Kino

Queerfilmfestival 2026: Fitness-Influencer, Trucker und Matrosen in Berlin, Leipzig, Dresden und Halle

18 Filme in einer Woche: Das Queerfilmfestival bringt internationale Kino-Highlights nach Deutschland. Mit dabei: Leipzig, Dresden, Halle (Saale), Potsdam und Berlin.

7 Min
Können vielleicht die schwule Welt retten: Lucien (l.) und Fitness-Influencer Jim im französischen Queerfilmfestival-Hit „Jim Queen“.

Können vielleicht die schwule Welt retten: Lucien (l.) und Fitness-Influencer Jim im französischen Queerfilmfestival-Hit „Jim Queen“.

© The Jokers Films

In Paris grassiert die Heterose, eine neue rätselhafte Krankheit. Das Heterose-Virus hat es ganz auf schwule Männer abgesehen – um sie hetero zu machen. Und das funktioniert erstaunlich, funktioniert erschreckend gut. Auch das Umfeld ändert sich damit: Aus berghainesken Fetisch-Darkrooms werden Fußball-Sportkneipen. Peu à peu. Bierbäuche inklusive.

Für den Fitness-Influencer Jim mit seinen (bald nicht mehr) zwei Millionen Follower ist die Heterose jedoch nicht bloß ein Problem, das Paris und bald die schwule Weltbevölkerung bedroht – sondern vor allem seine Bauchmuskeln, also sein Kapital: Nachdem Jim sich mit der Heterose infiziert hat, beginnt sein Sixpack sichtlich zu schwinden. Oh wei. Merde! Rettung verspricht nur Lucien, der un-geoutete Sohn der Gesundheitsministerin, der Jim verehrt – und irgendwie immun ist gegen dieses neue Virus.

Die queere Welt herrlich durch den Kakao gezogen

„Jim Queen“, der dieses Jahr schon bei den Filmfestspielen von Cannes gefeiert wurde, ist ein köstlicher Spaß, animiert im „Futurama“-Stil. Und nicht nur die Heteros bekommen (im wahrsten Wortsinn) ihr Fett ab. Nein, auch die queere Welt wird herrlich selbstironisch durch den Kakao gezogen. Eine Message zu mehr Achtsamkeit und gegenseitigem Respekt steckt schon drin in „Jim Queen“ – aber so gewitzt verpackt, dass man sich nie belehrt, sondern durchweg aufs Beste entertaint fühlt.

Die französisch-belgische Koproduktion „Jim Queen“ der Regisseure Nicolas Athané und Marco Nguyen ist einer von 18 Filmen, die 2026 auf dem Queerfilmfestival (QFF) zu sehen sind. Eine Woche lang, vom 10. bis zum 16. September. „Geboten wird queeres Kino in seiner ganzen unverschämten Vielfalt und Energie: von kunstvoll bis kämpferisch, zärtlich bis zügellos“, versprechen die Veranstalter – und lösen das auch ein. Samt Festival-Highlights aus Cannes („Flesh & Fuel“), Venedig („On the Road – En el camino“), Berlin („Iván & Hadoum“) und San Sebastián („Maspalomas“).

Lucien vergöttert den Fitness-Influencer Jim. Doch was passiert, wenn er ihn wirklich trifft, sieht man im Animationsfilm „Jim Queen“, der 2026 schon in Cannes brillierte.

Lucien vergöttert den Fitness-Influencer Jim. Doch was passiert, wenn er ihn wirklich trifft, sieht man im Animationsfilm „Jim Queen“, der 2026 schon in Cannes brillierte.

© The Jokers Films

18 Filme, 19 Kinos, 13 Städte. Mit dabei sind (natürlich) Berlin (im Delphi Lux) und Potsdam (im Thalia). Aber auch Leipzig, Dresden, Halle (Saale). Dresden ist seit diesem Jahr beim QFF sogar mit zwei Kinos am Start und somit auf beiden Elbseiten vertreten; neu hinzu als Festivalkino kommt 2026 das Thalia -Cinema im Szene-Viertel Dresden-Neustadt.

Von Anfang an hingegen schon beim QFF dabei ist das Dresdner Zentralkino, seit 2020 auch am neuen Standort im Kraftwerk Mitte – einem imposanten Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert, das sich in einen Kunst-, Kultur- und Kreativstandort verwandelt hat. Zentralkino-Inhaber Bernhard Reuther sieht das QFF „selbstverständlich“, wie er sagt, auch als gesellschaftliches Statement, „gerade im Osten und in einer eher konservativen Stadt wie Dresden“.

Queerfilmfestival 2026: „Ein Mammut-Programm!“

Schon immer sind LGBT-Filme ein Bestandteil seines Programms im Zentralkino: „Da war es nur logisch, auch das Queerfilmfestival zu integrieren.“ Ein Stammpublikum freut sich jedes Jahr darauf; sogar neue Gäste für sein Kino hat Reuther durch das Festival gewonnen – auch wenn er selbst die Besucherzahlen für noch ausbaufähig hält: „Aber 18 Filme in einer Woche sind auch ein Mammut-Programm!“

Auch die Leipziger Kinobar Prager Frühling ist seit Festivalgründung 2019 mit dabei. Miriam Pfeiffer ist die Inhaberin des kleinen Programmkinos in der Südvorstadt, das seit 15 Jahren auch schon andere queere Filmreihen zeigt. Für Pfeiffer gehört das schlichtweg „zu unserer Programmvielfalt“: Wie im normalen Kinogeschäft laufen einige QFF-Filme herausragend, so Pfeiffer – und andere würden nicht wahrgenommen.

