Die „Professor Moltschanow“ liegt am Kai von Barentsburg. Ablegen darf das russische Expeditionsschiff bis auf Weiteres nicht. Norwegische Behörden setzten es am Mittwoch auf Antrag des ukrainischen Staatskonzerns Naftogaz fest. Der ungewöhnliche Zugriff in der Arktis soll die Vollstreckung eines milliardenschweren Schiedsspruchs gegen Russland sichern.
Nach Angaben von Naftogaz gehört das Schiff der Russischen Föderation und wird kommerziell für Expeditionskreuzfahrten eingesetzt, darunter für Reisen nach Spitzbergen. Die Anwälte des Konzerns hatten seine Bewegungen nach eigenen Angaben seit Monaten verfolgt.
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Gericht verbietet der „Professor Moltschanow“ das Ablegen
Das Bezirksgericht Nord-Troms und Senja gab Naftogaz am 31. August das Recht, das Schiff beschlagnahmen zu lassen. Zwei Tage später vollstreckte der Gouverneur von Spitzbergen den Beschluss. Die „Professor Moltschanow“ muss demnach in Barentsburg bleiben, bis das Gericht oder der Gouverneur anders entscheidet.
Es handelt sich zunächst um eine vorläufige Sicherungsmaßnahme zur Durchsetzung der Forderung. Das Schiff ist damit noch nicht endgültig eingezogen oder verkauft. Für die Besatzung und die Passagiere arbeitet das Gouverneursbüro mit dem russischen Bergbauunternehmen Trust Arktikugol zusammen.
Der russische Arktisminister Alexej Tschekunkow erklärte am Donnerstag, das Schiff und seine Besatzung seien körperlich unversehrt. Ein mitreisender Korrespondent der staatlichen Nachrichtenagentur Tass berichtete, norwegische Sicherheitskräfte hätten keinen Kontakt zu den Expeditionsteilnehmern aufgenommen. Diese wollten ihre Arbeit fortsetzen.
Schiedsspruch: 4,22 Milliarden US-Dollar plus Zinsen
Hinter dem Zugriff steht ein jahrelanger Rechtsstreit um ukrainische Öl- und Gaswerte auf der Krim. Naftogaz und sechs weitere Konzerngesellschaften leiteten 2016 ein Schiedsverfahren gegen Russland ein. Sie warfen Moskau vor, ihre Vermögenswerte nach der Annexion der Halbinsel im Jahr 2014 enteignet zu haben.
Ein vom Ständigen Schiedshof in Den Haag verwaltetes Schiedsgericht stellte 2019 eine rechtswidrige Enteignung fest. Im April 2023 legte es die Entschädigung fest.
Naftogaz bezifferte den Schiedsspruch damals einschließlich aufgelaufener Zinsen auf rund fünf Milliarden US-Dollar. In seiner aktuellen Mitteilung nennt der Konzern rund 4,22 Milliarden US-Dollar als offene Hauptforderung. Hinzu kommen weitere Zinsen und Verfahrenskosten.
Russland hat die Summe bislang nicht gezahlt. Der Schiedsspruch war zuvor in Norwegen als vollstreckbar anerkannt worden. Dadurch konnte Naftogaz den Zugriff auf russisches Vermögen vor einem norwegischen Gericht beantragen.
„Russland kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen, indem es sich einfach weigert, einen internationalen Schiedsspruch zu befolgen“, erklärte Naftogaz-Chef Serhij Fedorenko. Sein Unternehmen werde russische Vermögenswerte weltweit weiterverfolgen, bis die zugesprochene Entschädigung beglichen sei.
Warum das russische Schiff zum Ziel wurde
Die von Naftogaz beauftragte Kanzlei Covington & Burling verfolgte die „Professor Moltschanow“ nach eigenen Angaben seit Monaten. Als sich die Fahrt nach Barentsburg abzeichnete, beantragten die Anwälte den Zugriff bei dem norwegischen Gericht, wie Reuters berichtete.
Das frühere Forschungsschiff fährt unter russischer Flagge. Neben Expeditionsreisen bedient es laut Tass seit Juni 2025 auch Fracht- und Passagierverbindungen nach Spitzbergen. Der ukrainische Konzern stuft es als kommerziell genutztes russisches Staatseigentum ein.
Barentsburg ist eine russisch betriebene Bergbausiedlung auf norwegischem Staatsgebiet. Trust Arktikugol unterhält dort ein Kohlebergwerk und weitere Einrichtungen. Der Spitzbergenvertrag erkennt Norwegens volle Souveränität über den Archipel an, räumt den Vertragsstaaten aber Rechte zur wirtschaftlichen Nutzung ein.
Naftogaz hatte zuvor bereits Gerichtsbeschlüsse gegen zwei Immobilien von Arktikugol auf Spitzbergen erwirkt, darunter ein Gästehaus. Russland legte dagegen Rechtsmittel ein. Mit der „Professor Moltschanow“ ist nun erstmals ein beweglicher Vermögenswert betroffen.
Russland kündigt juristische Gegenwehr an
Das russische Außenministerium bezeichnete die norwegische Maßnahme laut Reuters als „Piraterie“. Arktisminister Tschekunkow kündigte eine formelle juristische Reaktion an. Tass bezeichnete in diesem Zusammenhang Arktikugol als Eigentümer des Schiffes. Naftogaz ordnet die „Professor Moltschanow“ dagegen direkt der Russischen Föderation zu.
Das norwegische Justizministerium betonte, es handele sich um einen Rechtsstreit zwischen Naftogaz und Russland. Die Regierung in Oslo sei daran nicht beteiligt. Russland könne als Verfahrenspartei beim zuständigen Gericht eine erneute Prüfung beantragen.
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