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Flucht und Fluch: Lukas Meisners provokante Abrechnung mit der BRD

In seinem autobiografischen Sachbuch kritisiert der Philosoph die Abwicklung der Wiedervereinigung, den Kapitalismus und den westdeutschen Blick auf die DDR.

Paul Stephan
5 Min
Balanceakt auf der Mauer kurz nach dem Fall der Mauer

Balanceakt auf der Mauer kurz nach dem Fall der Mauer

© Sven Simon/Imago

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„Deutschland, wir weben Dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch“, ließ einst Heinrich Heine 1844 die schlesischen Weber singen. Heutzutage wären es vielleicht die Ostdeutschen, die man so auftreten ließe – und deren Fluch sich gegen die alte BRD richtet. Während ich diese Zeilen schreibe, erholt sich das politische Establishment gerade vom Schock der Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Es wird also mal wieder viel über die „Ossis“ gesprochen: entweder, dass man ihre „Sorgen und Nöte“ endlich ernst nehmen sollte, oder dass sich einfach mal wieder zeige, wie dumm und unbelehrbar sie seien. Doch was haben sie eigentlich selbst zu sagen?

Der promovierte Philosoph und Soziologe Lukas Meisner wurde zwar 1993 im Schwabenland geboren, doch seine Wurzeln liegen in der ehemaligen DDR, die seine Eltern kurz vor ihrem Zusammenbruch gen Westen verließen. Er spricht so für eine ganze Generation von Menschen, die biographisch zwischen Ost und West aufgewachsen sind – entweder mit westdeutschen Eltern im Osten oder, der Normalfall, umgekehrt.

Der „Fluch“ des Titels ist bewusst zweideutig: Einmal das Stigma, das an ihm als Ossi im Westen von Beginn an klebte und ihn immer wieder in eine Außenseiterrolle trieb, einmal aber auch der Fluch in die andere Richtung, in den er durchaus mit einstimmt. Denn für ihn ist klar, so der Untertitel: „Die Sintflut heißt Westen“. Das eigentliche Problem war und ist nicht der Osten, sondern die selbstgefällige kapitalistische BRD, an der Meisner kaum ein gutes Haar lässt.

Bauarbeiten am Wochenendhaus: Auch die DDR hatte ihr Wirtschaftswunder.

Bauarbeiten am Wochenendhaus: Auch die DDR hatte ihr Wirtschaftswunder.

© serienlicht/Imago

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Schlechte Erfahrungen mit Mobbing und Leistungsdruck

Das Besondere an Meisners Buch: Es ist nicht, wie gewohnt, ein autobiographischer Roman, auch wenn er oft sehr literarisch schreibt, sondern ein autobiographisches Sachbuch. Ganz Sozialwissenschaftler, berichtet er nicht nur einfach Anekdoten aus seinem Leben, sondern versucht, ihren gesellschaftlichen Kontext aufzuzeigen. Die Beschreibung der schlechten Erfahrungen mit Mobbing und Leistungsdruck während seiner Schulzeit wird etwa verflochten mit einer allgemeinen Analyse der sozialen Funktion des Schulwesens in einer kapitalistischen Gesellschaft. Sein eigenes Schicksal dient Meisner als Beispiel, um allgemeinere Zusammenhänge zu erläutern.

Das Buch ist ein Experiment zwischen Literatur, Sachbuch und Autobiographie in der Tradition von Didier Eribons vieldiskutiertem Werk „Rückkehr nach Reims“ von 2009. Es ist stets ein Balanceakt. Meisners These: Das subjektive Element schwächt die Objektivität nicht, sie dient vielmehr als Brennglas, um auf Sachverhalte aufmerksam zu machen, die in einer rein objektiven wissenschaftlichen Analyse verloren gingen. Subjektive Erfahrung und Theorie sollen sich so wechselseitig vertiefen, so ein umfassenderes Verständnis des Gegenstands erreicht werden als in einem reinen Sachbuch oder einer klassischen Autobiographie.

In der ersten Hälfte des Buches, in der Meisner seine Familiengeschichte und seinen Werdegang bis zu seinem Studium erzählt, gelingt ihm diese Balance sehr gut. Interessante Anekdoten erhellen die theoretischen Reflexionen und umgekehrt. In der zweiten Hälfte verwandelt sich das Buch indes in ein reines Sachbuch, ehe es im Schlusskapital noch einmal zu Meisners augenblicklicher Lebenssituation als marxistischer Intellektueller in Berlin zurückkehrt.

In gewisser Weise ein Gesprächsangebot

Meisner versucht sich hier in nichts Geringerem als einer Generalabrechnung mit der BRD und zieht eine große Fülle von historischen Belegen und Analysen heran, um nachzuweisen, dass die DDR im Systemkampf eigentlich zu Unrecht unterlegen ist, dass dort in vielen Bereichen, etwa bei der sozialen Gerechtigkeit und der Frauenemanzipation, große Fortschritte erzielt wurden, die ab 1989 dann sukzessive einkassiert wurden. Meisner glorifiziert den autoritären Sozialismus dabei nicht einseitig, macht aber doch darauf aufmerksam, dass der Westen sich in vielerlei Hinsicht auch nicht besser verhielt, man denke nur an Vietnam oder die Berufsverbote.

Dieser zweite Teil des Buches ist streitbar, doch vielleicht spiegelt diese Polemik nur, wie der Westen nach wie vor überwiegend auf die DDR-Zeit blickt: Eine Ära der russischen Besatzung eines Teils Deutschlands, die genauso schlimm wie die „12 Jahre“ gewesen und in der „dort drüben“ eigentlich nichts von größerem Wert hervorgebracht worden sei.

Dass auch die DDR etwa – ganz ohne Marshall-Plan und obwohl die SU zahllose Industrieanlagen nach dem Krieg demontierte – ein Wirtschaftswunder vollbrachte und die Menschen dort in zahlreichen Gebieten kaum zu leugnende gesellschaftliche und kulturelle Leistungen vorweisen konnten, darüber spricht man ebenso wenig wie über die autoritären Tendenzen und die Missstände in der alten und neuen BRD, die es in der DDR so nicht gab wie Massenarbeitslosigkeit, Kita-Mangel und massive soziale Ungleichheit.

Solange weiterhin nur über und nicht mit den Ossis gesprochen und ihre eigenständigen individuellen und kollektiven Leistungen im gesamtdeutschen Geschichtsnarrativ nicht hinreichend repräsentiert werden, wird der Fluch wohl kaum verhallen. Meisner Buch ist in diesem Sinne ein Gesprächsangebot. Wird es erneut ausgeschlagen werden?

Info: Lukas Meisner: „Fluch(t) – Die Sintflut heißt Westen“, 336 Seiten erschienen 2025 im Mandelbaum Verlag, 26 Euro.

Paul Stephan, geboren in Zwickau, studierte Philosophie, Soziologie und Germanistik in Frankfurt am Main und Dublin. Er promoviert derzeit in Philosophie an der Universität Freiburg. Von ihm erschienen 2020 die Bücher „Bedeutende Bärte“ und „Links–Nietzscheanismus“. Er lebt in Leipzig und ist Chefredakteur und regelmäßiger Autor des Onlinemagazins Nietzsche POParts.

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