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Noch am schwulen Partystrand, aber bald schon im Pflegeheim: Vincent, 76, erleidet einen Schlaganfall in „Maspalomas“, der in Spanien schon ein Arthouse-Kinohit ist.

Noch am schwulen Partystrand, aber bald schon im Pflegeheim: Vincent, 76, erleidet einen Schlaganfall in „Maspalomas“, der in Spanien schon ein Arthouse-Kinohit ist.

© Salzgeber

Ein QFF-Film, dem hohe Aufmerksamkeit garantiert sein dürfte, ist der baskisch-spanische Kinohit „Maspalomas“. Allein in Spanien haben ihn schon mehr als 100.000 Menschen gesehen. Für einen queeren Arthouse-Film eine Sensation. Wer ihn sieht, versteht aber auch schnell, wie „Maspalomas“ in Spanien zum Kino-Phänomen wurde: Die Story ist herzzerreißend, getränkt in sommerlich flirrende Bilder. Zunächst.

Denn Vincent, 76, muss nach einem Schlaganfall den schwulen Partystrand von Maspalomas, Gran Canaria, verlassen, an dem er viele Jahre glücklich war. Seine Tochter steckt ihn in ein Altersheim. Wobei er eigentlich von Glück reden kann, dass sie sich überhaupt um ihn kümmert – denn einst hatte er sie samt Mutter von einem auf den andern Tag verlassen, um als offen schwuler Mann zu leben. Doch damit ist nun Schluss: Im Pflegeheim unter all den anderen Senioren, verheimlicht Vincent sein Schwulsein. Klar, dass das nicht lange gut geht.

„Maspalomas“ erzählt die erst mal bedrückende, aber letztlich doch sehr erbauliche Geschichte eines zweiten, späten Coming-Outs. Das ist umso erfreulicher, als es im queeren Kino (oft geprägt von jungen, schönen Gesichtern und Körpern) durchaus an älteren Identifikationsfiguren mangelt. Bitte mehr davon!

Zu den QFF-Filmen, die ebenfalls eine unbedingte Empfehlung verdienen, zählt auch „Free At Heart“ des Berliner Regisseurs (und Schauspielers) Max Hegewald: Anhand einer verbotenen Bruderliebe zweier Teenager (super gespielt von Linus Moog und Aurel Klug) erzählt „Free At Heart“ von Mechanismen des Misstrauens, das in Hassgewalt umschlagen kann. Und von einem Begehren, das sich dennoch Bahn bricht.

Ein früherer Vordenker der rechtlichen Gleichstellung

In anderer Hinsicht gruselig ist das dänische Gothic-Love-Drama „Eine Matrosengeschichte“, basierend auf einer schaurig-schönen Kurzgeschichte des deutschen Juristen und Schriftstellers Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895), einem sehr frühen Vordenker der rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen. Im Film geht es um einen jungen Fischer auf den Faröern, dessen Leben aus den Fugen gerät, als ein dänischer Matrose in sein Leben gespült wird. Sinnlich und übersinnlich.

Gleich zwei QFF-Filme dieses Jahr spielen übrigens im Trucker-Milieu – wobei „Flesh & Fuel“ definitiv der romantischere ist. „On The Road“, der zweite Lastwagenfahrer-Film im Programm, ist angesiedelt im Drogenkartell, wo man über Leichen geht, und nichts für schwache Nerven. „Blue Film“, ein tabuloser Psycho-Thriller aus den USA im Kammerspielformat, auch nicht.

Zart und schön geerdet sind hingegen „Iván & Hadoum“ sowie „On The Sea“. Sie erzählen von Beziehungen unter erschwerten Voraussetzungen – sei es in einer südspanischen Gewächshausanlagen oder auf einer walisischen Muschelfarm. In beiden Fällen ist der wirtschaftliche Druck zu spüren, der auch den sozialen Druck hochkocht. Zumal Iván trans ist und Hadoum aus einer muslimischen Familie kommt.

Der restaurierte Dokumentarfilm „Paris Was A Woman“ (1996) wiederum erzählt auf dem QFF von den weiblichen, auch lesbischen Ikonen des Rive Gauche zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund um Gertrude Stein. Und der frisch abgedrehte „Cooking Up Democracy“ der großen Dokumentarfilmerin Monika Treut entführt uns ins Taiwan der Gegenwart. Übrigens das erste asiatische Land, das die Ehe für Alle hat, seit 2019.

Auch 2026 ist das Queerfilmfestival wieder eine große Horizonterweiterung, die Freude bringt. Oder, wie Jeannette Schlottig, Betreiberin des Zazie Kino & Bar in Halle (Saale) es ausdrückt, die das QFF nicht als politisches Statement versteht, „zumindest nicht bewusst – eher als Selbstverständlichkeit“: „Es geht darum, ein vielfältiges Programm anzubieten. Wir haben jedes Jahr tolle Gäste und eine schöne Stimmung im Laden.“ An Heterose leidet dort wohl niemand.

Queerfilmfestival. 10.–16.9., Berlin, Potsdam, Leipzig, Dresden, Halle (Saale) u.a., Programmdetails auf queerfilmfestival.net

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