FRANKFURT A. M., 30. September. Der Ausgang der Bundestagswahl hat die Spekulation um die Nachfolge Hans Tietmeyers als Präsident der Bundesbank angeheizt. Für diese Position war eigentlich Jürgen Stark vorgesehen, der erst vor wenigen Wochen in das Direktorium der Bundesbank berufen wurde. Stark war zuvor Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Seine Chancen, Tietmeyers Nachfolge anzutreten, werden nun aber als äußerst gering eingeschätzt. Die künftige Bundesregierung dürfte vielmehr bestrebt sein, einen Vertreter der SPD an die Spitze zu hieven. Dabei werden verschiedene Namen genannt: die Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, Heide Simonis, die Finanzexpertin der SPD, Ingrid Matthäus-Maier, ebenso wie Heiner Flassbeck, Abteilungsleiter beim DIW in Berlin, und Hans-Jürgen Krupp, Präsident der Landeszentralbank Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Banker ohne Parteibuch Als aussichtsreichste Kandidaten gelten jedoch Edgar Meister und Ernst Welteke: Sie gehören beide schon dem Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank an, Edgar Meister als Mitglied des Direktoriums, Ernst Welteke als Präsident der Landeszentralbank in Hessen. Eine SPD-geführte Bundesregierung könnte sich von einem sozialdemokratischen Bundesbankpräsidenten eine Änderung in der geldpolitischen Ausrichtung erhoffen: Denn bisher war die Geldpolitik der Bundesbank vorrangig auf die Vermeidung des Inflationsrisikos ausgerichtet, eine Stimulierung der Konjunktur durch Zinssenkungen stand nicht im Vordergrund. Diese Präferenz war immer wieder Gegenstand der Kritik von Sozialdemokraten. Doch Mitglieder des Zentralbankrates handeln eben nicht streng nach Parteibuch, sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der DG-Bank: "Die Bundesbank hat eine eindeutige Zielsetzung und ein festes Rollenverständnis." Ohnehin verliert die Bundesbank mit der Einführung des Euro 1999 an Bedeutung: Direkten Einfluß auf die Geldpolitik hat sie dann nur noch über den Präsidenten der Bundesbank, der Mitglied im Zentralbankrat der Europäischen Zentralbank ist. Die EZB bestimmt von Januar an die europäische Geldpolitik. Nun dürften allerdings auch hier die Sozialdemokraten überwiegen, weil sie in vielen Euro-Ländern die Regierung stellen. Michael Heise von der DG-Bank hält die EZB für stark genug, sich den zu erwartenden Forderungen der Regierungen zu widersetzen: Diese könnten versuchen, über höhere Staatsausgaben und höhere öffentliche Defizite die Arbeitsmärkte anzukurbeln. Höhere Staatsdefizite werden meist mit höheren Zinsen am Kapitalmarkt erkauft. Die EZB werde aber "durch eine strikte Stabilitätspolitik beweisen, daß sie es ganz ernst meint mit ihrem Auftrag und daß sie alles tut, um den Euro zu einer international angesehenen Währung zu machen", sagte Heise.
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