Osteuropa

Krypto-Skandal in Polen: Kaufte sich eine Pleitebörse Zugang zur Politik?

Ein Ex-Agent, eine Luxusuhr, Spenden an rechte Politiker: Der Fall Zondacrypto reicht tief ins PiS-Lager. Doch auch die Regierung Tusk muss sich unangenehmen Fragen stellen.

4 Min
Donald Tusk am 4. September 2026 im polnischen Sejm. Der Ministerpräsident machte den Zondacrypto-Skandal während der Debatte um das Kryptogesetz zum politischen Thema.

Donald Tusk am 4. September 2026 im polnischen Sejm. Der Ministerpräsident machte den Zondacrypto-Skandal während der Debatte um das Kryptogesetz zum politischen Thema.

© Damian Burzykowski/imago

Seit dem Zusammenbruch der Kryptobörse Zondacrypto im April zieht in Polen ein Skandal immer weitere Kreise. Die 2014 in Polen gegründete und zuletzt von Estland aus betriebene Börse steht vor dem Aus. Ende August erklärte ein Gericht in Tallinn die Betreibergesellschaft für insolvent.

Nach Unterlagen aus dem Verfahren, die Wirtualna Polska und TVN24 einsehen konnten, stehen Verbindlichkeiten von mindestens 432 Millionen Euro einem Vermögen von rund 167.000 Euro gegenüber. Der Insolvenzverwalter hält es für möglich, dass die Börse schon Ende 2022 zahlungsunfähig war und danach noch jahrelang Kundengelder annahm.

Bei der polnischen Staatsanwaltschaft gingen seither mehrere tausend Strafanzeigen ein. Sie ermittelt wegen Betrugs, Geldwäsche und Veruntreuung. Schnell rückten auch Politiker der nationalkonservativen PiS in den Fokus, die Polen bis 2023 regierte. Der frühere Justizminister Zbigniew Ziobro bestätigte, dass seine Stiftung 450.000 Zloty vom damaligen Börsenchef Przemyslaw Kral erhielt.

Der PiS-nahe Präsident des Olympischen Komitees, Radoslaw Piesiewicz, sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, eine Luxusuhr angenommen und im Gegenzug Hilfe bei einem Behördenverfahren gegen die Börse angeboten zu haben. Beide bestreiten, Gegenleistungen zugesagt zu haben. Kral selbst ist nach Angaben des Justizministeriums Beschuldigter und kooperiert mit den Ermittlern.

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Nun zeigen neue Recherchen, wie Kral sich Zugang zur Politik verschaffen wollte. Nach Angaben von Wirtualna Polska und TVN24 zahlte eine Firma des Börsenchefs dem früheren Antikorruptionsagenten Artur Chodzinski bis März 2026 monatlich 15.000 Euro, insgesamt mehr als eine halbe Million Zloty. Chodzinski erstellte demnach ein Dossier mit der Wohnadresse eines Journalisten, der zu der Börse recherchierte, und berichtete Kral von Kontakten zu PiS-Politikern und ins Nationale Sicherheitsbüro des Präsidenten.

Viele der von Chodzinski behaupteten Zugänge ins Präsidentenumfeld ließen sich nicht bestätigen. Der damalige Leiter des Sicherheitsbüros Slawomir Cenckiewicz sagt, Chodzinski habe ihn nur einmal auf die Börse angesprochen, er habe ablehnend reagiert. Andere Verbindungen gab es dagegen tatsächlich: Chodzinski vermittelte den Kontakt zu Ziobro und ein Treffen eines PiS-Abgeordneten mit Kral auf Ibiza. Er selbst bestreitet, für politische Kontakte bezahlt worden zu sein.

Auch rechts von der PiS reicht der Fall ins Parlament. Der Abgeordnete Przemyslaw Wipler von der Konföderation besuchte Kral im Juli 2025 in Monaco, wie money.pl berichtete. Wenige Tage später verteidigte er die Börse im Sejm, danach flossen 160.000 Euro an seine Stiftung und die Firma eines Geschäftspartners.

Ein EU-Land ohne Kryptoaufsicht

Politisch brisant ist der Skandal auch, weil Polen bis heute keine Behörde hat, die den Kryptomarkt überwacht. Die EU-Verordnung MiCA schreibt eine solche Aufsicht vor. Der 2025 mit Unterstützung der PiS gewählte Präsident Karol Nawrocki legte jedoch dreimal sein Veto gegen den Gesetzentwurf der Regierung ein. Das Gesetz sei überreguliert und könne Unternehmen ins Ausland treiben. Eine Verbindung zu Zondacrypto weist er zurück. Anfang September fehlten dem Parlament 25 Stimmen, um das Veto zu überstimmen.

Erst als sich die Enthüllungen um Zondacrypto zuspitzten, reagierte der Präsidentenpalast und legte einen eigenen Gesetzentwurf vor. Zondacrypto hatte schon früher versucht, auf die Regeln Einfluss zu nehmen: Kral schickte Änderungswünsche über den Polnischen Bankenverband ans Finanzministerium. Übernommen wurde nach Angaben des Ministeriums keiner davon.

Polens Präsident Karol Nawrocki am 8. September 2026 auf der Rüstungsmesse MSPO in Kielce

Polens Präsident Karol Nawrocki am 8. September 2026 auf der Rüstungsmesse MSPO in Kielce

© Klaudia Radecka/imago

Doch auch die Regierung in Warschau steht unter Druck. Ihr Geheimdienstkoordinator hatte früh von Spuren russischer Dienste bei der Börse gesprochen, öffentliche Belege legte er nicht vor. Das Portal Onet berichtete, mehrere Personen aus dem polnischen kriminellen Milieu würden als tatsächliche Geldgeber beziehungsweise Hintermänner der Börse betrachtet. Zudem zeigen gesicherte Aufnahmen laut Wirtualna Polska und TVN24, wie ein Beamter des Inlandsgeheimdienstes eine Buchhalterin der Börse mit Drohungen zur Zusammenarbeit drängen wollte. Die PiS spricht von politischer Abrechnung.

Während Ministerpräsident Donald Tusk ankündigt, die Affäre vollständig aufzuklären, streitet das rechte Lager ein Jahr vor der Parlamentswahl offen über den Skandal. Ex-Premier Mateusz Morawiecki, der im Sommer eine eigene Fraktion gegründet hat, sagt, er habe den PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski mehrfach vor der Börse gewarnt. Die PiS schloss seine Leute daraufhin von ihren Wahllisten aus. In einer Umfrage von Anfang August führt Tusks Bürgerkoalition mit 28,7 Prozent vor der PiS mit 17,8 Prozent. Zusammen mit der Konföderation des Rechtsextremen Grzegorz Braun und Morawieckis Rozwoj Plus hätten die rechten Parteien jedoch eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus (Sejm).

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