Ende August stehen Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf und Bundesvorsitzende Franziska Brantner bei Ketels Curry am Kottbusser Damm und verteilen Pommes. Fotografen sind da, Parteifreunde auch, Graf und Brantner kommen mit Besuchern ins Gespräch. Nur eines lässt sich hinterher schwer feststellen: Wie viele Menschen waren hier, die der Grünen-Spitzenkandidat noch von sich und seiner Partei überzeugen musste – mit einer Portion Fritten?
Zwei Wochen später wird am Richard-Wagner-Platz Currywurst gegessen. Noch-Bürgermeister Kai Wegner ist gekommen, um die CDU-Abgeordnete Judith Stückler zu unterstützen. Sie wohnt nach eigenen Angaben seit 15 Jahren an dieser Kreuzung und kennt viele der Anwesenden. „Warum Curry 36?“, fragt die Berliner Zeitung. „Weil ich familiengeführte Berliner Unternehmen unterstützen möchte“, so die CDU-Kandidatin.
Prominente Unterstützung erhält Stückler von Julian F.M. Stoeckel. Als Künstler – wieso dann nicht die Linkspartei?, fragt die Berliner Zeitung. „Um Gottes willen“, reagiert der Schauspieler und bekennt sich zu seiner langjährigen CDU-Mitgliedschaft. Auch hier muss Stückler an diesem Nachmittag niemanden mehr für die CDU gewinnen.
An der Curry36-Bude lächelt Judith Stückler (M.) mit Freunden der Partei, noch Bürgermeister Kai Wegner (2.v.rr) sowie Schauspieler Julian F.M. Stoeckel (r.) in die Kamera.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Viel Wahlkampf, aber für wen?
Es sind zwei Szenen aus einem Wahlkampf, in dem die Parteien viel Aufwand betrieben haben, um sichtbar zu sein. Prominente reisten zur Unterstützung an, die Spitzenkandidaten absolvierten Termine quer durch die Stadt. Dass Wahlkampf stattfindet, kann wenige Wochen vor dem eigentlichen Wahltermin kaum jemand übersehen. Ob damit vor allem die eigenen Anhänger erreicht werden oder tatsächlich Menschen, deren Entscheidung noch offen ist, lässt sich schwerer beantworten.
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Das gilt auch für viele öffentliche Termine. Wer gezielt zu einer Kundgebung kommt, hat zumindest bereits Interesse an Politik. Beim Currywurst-Termin der CDU stehen Unterstützer neben zufälligen Passanten, beim Grünen-Termin Parteifreunde neben anderen Besuchern. Aus einer gut besuchten Veranstaltung lässt sich deshalb noch nicht ablesen, ob eine Partei über das eigene Umfeld hinausgekommen ist.
Die Linke-Wahlkampfhelfer blicken auf die Dekadenz der CDU an der Currywurst-Bude in Charlottenburg-Nord.
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An der Haustür ist das Publikum nicht bestellt
Anders funktioniert der Haustürwahlkampf der Linke. Der ehemalige Linke-Parteichef, Jan van Aken, zieht gemeinsam mit dem Abgeordneten Niklas Schenker und Helfern durch Berliner Mietshäuser. Die Wahlkämpfer wissen vorher nicht, wer öffnet und ob derjenige überhaupt mit ihnen sprechen möchte. Bei einem Besuch geht es um eine Mieterhöhung, an einer anderen Tür um die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne.
Manche Bewohner hören zu, andere haben keine Lust. „Lieber kein Zettel“, sagt einer. Ein anderer reagiert genervt. Es werde „eh nichts geändert“, heißt es. Seit 46 Jahren wohne man hier, Politiker seien schon oft gekommen und hätten geredet. Linda Böttcher, Studentin und Linke-Mitglied, begleitet van Aken an diesem Tag im Charlottenburger Norden.
Bundestagsabgeordneter Jan van Aken mit Wahlkampfhelferin Linda Böttcher in Charlottenburg-Nord.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Mitten im Haustürwahlkampf: Jan van Aken klopft persönlich an die Tür.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Die Linke sucht ihre Wähler zu Hause
Die Linke setzt seit langem auf Haustürbesuche. Auch Tobias Schulze, Fraktionschef der Linke im Abgeordnetenhaus, ist in Berlin-Moabit mit Wahlkämpfern durch die Häuser gezogen. Für die Partei unterscheidet sich die Methode grundlegend von einer eigenen Veranstaltung: Sie trifft auf Menschen, die ihr nicht bereits dadurch Interesse entgegenbringen, dass sie zu einem Termin gekommen sind.
Ob die Haustürgespräche etwas mit den derzeitigen Umfragewerten der Linke zu tun haben, lässt sich nicht belegen. Sie zeigen aber, was die Partei an den Türen ebenfalls zu hören bekommt: Desinteresse, Frust und den Vorwurf, Politik rede viel und ändere wenig. Nicht jedes Gespräch endet mit einem Flyer in der Hand. Trotzdem bleiben die vielen Helfer motiviert. Die beiden Gruppen, die die Berliner Zeitung begleitet hat, bestanden aus über geschätzten 30 Personen.
