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Am Morgen des 10. September 1926 strahlte die Sonne über dem Genfersee von einem silberblauen Himmel, der so klar war, dass man vom Seeufer einen herrlichen Weitblick auf das Mont-Blanc-Massiv genießen konnte. Dieser Weitblick hatte Symbolkraft für das Ereignis, das an diesem Tag in Genf, dem Sitz des 1919 gegründeten Völkerbundes, stattfand: den Beitritt Deutschlands in eben diese Organisation.
Der Völkerbund war nach den katastrophalen Erlebnissen des Ersten Weltkriegs auf Initiative des US-Präsidenten Woodrow Wilson gegründet worden. Seine mittlerweile 55 Mitglieder wollten Probleme untereinander und internationale Spannungen auf friedlichem Wege lösen. Er hatte aber einen großen Geburtsfehler: Ausgerechnet der Impulsgeber USA, den der Krieg zum mächtigsten Land der Welt katapultiert hatte, hatte sich geweigert, Mitglied zu werden, weil er sich lieber in die politische Isolation zurückziehen wollte.
Und noch zwei andere Länder waren außen vor geblieben – allerdings, weil sie die Parias der internationalen Politik waren: Deutschland und Russland (das sich seit Ende 1922 Sowjetunion nannte). Der Völkerbund war als eine Organisation der Siegerstaaten gegründet worden. Kein Wunder, dass er in Deutschland viele Gegner hatte, besonders auf der rechten Seite des politischen Spektrums.
Hyperinflation im Jahr 1923
Die nach der Novemberrevolution von 1918/1919 gegründete Weimarer Republik trug schwer am Versailler Vertrag, der ihr hohe Reparationslasten für Kriegsschäden in ehemaligen Feindstaaten auftrug, Deutschland rund 14 Prozent seines Territoriums, zehn Prozent seiner Bevölkerung und einen signifikanten Anteil seiner Industrie entrissen hatte und zugleich als demütigend empfunden wurde, weil das einstmals so stolze Reich aus dem Kreis der Großmächte gestoßen worden war.
In den Jahren nach dem Krieg war es, vor allem durch die französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets 1923, zu weiteren massiven Verwerfungen gekommen. Die Reichsregierung hatte einen passiven Widerstand ausgerufen, Arbeiter und Angestellte sollten ihre Arbeit niederlegen. Finanziert wurden ihre Löhne durch das Ankurbeln der Gelddruckmaschine. Die Folge war im Sommer und Herbst 1923 eine Hyperinflation gewesen, die erst der neue Reichskanzler Gustav Stresemann beendete.
Zufall und Fügung
Ab 1924 ging es immerhin in Deutschland wirtschaftlich und sozial allmählich bergauf. Stresemann war zwar im November 1923 gestürzt worden, blieb aber die folgenden sechs Jahre in den mehrfach wechselnden Regierungen Außenminister – und das war eine glückliche Fügung. Denn er bewies genau den Weitblick, der schließlich nach Genf führte.
In der Salle de Reformation, wo die Vollversammlung des Völkerbundes tagte, wurde am 10. September 1926 die deutsche Delegation von den Vertretern der übrigen 55 Mitgliedstaaten begrüßt. Es waren langwierige Verhandlungen vorangegangen und man war sich allgemein der Bedeutung des Tages bewusst. Das zeigte schon die vor dem Gebäude versammelte Menschenmenge, die Stresemann zujubelte.
Aber nicht nur ihm. Denn um dieses historische Ereignis vor 100 Jahren möglich zu machen, bedurfte es noch eines weiteren Politikers, dessen Weitblick dem Stresemanns in nichts nachstand: seines französischen Amtskollegen Aristide Briand. Das Erstaunliche: Beide Männer hatten ursprünglich zu den nationalistischen Scharfmachern in ihren jeweiligen Ländern gehört – der Linksliberale Briand ebenso wie der Rechtsliberale Stresemann, der Vorsitzender der Deutschen Volkspartei (DVP) war.
