"Neues Wohnen in der Stadt" (XVI): Die Wohnschlange für Bundesbedienstete am Moabiter Werder

"Das haben die Bonner nicht verdient"

Michael Mönninger
5 Min

Eines der derzeit größten architektonischen Desaster des Berliner Neuaufbaus ist fünfhundert Meter lang und steckt von oben bis unten in gelbbraunem Ziegelstein. Die Wohnschlange auf dem Moabiter Werder am Tiergarten mit 718 Ein- bis Vierzimmerwohnungen für Bundesbedienstete bringt eine Großform in die Stadtmitte zurück, wie sie zuletzt im Siedlungsbau der sechziger Jahre die Außenbezirke von Rotterdam bis Ostberlin geschmückt hatte. Mit solchem Streuselkuchen-Städtebau versuchten die Architekten damals, riesige Planungsgebiete in identifizierbare Einheiten zu gliedern. Doch bei der gewalttätigen Variation des Immergleichen kamen unerwartete Zufallsgebilde heraus: weder Block noch Zeile, weder Ensemble noch Solitär, sondern eine Art sozialer Skulptur ohne Eigenräumlichkeit und Bodenhaftung. Diese Architektur der totalen Vergesellschaftung konnte damals in Ost wie West nur auf sozialisiertem Grund und Boden entstehen, und die Enteignung privater Verfügungsrechte ging bis in die quadratmetergenaue Festschreibung sämtlicher Vitalfunktionen. Dass ausgerechnet das Bonner Bauministerium für die Bediensteten und Abgeordneten des Bundestages eine Anlage errichten ließ, die wie ein später Gruß an den Realsozialismus einem geschlängelten Großplattenbau am Ostberliner "Platz der Vereinten Nationen" hinüberwinkt, lässt auf eine abenteuerliche Schieflage in der Entwicklung dieses Projekts schließen.Derweil sitzt das dankbarste Publikum der Bonner Beamtenschlange täglich zu Tausenden in der Berliner S-Bahn und bestaunt zwischen den Stationen Bellevue und Lehrter Bahnhof die makabre Nordansicht dieser Wohnsiedlung, die sich mit fünf schmalbefensterten Einzelblöcken bis auf Armlänge an den Hochbahnviadukt herandrückt. Immer wieder hört man den mitleidigen Kommentar: "Das haben die Bonner nicht verdient." Doch selbst der mildernde Umstand, dass die Nordblöcke nur mit Vorrats- und Sanitärräumen an die Lärmschneise grenzen und die zentrale Wohnschlange vor dem Bahnverkehr schützen, bringt das Entsetzen nicht zum Verstummen. Zudem hat sich selten ein unglücklicher "Genius Loci" so beharrlich durch alle Planungsstadien hindurch behauptet. Denn die Schlange steht auf dem Gelände des ehemaligen Hamburger-Lehrter Güterbahnhofs, der nach dem Krieg als Speditions-Lagerplatz genutzt wurde. 1988 sollte die braune Stadtbrache in einen grünen "Spreepark" für den Widersinn einer innerstädtischen Bundesgartenschau umgewandelt werden. Doch im Städtebauwettbewerb 1992, den die Architekten Schultes und Frank mit ihrem "Band des Bundes" quer durch Spreebogen und Umgebung hindurch gewannen, fand der Moabiter Werder direkt neben dem neuen Kanzleramt doch noch bessere Verwendung als Wohnstandort für Bundesbedienstete. In endlosen Wettbewerben und Umplanungen mutierte die ursprüngliche Planfigur für das 40 000 Quadratmeter große Grundstück: Aus einer Addition von nach Süden geöffneten Wohnhöfen in U-Form entwickelte sich die kontinuierliche Großform der heutigen Wohnschlange, die die braun-grüne Erblast des Bodenrecyclings und der stadtfern geringen Dichte (Geschossflächenziffer: 2,1) immer noch mitschleppt. Bereits das Jury-Lob "Der Entwurf fügt den großen metropolitanen