Mitten in Moabit: Die Wahlkampfhelfer von Fraktionschef Tobias Schulze (M.)
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Krachs Bus fährt weiter
Bei der SPD ist die Inszenierung größer. Seit dem 28. August fährt ein roter Cabrio-Doppeldecker unter dem Motto „Krach gegen Nazis“ durch Berlin. Nach Angaben der Partei ist er täglich unterwegs und soll bis zum Wahltag weiterfahren. Am vergangenen Samstag ist auch Spitzenkandidat Steffen Krach dabei. Die SPD verbindet die Tour mit Kundgebungen und Auftritten in verschiedenen Teilen der Stadt.
Die Schlussphase seines Wahlkampfs wird allerdings von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover überschattet. Gegen Krach wird unter anderem wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsannahme in zwei Fällen ermittelt. Weitere Vorwürfe betreffen ein Vergabeverfahren aus seiner Zeit als Regionspräsident. Krach weist die Vorwürfe zurück; es gilt die Unschuldsvermutung.
Ein Parteimitglied erzählt im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dass die Wahlhelfer seit den Schlagzeilen versuchen, den Wahlkampf von Krachs Spitzenkandidatur zu lösen, soweit es möglich ist.
Der Wahlkampfbus „Krach gegen Nazis“ am Leopoldplatz in Berlin-Wedding. Keine Snacks, dafür sehr viel Werbematerial.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Aufmerksamkeit für ein anderes Thema
Damit steht der SPD-Bus für eine besondere Schwierigkeit dieses Wahlkampfs. Er soll Krach und seine Botschaften sichtbar machen, während die öffentliche Aufmerksamkeit seit Tagen auf den Ermittlungen liegt. Der Kandidat setzt seine Termine dennoch fort. Noch in dieser Woche trat er mit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius auf.
Ob der Bus Menschen erreicht, die bislang nicht über eine Wahl der SPD nachgedacht haben, lässt sich ebenso wenig feststellen wie bei Pommes oder Currywurst. Sichtbarkeit ist messbar, Überzeugung nicht.
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Die AfD setzt auf Kundgebungen
Auch die AfD sucht den direkten Kontakt. Am vergangenen Samstag trat Spitzenkandidatin Kristin Brinker bei einer Wahlkampfkundgebung auf dem Klausenerplatz in Charlottenburg auf; hinzu kamen im Wahlkampf Infostände und Bürgerdialoge in den Bezirken.
Anders als die Termine von Grünen, CDU, Linke und SPD, ziehen AfD-Auftritte regelmäßig Gegenproteste an und damit auch Menschen, die ganz sicher nicht gekommen sind, um sich von der Partei überzeugen zu lassen.
Fraktionsvorsitzende und AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker spricht bei der Wahlkampfabschlussveranstaltung der AfD in Berlin-Charlottenburg.
© Bernd von Jutrczenka/dpa
Schon 2021 kostete der Wahlkampf Millionen
Wieviel die Parteien diesmal für ihren Wahlkampf ausgeben, haben sie bislang nicht vergleichbar offengelegt. Einen Anhaltspunkt liefert das Jahr 2021: Damals nannten die Berliner Grünen ein Wahlkampfbudget von 2,4 Millionen Euro, die SPD 1,8 Millionen, die Linke 1,4 Millionen und die AfD rund 500.000 Euro. CDU und FDP machten keine Angaben. Allein für Plakatwerbung veranschlagte die SPD 212.000 Euro, die Grünen 110.000 Euro.
Die damaligen Summen lassen sich allerdings nicht eins zu eins auf 2026 übertragen: 2021 fand gleichzeitig die Bundestagswahl statt. Finanziert werden Wahlkämpfe aus den Parteikassen, die sich unter anderem aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und staatlicher Teilfinanzierung speisen. Wie viel eine Partei diesmal für einen Wahlkampftag, einen Haustürbesuch oder ihre gesamte Kampagne ausgibt, bleibt ohne aktuelle Angaben offen.
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Was lässt sich überhaupt messen?
Die Parteien können zählen, wie viele Haustüren ihre Helfer besucht haben und wie viele Menschen bei einer Veranstaltung waren. Im Internet lässt sich nachvollziehen, wie oft ein Video angesehen wurde. Keine dieser Zahlen beantwortet aber die Frage, ob jemand danach anders wählt.
Am Sonntag gibt es nur eine Rechnung
Am Sonntag wird feststehen, wie viele Stimmen die Parteien erhalten haben. Daraus wird sich nicht ablesen lassen, welcher Termin tatsächlich etwas gebracht hat. Ob Werner Graf bei den Pommes jemanden überzeugen konnte, Kai Wegners Auftritt der CDU eine zusätzliche Stimme brachte oder ein Gespräch von Jan van Aken eine Wahlentscheidung verändert hat, bleibt unbekannt.
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Für Wahlkämpfer ist das nichts Neues. Bemerkenswert ist eher der Aufwand, der betrieben wird, obwohl der Ertrag einzelner Aktionen kaum messbar ist. Am Ende bekommen die Parteien eine Zahl, auf die es ankommt: ihr Wahlergebnis. Welche Pommes, welche Haustür und welcher Bus dazu beigetragen haben, steht darin nicht.
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