Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Ronja von Rönne ist nicht nur Journalistin für Medien wie die Zeit und die Welt am Sonntag, Moderatorin für Formate wie „Streetphilosophy“ und „Unhappy“ bei Arte und Podcasterin bei „Rönne & Rammstedt. Uns fragt ja keiner“, sondern auch eine versierte und gefeierte Schriftstellerin. Allerdings: Nach eigenen Angaben ist sie emotional häufig am Limit, wenn sie an einem neuen Buch sitzt. Ein solches hat sie mit „Alles Liebe“ nun zum Glück fertiggestellt, es erscheint am 2. Juli. Und wenn man weiß, wie sehr von Rönne auf dem Weg dorthin gelitten hat, fühlt man sich fast gezwungen, es zu lesen. Ihr zuliebe. Wegen der Opfer, die sie dafür gebracht hat. Doch die gute Nachricht ist: Es lohnt sich auch. Wir haben mit ihr im Interview aber nicht nur über das neue Buch, sondern auch über Ängste, Skandale und unerfüllbare Ansprüche an sich selbst gesprochen.
Frau von Rönne, ich falle mal direkt mit der Tür ins Haus: Ich habe Ihre Danksagung am Ende des Romans gelesen, die Sie selbst weniger als Danksagung denn als Entschuldigung beschreiben. Warum?
Weil ich eine absolute Zumutung bin, wenn ich schreiben muss. Weil ich in Momenten, in denen ich nicht schreibe, sondern mit der Familie grille, trotzdem schlecht drauf bin, weil ich am Tag zuvor nicht geschrieben, sondern gezweifelt habe. Ich habe dieses Buch erst zerdacht, bevor ich es erfunden habe. Ich habe Tage, Wochen verschwendet, mir über ein Buch Sorgen zu machen, das ich nicht geschrieben habe.
Ähnliches schreiben Sie darin auch: dass das Schreiben an einem Roman Sie fordert, häufig auch überfordert, und dass das weder Ihnen noch Ihrem Umfeld guttut. Sie erwähnen ebenfalls, dass einige geliebte Menschen in Ihrem Umfeld deshalb hoffen, dass Sie nie wieder einen Roman schreiben. Was zerreißt Sie so daran?
Den Buchvertrag habe ich vor drei Jahren unterschrieben. Und zwei Jahre davon habe ich nicht geschrieben, sondern gezweifelt, weggeworfen, alles infrage gestellt.
Zur Person
Erste Bekanntheit erlangte sie mit ihrem Blog „Sudelheft“, bevor sie als freie Autorin für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig wurde. Bundesweit bekannt wurde sie 2015 durch einen viel diskutierten Essay in der Zeitung Welt. Im selben Jahr erschien ihr Debütroman „Wir kommen“. Weitere erfolgreiche Veröffentlichungen waren „Ende in Sicht“ (2019) und „Trotz“ (2023).
Neben ihrer literarischen Arbeit realisiert sie Dokumentationen und Reportagen für den Kultursender Arte. Darin setzt sie sich mit Themen wie psychischer Gesundheit, Religion, Politik, Radikalisierung und gesellschaftlichen Konflikten auseinander. Von Rönne spricht offen über eigene Erfahrungen mit Depressionen und gilt als eine der prägendsten publizistischen Stimmen ihrer Generation. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Wie muss man sich das vorstellen?
Ich bin weinerlich, unsicher, undiszipliniert und überfordert. Unglücklich, wegen eines Textes, den ich nicht mal schreibe, sondern den ich stattdessen innerlich zerlege. Wenn ich tatsächlich schreibe, also wirklich tippe, ist es manchmal sogar schön. Aber das vergesse ich leider immer wieder.
Von Dorothy Parker stammt das Zitat: „Ich hasse es, zu schreiben, aber ich liebe es, geschrieben zu haben.“ Klingt so, als ob es Ihnen ähnlich geht.
Komplett. Ich dachte gerade erst, das sei ein Zitat von mir. (lacht)
Aber was reibt Sie emotional so auf?
Ich bin nie emotional aufgewühlt wegen des Inhalts, sondern wegen des Anspruchs, den ich an mich stelle. Dieses Buch ist das, was ich immer schreiben wollte.
Pride Month: Wie glaubwürdig sind die Diversity-Kampagnen großer deutscher Unternehmen?
DGB-Steuerpläne: Das Totalversagen von Willy Brandts und Helmut Schmidts Erben
Und Sie haben Angst, daran zu scheitern?
Genau. Ich will keine Ronja-von-Rönne-Betroffenheitsliteratur runterlabern, sondern Geschichten erfinden, Figuren erschaffen, neue Welten ermöglichen. Ein Buch, das so gut geschrieben ist, dass es einen tröstet, entsetzt, nachdenklich macht. In dem alle Figuren glaubhaft sind. In dem einfach alles stimmt. Unmöglich, natürlich.
Viele Künstler empfinden die Fertigstellung eines Werkes – wie schwer der Weg dorthin auch war – als befreiend. Wie ist das bei Ihnen?