Doch die beiden Politiker waren nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Frieden in Europa nur dann möglich sei, wenn seine beiden wichtigsten Länder, die sich in der Vergangenheit mehrmals in blutigen Kriegen gegenübergestanden hatten, „endlich dauerhaft miteinander auskommen würden. Es war ein glücklicher Zufall, dass die beiden hartnäckig an eine Verständigung glaubenden Politiker zur selben Zeit Außenminister waren – Stresemann seit Ende 1923, Briand seit April 1925.
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Beiderseitiges Misstrauen
Dabei schienen die Probleme unüberwindbar. Große Teile der jeweiligen Bevölkerungen verspürten nach den bitteren Erfahrungen des Krieges gegenüber dem anderen Land mindestens tiefes Misstrauen, wenn nicht Hass. Frankreich hielt das Rheinland besetzt, besaß zudem als Reparationsleistung für die Kriegsschäden das alleinige Eigentum an den wichtigen Steinkohlegruben des Saarlandes, das 1925 vollständig in das französische Zollgebiet eingegliedert wurde. Daneben war die Höhe der von Deutschland an die Alliierten zu zahlenden Reparationen ungeklärt und höchst umstritten. Deutschland litt darunter, dass es große Teile seines Gebietes an Polen verloren hatte (das mit Frankreich verbündet war) und dass ihm nur eine Schrumpfarmee mit 100.000 Mann genehmigt wurde. Es gab keinen deutschen Politiker (bis auf die Kommunisten), der nicht eine Revision dieser Zustände forderte.
In Frankreich andererseits herrschte die ehrliche Angst vor einem deutschen Wiedererstarken vor (daneben gab es sicher auch den Wunsch, wirtschaftliche Vorteile aus der Niederhaltung des östlichen Nachbarn zu ziehen). Es schien unmöglich, beides unter einen Hut zu bringen.
Doch jetzt schlug die Stunde der beiden gewitzten Politiker: des lebenslustigen Franzosen Briand und des manchmal etwas dröhnenden, kahlköpfigen Stresemann. Sie handelten in einem komplexen Geflecht aus Problemen, aber beide verstanden, dass es zwei ineinandergreifende Zahnräder gab, die die Verständigung zum Laufen bringen konnten. Denn während – sehr verkürzt – Deutschland Gleichberechtigung wollte, brauchte Frankreich dringend Unterstützung für seine Wirtschaft, die 1926 schwer ins Wanken geraten war. Vor allem musste der schwächelnde Franc gestützt werden.
Ein wichtiger Schritt war bereits im Oktober 1925 mit dem Vertragswerk von Locarno getan worden, mit dem Deutschland unter anderem auf eine gewaltsame Revision der Nachkriegsgrenzen verzichtet hatte. „Locarno“ gab der europäischen Verständigung einen ungemein wichtigen Schub, der auch zu Deutschlands Beitritt zum Völkerbund ein knappes Jahr später führte.
Wandmalerei im Ratssaal im Völkerbundpalast in Genf: Hier hielten Briand und Stresemann ihre umjubelten Reden.
© GFC Collection/Imago
Flucht über den Genfersee
An jenem 10. September 1926 wurden in der völlig überfüllten Salle de Reformation historische Reden gehalten, die von Pathos und Optimismus getragen waren. Stresemann bekam viel Applaus für seine Rede, die die Bedeutung der Verständigung für den Frieden betonte. Briand entgegnete: „Der Friede ist das Wahrzeichen dieses Tages. Für Deutschland und Frankreich bedeutet er: Die Reihe der tödlichen und blutigen Zusammenstöße ist nun zu Ende, die alle Seiten unserer Geschichte befleckten; zu Ende ist der Krieg zwischen uns; zu Ende ist die Zeit, wo man Trauerschleier um nimmer endendes Leid trug, für beide Länder.“
Jubel brandete in dem völlig überhitzten Saal auf, als Briand geendet hatte. Manche Frauen und hartgesottene Männer weinten, berichtete der Journalist und Stresemann-Vertraute Edgar Stern-Rubarth später.
