Hochschulwesen

Uni Leipzig gründet Zentrum für DDR-Geschichte – vorerst mit zwei Westdeutschen an der Spitze

Dabei entsteht der deutschlandweit erste Lehrstuhl für DDR-Geschichte. Zwei westdeutsche Professoren leisten dabei „Geburtshilfe“.

4 Min
Das Paulinum der Uni Leipzig

Das Paulinum der Uni Leipzig

© Jan Woitas/dpa

Eigentlich sollte es egal sein, aus welchem Teil der Bundesrepublik ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin kommt, um ein Forschungsprojekt zu leiten. Doch besonders wenn es um DDR-Geschichte und ihre Deutung geht, werden viele Ostdeutsche dünnhäutig. 

Ein gewisser erster Reflex stellt sich ein, wenn man erfährt, dass die Universität Leipzig 36 Jahre nach dem Mauerfall den ersten Lehrstuhl deutschlandweit für DDR-Geschichte und Transformation  einrichten will – und ihn zwei Professoren mit maßgeblich westdeutscher Akademiker-Biografie anführen.

Der Historiker Prof. Dirk van Laak und die Soziologin Prof. Monika Wohlrab-Sahr sind bereits seit Jahren an der Universität Leipzig tätig und konnten 3 Millionen Euro Fördermittel des Bundes einwerben. Davon soll zum einen die erste Professur für DDR-Geschichte als auch ein „Zentrum für vergleichende DDR- und Transformationsforschung“ entstehen - eine einzigartige Forschungsinfrastruktur, die auch über den Förderzeitraum 2031 hinaus wirken soll, so van Laak.

Die Ortswahl ist offensichtlich. Die Universität Leipzig erklärt auf ihrer Webseite: „Leipzig war ein markanter Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution von 1989/90. Der Erforschung und dem Gedenken sind in Stadt und Universität zahlreiche Initiativen gewidmet. Diese sollen in einem fakultätsübergreifenden und interdisziplinär angelegten Zentrum gebündelt werden.“

Doch warum mit westdeutschen Professoren an der Spitze?

Prof. van Laak: „Wir leisten Geburtshilfe“

Van Laak erklärt auf Anfrage der OAZ: „Es gibt schon lange Forderungen in der Öffentlichkeit nach einem eigenen Lehrstuhl für DDR-Geschichte sowie auch andere Förderprojekte.“ Auf die habe man aufgesattelt, um nun das Leipziger Zentrum und die damit verbundene Professur dauerhaft zu etablieren. Die Professur werde nun ausgeschrieben, die eigentliche Besetzung „kann erfahrungsgemäß ein bis anderthalb Jahre dauern“, so van Laak. Der oder die neue Professor(in) wird voraussichtlich 2028 dann auch die Leitung des Zentrums übernehmen. „Insofern leisten wir nur Geburtshilfe für ein Zentrum, das es so bislang nicht gibt“, erklärt van Laak.

Prof. Dirk van Laak leitet vorübergehend den neuen DDR-Lehrstuhl an der Uni Leipzig, bis die neue Professur besetzt ist.

Prof. Dirk van Laak leitet vorübergehend den neuen DDR-Lehrstuhl an der Uni Leipzig, bis die neue Professur besetzt ist.

© privat

An Mitarbeitenden habe van Laak bereits zwei ostdeutsche und eine kanadische Forscherin, hinzu kämen dann noch zwei Doktoranden, deren Auswahl nächstes Jahr beginne, so van Laak. Auch was die Professur betreffe, kenne man schon ungefähr den Kreis der möglichen Bewerberinnen und Bewerber. „Darunter sind auch einige mit ostdeutschen Biografien, aber auch ein ausländischer Kandidat könnte am Ende das Rennen machen. Es geht nicht primär um die Herkunft, obwohl ich mir eine oder einen Ostdeutschen für die Professur wünschen würde. Es geht nach akademischen Kriterien, wer hat bisher was gemacht“, erklärt van Laak.

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Wichtig sei, dass die Professur „so offen wie möglich gehalten wird“, was ihren Forschungsschwerpunkt in der DDR betrifft – sowohl zeitlich als auch inhaltlich. Es können genauso um den Vorlauf zur DDR gehen, welche Vorgeschichte die allererste SED-Führungsriege hatte oder auch die Zeit nach der Wende. „Mir liegt insbesondere die Verflechtungsgeschichte mit der Bundesrepublik am Herzen, da gibt es noch interessante Facetten zu beleuchten“, erklärt van Laak, der seit 2016 den Lehrstuhl für die Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts an der Uni Leipzig innehat.

Prof. Wohlrab-Sahr betont die regionale Verankerung: Das Zentrum solle „Anlauf- und Orientierungspunkt für die Stadtgesellschaft sein und von dort aus in die Region, die Republik und darüber hinaus ausstrahlen“.

Halle und Leipzig: Zwei Zentren nebeneinander?

Das neue Leipziger Zentrum nennt als seine drei Schwerpunkte die „umfassende Einordnung von DDR- und Transformationsgeschichte in eine zeitlich und räumlich vergleichende Betrachtung“, „vertiefte Erforschung der kultur-, medien-, erinnerungs- und erfahrungsgeschichtlichen Dimensionen und ihrer Auswirkungen auf die deutsche Gegenwartsgesellschaft“ sowie die Verbindung „von historischer DDR-Forschung und sozialwissenschaftlicher Transformationsforschung“.

Beim neu entstehenden Zukunftszentrum in Halle, keine 45 Kilometer weiter westlich von Leipzig, hat man sich ebenfalls der deutschen Einheit und dem damit verbundenen europäischen Transformationsprozess verschrieben. „Während das Zunkunftszentrum in Halle mehr aus einem Pool von Erfahrungsgeschichten schöpft, steht bei uns ein mehr historisierendes Interesse im Vordergrund“, erläutert van Laak die unterschiedlichen Ansätze. „Ich glaube nicht, dass wir Felder gemeinsam beackern und uns dabei auf die Füße treten. Ich kenne die Leiterin, Frau Dr. Bretschneider. Sie hat als Kulturwissenschaftlerin andere Methodiken und damit originelle Themen.“

Der neue DDR-geschichtliche Lehrstuhl in Leipzig solle Drehscheibe zu differenzierenden Forschungen werden und möglichst nationale und internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und auch das Zukunftszentrum in Halle mit einbeziehen.

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