Figuren des Regierungsviertels ein Element von verspielter Gelassenheit hinzu" hätte man schon damals als Drohung verstehen müssen, weil durchaus mit einer simulierten Rheinauen-Idylle zu rechnen war. Der Urheber der Schlange, der junge Berliner Architekt Georg Bumiller, verfällt in tiefen Trübsinn, wenn er seinen Entwurfsgedanken mit der heutigen Ausführung vergleicht. Ihm schwebte das schöne Serpentinen-Vorbild von Alvar Aaltos lang gestrecktem Studentenwohnheim am M.I.T. in Cambridge bei Boston von 1947 vor, gepaart mit dem großen Maßstab des konservativen Reformwohnungsbaus, wie er in den Berliner Vorstädten zu Beginn dieses Jahrhunderts wahre Denkmäler der Alltagsbaukunst hervorgebracht hatte. Tatsächlich überrascht die zentrale Schlange beim Nähertreten mit ihrer geschickten Massenverteilung. Direkt am Kanzlergarten setzt ihr östlicher Schwanz mit fünf Geschossen niedrig an und steigt nach Westen mit dem weiter ausholenden Kurvenschwung auf acht Geschosse. Die dichte Baumasse auf der steinernen Moabiter Stadtbahnseite und die freien Gartenräume in Richtung Spree und Tiergarten bilden in ansteigender Größenordnung ein elegantes Gleichgewicht, und der garantierte Panoramablick jeder Wohnung auf die grüne Flußlandschaft rechtfertigt den fremdartigen Serpentinenschwung wenigstens von innen her. Doch die geradezu gläserne Härte der Großform hätte eine ebenso starke Kontrolle in der Bauausführung erfordert. Nacheinander strichen die Bauherren die bundesnahe "Deutschbau" und die "Frankfurter Siedlungsgesellschaft" die begehbaren Dachgärten, die Gewerbezonen im Erdgeschoß, dann das geplante Alleenhaus, das als Raumkante die widerspenstige Schlange zähmen sollte. Und schließlich entfielen sogar die Wintergärten in jeder Wohnung, die einfach der Nutzfläche zugeschlagen wurden. Gehäuse ohne Austritt oder Freisitz gibt es heute nur noch beim Bau von Asylantencontainern. Je mehr man ins Detail geht, desto größer wird das Desaster, was die Zumutung der Riesenserpentine fast schon geringfügig erscheinen lässt. Quergestellte Aufzugschächte versperren die schön entworfenen Treppenaugen; häßliche Türformate, die ohne Not auf Raumhöhe zu bringen gewesen wären, ducken sich unter die deprimierende Sozialbaudeckenhöhe von nur 2,57 Metern. Zum Glück machen sich die gekurvten und angeschrägten Wände in den Kleinwohnungen (45 bis 104 Quadratmeter) kaum bemerkbar. Neben dem Unsinn von kreuz und quer gestellten Fensterformaten sorgte der Architekt für etwas angenehmere Abwechslung; er ließ die Fassadenziegel drehen, deren unregelmäßige Rückseiten jetzt die Außenhaut beleben. Als Gipfel der Entbehrung fehlt das, was die Bonner Neumieter überhaupt erst in diese Lage gelockt hatte: Die Fußgängerbrücke über die Spree, die am Kanzlergarten entlang direkt ins Regierungsviertel hinüberführen sollte, hat Berlin wegen Geldmangels gestrichen.HAUSAUFGABE WOHNUNGSBAU Spielerische Gelassenheit? // Bundeswohnungen: Von den 9 100 neuen Unterkünften für umziehende Bonner Bedienstete sind 718 auf dem Moabiter Werder entstanden.Baukosten: 200 Millionen Mark.Entwurf: Georg Bumiller mit Jörg Pampe, Berlin. Vermietungsstand: Derzeit unter 50 Prozent. Mietpreise: Für Bundesangestellte 16 Mark netto kalt, für Abgeordnete bei 19,50. Zuzüglich fünf Mark je Quadrameter für Betriebskosten.

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