Doch Briand und Stresemann wollten nun noch mehr: eine generelle Bereinigung zwischen ihren beiden Ländern. Eine Woche später fuhren sie gemeinsam über die nahe französische Grenze, um in einem Restaurant, das Briand liebte, ungestört unter vier Augen eine Lösung aller Probleme besprechen zu können. Den Journalisten, die die Sache spitzgekriegt hatten, entflohen sie, indem sie ein kleines Schiff nahmen und über den Genfersee verschwanden – und sich diebisch über diesen kleinen Trick freuten.
Die Idee, die in dem Gasthaus in Thoiry bei bestem Essen besprochen wurde, war, dass Deutschland staatliche Reparationsschulden in private, an internationalen Börsen handelbare Wertpapiere der Reichsbahn umwandeln sollte. Das Geld sollte als vorgezogene Reparationszahlungen an Frankreich gezahlt werden, das dringend auf Bargeld angewiesen war, um den schwächelnden Franc zu stützen. Im Gegenzug würden die Franzosen schon 1930 das Rheinland verlassen – fünf Jahre früher als im Versailler Vertrag festgelegt. Klar war, dass das Geld für den deutsch-französischen Deal nur aus den USA kommen konnte.
Es war der Plan zweier visionärer Politiker, die ihrer Zeit weit voraus waren. Beide waren nicht naiv, sie wussten, dass es zu Hause massive Widerstände von den rechten und nationalistischen Parteien und Zeitungen geben würde. Beide hatten die Verständigung im Blick, sogar eine Entwicklung zu einer Art Paneuropa oder den Vereinigten Staaten von Europa. Die Initiative Briands und Stresemanns zeigt, was möglich war, damals im Jahr 1926. Im Dezember des Jahres wurden sie zusammen zu Recht mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
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Das Ende aller Hoffnungen
Doch schon die nächsten Monate sollten zeigen, dass in beiden Ländern die Widerstände der rechten Nationalisten und der rechten Presse, die sich empörten und jeweils vom Ausverkauf nationaler Interessen sprachen, zu groß waren. Vollends entzog ihnen die Weigerung der Amerikaner, die Anleihen zu kaufen, den Boden.
Es gab zwar in den nächsten Jahren durchaus einige mühsam erkämpfte außenpolitische Fortschritte, aber spätestens zwei Ereignisse im Oktober 1929 beendeten die Hoffnungen: Am 3. des Monats verstarb Stresemann, wenige Wochen später brach die Weltwirtschaftskrise aus, die viele Länder ins Unglück stürzte, aber keins so sehr wie Deutschland, denn hier öffnete sie Adolf Hitler die Tür zur Macht.
Die meisten Regierungen suchten nun Lösungen wieder in nationaler, wenn nicht nationalistischer Politik. Briand legte 1930 noch einen Plan zur Vereinigung Europas vor, der – gerade auch in Deutschland – auf wenig Gegenliebe stieß. Im März 1932 starb auch er.
Briand und Stresemann zeigen, dass Hitler und die spätere Entwicklung zum nächsten Weltkrieg nicht zwingend waren. Ihre Verständigungspolitik hätte Europa viel Elend ersparen können. Doch es musste erst ein weiterer Weltkrieg mit noch viel mehr Opfern kommen, ehe die Europäer das begriffen. Wer heute die Existenz der Europäischen Union, die auf den Ideen der beiden Visionäre aufbaut, kritisiert, sollte das stets bedenken. Sie ist, trotz aller unübersehbaren Fehler, eine große Errungenschaft, für die es zu kämpfen lohnt.
Armin Fuhrer ist Journalist, Historiker und Autor mehrerer Bücher.
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