Die Bundesregierung hat am 1. September 2026 angekündigt, den Vertrag über das Russische Haus in Berlin zu kündigen – als Reaktion auf den Russland zugeschriebenen Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle. Moskau kündigte spiegelbildliche Gegenmaßnahmen an, die auch das Goethe-Institut in Russland treffen könnten. Damit droht zwei Einrichtungen das Aus, die trotz aller politischen Spannungen Sprache, Kunst und Begegnung zwischen Deutschen und Russen ermöglichten. Was steckte hinter ihrer Arbeit – und was geht nun verloren?
Alle Fragen im Überblick
- Warum wird das Russische Haus geschlossen – und was droht dem Goethe-Institut?
- Was ist das Russische Haus in Berlin und was fand dort statt?
- Was leistete das Goethe-Institut in Russland?
- Welche Projekte förderten die deutsch-russische Verständigung besonders?
- Wie hat der Krieg die Arbeit beider Einrichtungen verändert?
Warum wird das Russische Haus geschlossen – und was droht dem Goethe-Institut?
Bundesaußenminister Johann Wadephul kündigte die Vertragskündigung am Dienstag dieser Woche als Teil eines Sanktionspakets nach dem Drohnenangriff auf Leipzig/Halle an. Das Haus erhalte „längst nicht mehr den eigentlichen Zweck einer kulturellen Verbindung zwischen Russland und Deutschland“ aufrecht, sagte er.
Zugleich wird das russische Generalkonsulat in Bonn zum 18. September geschlossen. Die Vertragskündigung könnte laut Medienberichten allerdings erst zum 7. Juni 2027 wirksam werden.
Nach Schließung des Russischen Hauses und Bonner Konsulats: So könnte Moskau reagieren
Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, kündigte spiegelbildliche Maßnahmen an. Diese könnten auch die Schließung des Goethe-Instituts in Moskau umfassen.
Damit stünde einer der letzten Kanäle für Deutschlernen in Russland vor dem Aus. Die Kulturbeziehungen beider Länder beruhten auf Gegenseitigkeit: Abkommen von 1992, 2011 und 2013 koppelten das Russische Haus und das Goethe-Institut direkt aneinander.
Was ist das Russische Haus in Berlin und was fand dort statt?
Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in der Berliner Friedrichstraße wurde am 5. Juli 1984 als größtes sowjetisches Kulturinstitut im Ausland eröffnet. Der Komplex umfasst rund 20.000 Quadratmeter mit Sälen, Bibliotheken und Ausstellungsräumen. Betreiber ist Rossotrudnitschestwo, eine Agentur des russischen Außenministeriums mit weltweit rund 70 Kulturzentren.
Das Programm reichte von Russischkursen und dem Sprachclub „Russisch an der Spree“ über Kunstwerkstätten bis zu Ausstellungen mit Malerei, Fotografie und Skulptur. Filmvorführungen entstanden in Kooperation mit Studios wie Mosfilm, Lenfilm und dem Animationsstudio Sojusmultfilm. Konzerte, Theatergastspiele und Literaturabende gehörten ebenso dazu wie erinnerungspolitische Formate – etwa die Ausstellung „27. Januar 1945“ zum Holocaust-Gedenktag im Januar 2025.
Was leistete das Goethe-Institut in Russland?
Das Goethe-Institut unterhielt Standorte in Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk sowie rund 20 regionale Sprachlernzentren. Knapp 1,99 Millionen Schülerinnen und Schüler lernten laut Institutsangaben in Russland Deutsch, unterstützt von etwa 10.000 Lehrkräften. Neben Sprachkursen und international anerkannten Prüfungen organisierte es Ausstellungen, Filmreihen, Künstlerresidenzen, Übersetzungsförderung und Schulpartnerschaften über die Pasch-Initiative. Ein eigener Bereich widmete sich der russlanddeutschen Minderheit.
Welche Projekte förderten die deutsch-russische Verständigung besonders?
Der Wettbewerb „Kulturbrücke: Deutschland und Russland“, 2020 bereits in der 14. Ausgabe, vergab Stipendien an russische Schülerinnen und Schüler für Aufenthalte in Deutschland. Das Literaturprojekt „Drei Zeiten“ brachte elf Autorinnen und Autoren aus Russland, Belarus und der Ukraine zu einem Residenzaufenthalt am Literarischen Colloquium Berlin zusammen.
In St. Petersburg vermittelte die Ausstellung „Dürer. Im Fokus“ zum 550. Geburtstag Albrecht Dürers deutsche Kunstgeschichte. Der Onlinekurs „Managing the Arts“ erreichte nach Institutsangaben mehr als 24.000 Teilnehmende aus 175 Ländern.
Gegenattacke mit Symbolwirkung: Was die Schließung des Russischen Hauses in Berlin wirklich bedeutet
Wie hat der Krieg die Arbeit beider Einrichtungen verändert?
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 entwickelten sich die Einrichtungen gegensätzlich. Das Goethe-Institut legte alle Kooperationen mit russischen Staatsstellen auf Eis und stellte öffentliche Veranstaltungen ein. Im Mai 2023 musste es die Belegschaft wegen einer von Russland verfügten Personalobergrenze reduzieren. Erhalten blieben Deutschkurse, Bibliotheken und digitale Angebote – vom Institut als „letzte zivilgesellschaftliche Brücken“n bezeichnet.
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Das Russische Haus setzte seinen Betrieb dagegen fort, obwohl die EU den Betreiber Rossotrudnitschestwo im Juli 2022 sanktioniert hatte. Ein deutsches Verwaltungsgericht bewertete die behauptete Unabhängigkeit des Hauses vom Betreiber als nicht glaubwürdig. Französische Behörden schätzten es laut einem bekannt gewordenen Dokument als „Tarnung" russischer Geheimdienste ein. Das Haus weist den Vorwurf zurück.
Mit Material von dpa, KNA und SID
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