Angst vor Ihnen.) treffend formuliert. „Lieber Wladimir Wladimirowitsch, alles ist schlecht geworden, bitte tun Sie etwas.“ Das ist zunächst die Haltung von 60 bis 70 Prozent der Russen: Alles ist schlecht, aber für alles im Land ist Putin verantwortlich, also soll er es wieder richten. Die Auffassung, dass Putin selbst und seine Politik das eigentliche Problem sind, vertreten derzeit vielleicht 15 bis 20 Prozent. Aber diese Erkenntnis breitet sich aus. Das ist auch ein Grund, warum man Nadeschdin und Jabloko von den Wahlen ausgeschlossen hat. Ich bin mit zwei Botschaften angetreten. Der Krieg muss beendet werden, und Putin muss gehen.
Einige Experten meinen allerdings, dass viele Russen diese Verbindung nicht unbedingt herstellen und die Schuld eher der Ukraine als dem Kreml geben.
Wenn eine Drohne auf einen Menschen fällt oder jemand nicht genug Geld hat, um Lebensmittel zu kaufen, denkt er zunächst nicht darüber nach, wer schuld ist. Er kämpft ums Überleben. Aber bei Wahlen stellt sich zwangsläufig die Frage: Wen soll ich wählen?
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Und da wird es auf die Regierungspartei Einiges Russland hinauslaufen, oder?
Solange die Lage in Russland noch einigermaßen gut war, waren die Menschen eher bereit, der Regierung zu glauben. Selbst in den ersten Kriegsjahren, als das Leben weitgehend normal weiterging. Das hat sich geändert. Wenn die Lage schlechter wird, beginnen die Menschen zwangsläufig, die Verantwortung bei der Regierung zu suchen. Die staatliche Propaganda erklärt ihnen, der verfluchte Westen bombardiere Russland. Aber wenn man die Menschen an eine einfache Tatsache erinnert – vor 2022 flogen keine Raketen und Drohnen tagtäglich nach Russland, danach schon. Da kann man die Frage nicht ewig vermeiden: Was hat sich verändert und wer trägt dafür die Verantwortung?
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