Schlagabtausch

„Nehmen Sie den Bus“: Moskau verspottet deutsche Botschaft wegen Russlands Benzinkrise

Die deutsche Botschaft führt Russlands Benzinkrise auf den Krieg gegen die Ukraine zurück. Maria Sacharowa kontert mit Spott, Geschichtsverweisen und einem Angriff auf Berlin.

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Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, reagierte mit Spott auf ein Video der deutschen Botschaft zur Benzinkrise in Russland.

Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, reagierte mit Spott auf ein Video der deutschen Botschaft zur Benzinkrise in Russland.

© Russian Foreign Ministry Press Service/AP

Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa hat deutsche Diplomaten wegen eines Videos über den Treibstoffmangel in Russland verhöhnt. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums forderte Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau auf, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Zuvor hatte die Vertretung die Engpässe mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine in Verbindung gebracht.

„Die deutsche Botschaft hat uns hier von Problemen mit Benzin erzählt und davon, dass der, wie sie es ausdrückte, ,Angriffskrieg‘ beendet werden müsse“, schrieb Sacharowa auf Telegram. „Wir stimmen zu, dass es für Berlin an der Zeit ist, den aggressiven Krieg durch die Hände des Kiewer Regimes zu beenden.“

Anschließend richtete Sacharowa eine Empfehlung an die deutschen Diplomaten: „Bis dahin sollen die besorgten deutschen Diplomaten öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Dort können sie zugleich erfahren, wie der Große Vaterländische Krieg ausging und wer die Bandera-Anhänger sind.“ Die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass verbreitete Sacharowas Äußerungen am Donnerstag. Als „Großen Vaterländischen Krieg“ bezeichnet Russland den Krieg der Sowjetunion gegen NS-Deutschland von 1941 bis 1945. Mit ihrem Verweis auf den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera griff Sacharowa erneut die russische Darstellung auf, Deutschland unterstütze nationalistische Kräfte in der Ukraine.

Deutsche Botschaft: „Beenden Sie den Angriffskrieg“

Auslöser war ein kurzes Video der deutschen Botschaft in Moskau. Darin spricht Lena Hillmeier, Leiterin der Presseabteilung der Vertretung, über mögliche Antworten des Kremls auf den Treibstoffmangel. „Im Kreml wird derzeit intensiv darüber diskutiert, wie man mit dem aktuellen Treibstoffmangel umgehen soll“, sagt Hillmeier in dem Video. Als mögliche Maßnahmen nennt sie Verkaufsbeschränkungen, Importe aus dem Ausland und eine Verstärkung der Luftverteidigung. Dann fügt sie hinzu: „Wir haben eine viel einfachere Idee: Beenden Sie den Angriffskrieg gegen die Ukraine.“

Die Botschaft veröffentlichte das Video mit russischen Untertiteln auf ihrem Telegram-Kanal. Sacharowa reagierte ebenfalls bei Telegram. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums tritt regelmäßig mit scharfen Angriffen auf westliche Regierungen und Diplomaten hervor.

Bericht: Engpässe betreffen rund 50 Millionen Russen

Hinter dem diplomatischen Schlagabtausch steht eine Treibstoffkrise, die inzwischen weite Teile Russlands erfasst. Nach einer Analyse der Financial Times leben in den betroffenen Regionen rund 50 Millionen Autofahrer. Das entspricht etwa 35 Prozent der russischen Bevölkerung. Die Zeitung wertete dafür die Zahl der Fahrzeughalter in den einzelnen Regionen aus.

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Die Financial Times führt die Krise vor allem auf verstärkte ukrainische Drohnenangriffe gegen russische Raffinerien und andere Teile der Energieinfrastruktur zurück. Seit Mai habe die Ukraine ihre Angriffe erheblich ausgeweitet und inzwischen die zehn größten Raffinerien Russlands getroffen. Dazu gehört auch die Anlage in Omsk, rund 2500 Kilometer von der Front entfernt. Sie steht nach Angaben der Zeitung für etwa sieben Prozent der russischen Raffineriekapazität.

In zahlreichen Regionen bildeten sich lange Schlangen vor Tankstellen. Teilweise müssten Autofahrer mehrere Tage auf Treibstoff warten. Regionalregierungen führten Verkaufsbeschränkungen ein oder legten anhand gerader und ungerader Autokennzeichen fest, an welchen Tagen Fahrzeuge betankt werden dürfen.

Bis zum 25. Juni hatten laut Financial Times fast 50 russische Regionen den Verkauf von Treibstoff eingeschränkt. Bis zum 8. Juli bestanden in den meisten Regionen Begrenzungen durch Behörden oder Händler. Drei Regionen riefen eine erhöhte Alarmbereitschaft aus, die Vorstufe zum Notstand.

Kosaken sollen Streit an Tankstellen verhindern

Die Engpässe führen dem Bericht zufolge auch zu Auseinandersetzungen an Tankstellen. In einer südlichen Region seien Kosaken eingesetzt worden, um dort für Ordnung zu sorgen. In Sibirien ließ ein Gouverneur warme Mahlzeiten an wartende Autofahrer verteilen. Manche Russen boten ihre Plätze in den Schlangen in sozialen Netzwerken zum Verkauf an.

Auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim gilt nach Angaben der Financial Times inzwischen der Notstand. Benzin werde dort über elektronische Bezugsscheine rationiert. Hinzu kämen großflächige Stromausfälle.

Auch erste Unternehmen melden Folgen. In der sibirischen Stadt Tschita stellte ein Müllentsorger seine Arbeit vorübergehend ein, bis die Treibstoffprobleme behoben seien. Zwei kleinere Fluggesellschaften und ein Verband der Taxibranche warnten vor steigenden Preisen. Der russische Onlinehändler Wildberries begründete höhere Gebühren für Verkäufer ebenfalls mit den gestiegenen Treibstoffkosten.

Bis zu 40 Prozent der Kapazität könnten ausgefallen sein

Das genaue Ausmaß der Schäden lässt sich nur schwer überprüfen, weil Russland viele Daten zur Ölverarbeitung nicht mehr veröffentlicht. Von der Financial Times befragte Fachleute schätzen auf Grundlage indirekter Daten und von Medienberichten, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Raffineriekapazität ausgefallen sein könnten. Im Juni verarbeitete Russland demnach durchschnittlich 4,1 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Das waren 28 Prozent weniger als im Mittel der vergangenen fünf Jahre und 35 Prozent weniger als die nominelle Kapazität des Landes. Die Zahlen stammen laut Zeitung von Borys Dodonov, Leiter der Energie- und Klimaforschung an der Kyiv School of Economics.

Der russische Präsident Wladimir Putin räumte am Sonntag öffentlich ein, dass es „einige Engpässe“ gebe. Diese seien aber „nicht kritisch“.

Die Regierung versucht inzwischen, die Versorgung durch Importe und Exportbeschränkungen zu stabilisieren. Im Juni führte Russland nach Angaben der Financial Times 141.000 Tonnen Benzin aus Belarus ein. Das war 141-mal mehr als ein Jahr zuvor, gemessen am russischen Verbrauch jedoch weiterhin eine geringe Menge.

Moskau verbot am Mittwoch außerdem die Ausfuhr von Diesel. Russland ist nach Angaben der Zeitung normalerweise der zweitgrößte Diesel-Exporteur der Welt. Die Financial Times schreibt, das Verbot werde vor allem die Treibstoffversorgung an der Front stützen, da die meisten Militärfahrzeuge mit Diesel betrieben würden. Den Benzinmangel für private Autofahrer dürfte die Maßnahme dagegen nur begrenzt lindern.

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