Ich werde verlässlich jedes Mal richtig krank, wenn ich ein Buch abgegeben habe. Das ist eigentlich rührend von meinem Immunsystem: Es schöpft wirklich alle Reserven aus, bis es nicht mehr muss. Abgegeben. Ich werde krank, erkältet, Norovirus, Grippe, egal. Das, was eigentlich erleichternd sein sollte, ist erst mal Zusammenklappen, weil jetzt darf ich das. Aber es ist wie beim Reisen: Es braucht einige Zeit, bis ich verstehe, dass ich nachts nicht mehr mit großen Sorgen um den Text einzuschlafen brauche. Dass es wirklich geschafft ist. Und dann ist das Buch auf der Welt, und ich komme mir lächerlich vor, weil ich mich so angestellt habe.
Ronja von Rönne während der Leipziger Buchmesse im Jahr 2023
© Star-Media/Imago
Wenn Sie einen Roman schreiben: Suchen Sie dann erst eine Art Grundthema, zu dem Sie sich dann auf die Suche nach einer passenden Geschichte begeben, oder überlegen Sie sich erst eine Story, aus der sich dann ein übergeordnetes Thema herausschält? Können Sie bitte mal den Weg zur Idee von „Alles Liebe“ skizzieren?
Eigentlich sollte das Buch „Gift“ heißen und von toxischen Beziehungen handeln. Ich habe mich dann aber dieses Mal von meinen Figuren an die Hand nehmen lassen und einfach mal geschaut, wo die mich hinführen. Jede Geschichte ist nur anhand der außergewöhnlichen Helden und Heldinnen gewachsen.
Die Grundthemen von „Alles Liebe“ scheinen mir Einsamkeit und die Suche nach Nähe zu sein. Oder würden Sie dem widersprechen?
Als Kind, bei Schulaufsätzen und Fantasiegeschichten, sollte man immer als Erstes einen „Schreibplan“ beziehungsweise eine Gliederung schreiben. Ich hab’ die erste Seite immer frei gelassen, die Geschichte geschrieben und dann den Schreibplan dem angepasst. Meine Figuren kennen die Einsamkeit, wollen gesehen werden. Das kennen wir alle. Ich wollte etwas schreiben, mit dem man sich identifizieren kann.
Erstens ist ja irgendwie alles Kultur und Skandal zumindest Stoff für Boulevard, und selbst die Bild ist nun mal irgendwie Kulturgut.
Ronja von Rönne
Wie graben Sie sich generell in Ihre Figuren ein? Orientieren Sie sich an Menschen, die Sie kennen, erfinden Sie gänzlich neue oder gehen Sie in erster Linie von sich selbst aus?
Clemens Setz hat mal gesagt oder zitiert, man könne keine Figur schaffen, die schlauer ist als man selbst. Das stimmt. Aber man kann durchaus solche schaffen, die noch viel seltsamere Komplexe haben, die vor ganz anderen Dingen Angst haben als man selbst, die sich ganz anders selbst belügen als ich mich.
Im Kapitel „Barbara“ nimmt auch Stille einen großen Raum ein. Was ist Stille für Sie?
Der Moment, in dem mein Tinnitus einsetzt.
In „Alles Liebe“ geht es zudem um das Erfinden von Figuren, um das Zum-Leben-Erwecken von Fantasiemenschen – was Sie als Autorin natürlich auch tun. Was ist dabei das Schwierigste?
Sich wirklich Mühe zu geben, zu begreifen, warum diese Figuren so sind, wie sie sind. Bevor ich schreibe, stelle ich mir vor, wie meine Figuren einen Fragebogen ausfüllen müssten. Wie sähe ihr Tinder-Profil aus? Wie leben sie? Freuen sie sich über Tchibo-Angebote? Hatten sie eine schöne Kindheit? Haben sie Geschwister? Haben sie unter ihren Mitschülern gelitten oder sie angeführt? Sind sie Vermeider oder konfrontieren sie? Fester Freundeskreis oder Großstadteinsamkeit? Was verschafft der Figur Trost, was ärgert sie, was motiviert sie, was ist ihre schlimmste und schönste Erinnerung? So was.
Interview: Schauspieler Max Riemelt und das Klischee des „weinerlichen Ostmanns“
Ein Finsterwalder auf Spurensuche in Nazi-Deutschland: „Mein Vater war nicht mein Vater“
Sie haben mal gesagt: „Skandal geht vor Kultur.“ Ein Umstand, den man ja tagtäglich durch die Medien belegt bekommt. Inwiefern trifft der Satz hinsichtlich Ihrer Person zu? Sie werden ja immer noch gerne mal als „Skandalautorin“ betitelt.
Hab’ ich das so gesagt? Keinerlei Erinnerung dran. Ist aber ein ziemlich dummer Satz. Erstens ist ja irgendwie alles Kultur und Skandal zumindest Stoff für Boulevard, und selbst die Bild ist nun mal irgendwie Kulturgut.
Ich habe Ihre Danksagung so interpretiert, dass Sie bis auf Weiteres erst mal nicht vorhaben, einen weiteren Roman zu schreiben. Wo liegt stattdessen Ihr beruflicher Schwerpunkt in den kommenden Monaten?
Schreiben. Kolumnen. Reportagen. Kommentare. Anderen zuhören. Nichts Großes, sondern viele kleine, glänzende Texte schreiben. Manchmal politisch, aber bloß nicht weltbewegend. Anspruchshaltung im Zaum halten. Kleine Pointen, ein Leserlächeln.
Daniel Schieferdecker arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]