Diana Alexieva, Mitbegründerin von „Poetite Live“, füllt Stadien mit Poesie. Julian Daynov spricht mit ihr über Freiheit.
Diana Alexieva ist Mitbegründerin des Erfolgsformats „Poetite Live“, das bulgarische Lyrik durch prominente Schauspieler neu zum Leben erweckt und Zehntausende Menschen begeistert. Ihre Arbeit verwebt kulturelles Erbe mit der dringenden Mahnung, die Errungenschaften der Demokratie nicht als selbstverständlich hinzunehmen.
Für die Rubrik „Gen Est“ porträtiert Mode-Insider, Trendscout und Editor-At-Large Julian Daynov Persönlichkeiten, die seine bulgarische Heimat mit mutigen Visionen verändern. Er spricht mit Diana Alexieva über zeitlose Lyrik-Klassiker, Kindheitserinnerungen im Kommunismus und die entscheidende Rolle von Kunst beim Schutz der Freiheit.
Für „Poetite“ liest du eine enorme Menge an Lyrik. Gibt es Gedichte, die das bulgarische Publikum besonders berühren?
Im Ausland berühren Gedichte über Heimat oft besonders – vor allem jene Menschen, die seit Langem nicht mehr in Bulgarien leben. Die Schauspieler wählen bei uns gern Gedichte, in denen sie eigene Erinnerungen, Konflikte oder Emotionen wiederfinden. Das Publikum identifiziert sich deshalb nicht nur mit dem Text, sondern auch mit der Person, die ihn spricht.
Welche bulgarischen Poeten würdest du internationalen Lesern als Einstieg empfehlen?
Christo Botew, Pejo Jaworow mit seiner außergewöhnlichen Liebeslyrik, Mirjana Baschewa, Stefan Zanev und Georgi Gospodinow. Sie stehen für unterschiedliche Epochen und Ausdrucksformen der bulgarischen Literatur. Auch Petja Dubarowa, die bereits mit 17 Jahren starb, hinterließ beeindruckende Gedichte.
Oft geht es um ein Bulgarien, das es heute so nicht mehr gibt. Welche Erinnerungen verbindest du selbst mit deiner Kindheit im Kommunismus?
Ich erinnere mich an eine Kindheit im Freien. Sofia war grüner, wir spielten bis spätabends auf der Straße und kannten die Nachbarschaft wie unsere Westentasche. Das Leben war langsamer und vielleicht unschuldiger. Ich würde dennoch nicht sagen, dass es besser war.
Wonach sehnten sich die Menschen damals am meisten?
Ich war noch ein Kind, deshalb erinnere ich mich eher an den Alltag als an die Politik. Dinge, die heute selbstverständlich sind, waren damals kaum erhältlich: Schallplatten westlicher Bands etwa, Jeans oder andere Alltagsprodukte. Für Erwachsene war die Situation jedoch viel grundsätzlicher. Sie sehnten sich nach Freiheit – nach der Freiheit zu reisen, offen zu sprechen und ohne Angst zu leben. Selbst ein politischer Witz im falschen Umfeld konnte damals sehr ernste Konsequenzen haben.
Spielt Freiheit deshalb so eine große Rolle in der bulgarischen Literatur?
Ja, bereits unsere revolutionären Dichter kämpften für sie. Meine Generation gehört zu den letzten, die den Kommunismus bewusst erlebt haben. Deshalb müssen wir diese Erinnerungen bewahren. Freiheit bedeutet mehr, als reisen oder konsumieren zu können. Sie bedeutet, frei zu denken, zu sprechen und sich kreativ auszudrücken. Autoritäre Systeme dürfen nie wieder zur Normalität werden – weder in Bulgarien noch anderswo.
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