Berlin ist bei den Löhnen längst nicht mehr typisch ostdeutsch. Während die Löhne in den ostdeutschen Flächenländern weiterhin deutlich hinter denen im Westen zurückliegen, hat sich die Hauptstadt abgesetzt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des AfD-Bundestagsabgeordneten René Springer und weiterer Abgeordneter hervor, die der Berliner Zeitung vorliegt.
Demnach lag das Medianentgelt sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter in Berlin 2025 bei 4459 Euro brutto im Monat. Damit weist die Hauptstadt den höchsten Wert Ostdeutschlands auf. 2022 waren es noch 3806 Euro. Innerhalb von drei Jahren ist der Berliner Median damit um 653 Euro beziehungsweise rund 17 Prozent gestiegen.
Ost-West-Abstand bleibt bei mehr als 500 Euro
Der Berliner Wert darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lohnunterschiede zwischen Ost und West insgesamt fortbestehen. 2025 betrug der Abstand beim Medianentgelt 554 Euro oder 14,7 Prozent. Im Jahr 2000 lag die absolute Differenz bei 642 Euro. In 25 Jahren ist die monatliche Lohnlücke damit lediglich um 88 Euro geschrumpft. Prozentual ist der Abstand aufgrund des insgesamt gestiegenen Lohnniveaus stärker zurückgegangen – von 34,8 auf 14,7 Prozent.
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Noch größer sind die Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern. Hamburg erreicht 2025 mit 4768 Euro das höchste Medianentgelt, Mecklenburg-Vorpommern mit 3497 Euro das niedrigste. Dazwischen liegen 1271 Euro. Berlin liegt nur 309 Euro hinter Hamburg. Gegenüber Mecklenburg-Vorpommern beträgt der Abstand dagegen 962 Euro.
„Politisches Armutszeugnis“
Springer bewertet die Zahlen scharf. „35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die deutsche Einheit auf dem Lohnzettel noch immer nicht angekommen“, sagt er gegenüber der Berliner Zeitung. Dass mehr als jeder dritte ostdeutsche Facharbeiter weniger verdiene als ein ungelernter Beschäftigter im Westen, sei „ein politisches Armutszeugnis“.
„Der Osten braucht keine Sonntagsreden der Regierung Merz, auf die nur weitere Zumutungen folgen“, so Springer weiter. Nötig seien „gut bezahlte Industriearbeitsplätze und Rahmenbedingungen, die wirtschaftliche Investitionen begünstigen, anstatt Unternehmer zu vertreiben“. Wer gleichwertige Lebensverhältnisse wolle, müsse dafür sorgen, „dass Wertschöpfung und Wohlstand auch im Osten entstehen“.
Springer: „Entscheidend ist nicht die Himmelsrichtung“
Für René Springer ist die Hauptstadt der Beleg dafür, dass die Lohnunterschiede nicht allein mit der früheren deutschen Teilung erklärt werden können. „Berlin zeigt, dass hohe Löhne im Osten möglich sind“, sagte der AfD-Bundestagsabgeordnete der Berliner Zeitung. „Entscheidend ist deshalb nicht die Himmelsrichtung, sondern wo gut bezahlte Arbeitsplätze, Unternehmen und Wertschöpfung entstehen.“
Springer fordert Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik: „Die Regierung muss endlich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Arbeit, Investitionen und unternehmerisches Risiko auch in den ostdeutschen Flächenländern wieder stärker lohnen.“
Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort unter anderem auf den Mindestlohn, eine stärkere Tarifbindung und die Förderung strukturschwacher Regionen. Auch die Ansiedlung von Bundes- und Forschungseinrichtungen soll dazu beitragen, gut bezahlte Arbeitsplätze in Ostdeutschland zu schaffen.
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© Christian Ditsch/IMAGO
Ost-Fachkräfte verdienen teilweise weniger als West-Helfer
Wie tief die Unterschiede reichen, zeigt ein weiterer Vergleich. Rund 1,41 Millionen ostdeutsche Fachkräfte – 68 Prozent – verdienten 2025 weniger als das Medianentgelt westdeutscher Fachkräfte von 4012 Euro.
Noch auffälliger: Rund 728.000 ostdeutsche Fachkräfte beziehungsweise 35 Prozent lagen mit ihrem Entgelt sogar unter dem Median westdeutscher Beschäftigter, die Hilfstätigkeiten ausüben. Dieser lag bei 3055 Euro.
Die Unterschiede ziehen sich durch zahlreiche Branchen. In 20 von 79 untersuchten Wirtschaftsabteilungen verdienten Fachkräfte im Osten im Median weniger als Helfer im Westen. Besonders deutlich war der Abstand in der Schifffahrt. Auch bei acht von 25 untersuchten Berufshauptgruppen lag das Medianentgelt ostdeutscher Fachkräfte unter dem westdeutscher Helfer.
Ein Beispiel liefert die Autoindustrie. Bei der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen lag das Medianentgelt 2025 im Westen bei 6027 Euro, im Osten bei 4423 Euro. Ostdeutsche Fachkräfte kamen in dieser Branche auf 4078 Euro – und damit auf weniger als westdeutsche Helfer mit 4266 Euro.
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Im Osten wird länger gearbeitet
Hinzu kommen Unterschiede bei der Arbeitszeit. Erwerbstätige kamen 2025 in Ostdeutschland durchschnittlich auf 35,6 Wochenstunden, im Westen auf 33,9 Stunden. Die tarifliche Wochenarbeitszeit lag ebenfalls etwas höher: bei 39 Stunden im Osten und 38,5 Stunden im Westen.
Auch Niedriglöhne sind im Osten verbreiteter. 2025 lagen 21,7 Prozent der ostdeutschen Vollzeitbeschäftigten im unteren Entgeltbereich, im Westen waren es 14,2 Prozent. In Ostdeutschland betraf dies rund 823.000 Menschen.
Über längere Zeit betrachtet gibt es allerdings eine langsame Annäherung. 2022 verdienten noch 38 Prozent der ostdeutschen Fachkräfte weniger als westdeutsche Helfer, 2025 waren es 35 Prozent. Der Anteil der ostdeutschen Fachkräfte, die unter dem Median ihrer westdeutschen Kollegen liegen, sank im selben Zeitraum von 71 auf 68 Prozent.
Berlin zeigt dabei, wie stark sich die Verhältnisse innerhalb Ostdeutschlands inzwischen auseinanderentwickelt haben. Während das Medianentgelt in der Hauptstadt 4459 Euro erreicht, liegt es in Mecklenburg-Vorpommern fast 1000 Euro darunter. Die Ost-West-Lücke besteht weiter – aber sie erklärt längst nicht mehr alles.
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