Deutsche Wirtschaft

Russland-Sanktionen: Ist deutsches Eigeninteresse gleich „Putinversteherei“?

Nach dem Drohnenvorfall in Leipzig wird der Ruf nach härteren Russland-Sanktionen lauter. Deutsche Fischimporte geraten erneut in Kritik – zu Recht? Ein Kommentar.

4 Min
Nicht nur bei Fischstäbchen: Immer mehr EU-Staaten schützen ihre eigene Wirtschaft vor neuen Sanktionen gegen Russland. Symbolbild.

Nicht nur bei Fischstäbchen: Immer mehr EU-Staaten schützen ihre eigene Wirtschaft vor neuen Sanktionen gegen Russland. Symbolbild.

© © Fotoillustration: Berliner Zeitung. Fotos: Imago, Unsplash

Nach den jüngsten Vorwürfen der Bundesregierung gegen Russland wird in Deutschland weiter über die angemessene Reaktion auf das russische Vorgehen diskutiert. Berlin macht Russland für den versuchten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig verantwortlich und kündigte am Dienstag mehrere Gegenmaßnahmen an.

Vor diesem Grund ist im Handelsblatt Morning Briefing nun am Mittwochmorgen zu lesen, Europa leiste sich noch immer „zu viele Putinversteher“. Die bisherigen Sanktionspakete hätten Russland nicht entscheidend geschwächt, weil es ihnen an Ernst fehle: Die Schattenflotte lasse man gewähren, Oligarchen könnten weiter in Frankreich und Italien Urlaub machen – und Deutschland habe sich für russische Fischimporte eingesetzt, „weil sonst die Fischstäbchen knapp werden“.

Die Fischstäbchen eignen sich zwar für eine Pointe. Als Beleg für „Putinversteherei“ taugen sie allerdings weniger.

Russischer Fisch: Deutschland hätte besonders viel zu verlieren

Tatsächlich wollte die EU-Kommission im 21. Sanktionspaket erstmals auch russischen Fisch treffen. Die Einfuhr von Alaska-Seelachs sollte deutlich sinken, für russischen Kabeljau war ein Importverbot vorgesehen. Das hätte vor allem Deutschland getroffen. 2025 kamen 100.900 Tonnen Alaska-Seelachs direkt aus Russland – 59,9 Prozent der gesamten deutschen Importe dieser Fischart. Rechnet man indirekte Lieferungen über Drittländer hinzu, stammen nach Berechnungen des Thünen-Instituts zwischen 55 und 72 Prozent des hier verarbeiteten Alaska-Seelachses aus russischen Quellen.

Aus diesem Fisch werden in Deutschland Fischstäbchen und Schlemmerfilets. Es ging dabei nicht nur um ein paar Euro mehr für Fischstäbchen. Russischer Alaska-Seelachs lässt sich nach Einschätzung des Thünen-Instituts weder in der benötigten Menge noch zu vergleichbaren Preisen und in der für die industrielle Verarbeitung erforderlichen Form vollständig ersetzen. Fehlt die Rohware, drohen deshalb nicht nur höhere Verbraucherpreise, sondern auch Produktionsverlagerungen und Arbeitsplatzverluste in der deutschen Fischindustrie.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Wenn Sanktionen Deutschland stärker treffen als Russland

Russland dagegen könnte den in Europa nicht mehr verkauften Fisch nach Einschätzung der Forscher vergleichsweise leicht auf andere Märkte umlenken. Institutsleiter Christopher Zimmermann brachte das gegenüber der Berliner Zeitung im Juli auf den Punkt: „Die Sanktion würde dem Sanktionsgeber mehr schaden als dem Sanktionierten.“

Sanktionen sind schließlich kein Selbstzweck. Die Bundesregierung beschreibt deren Ziel so: Sie sollen größtmöglichen Druck auf Russland ausüben und dessen Fähigkeit einschränken, den Krieg gegen die Ukraine fortzuführen. Wenn eine konkrete Maßnahme aber womöglich deutsche Arbeitsplätze und Produktionskapazitäten stärker trifft als den russischen Exporteur, muss man über ihre Wirkung diskutieren dürfen.

Härte allein macht Sanktionen nicht wirksam

Genau das hat die Bundesregierung bisher beim Fisch getan. Sie unterstützte eine Ausweitung der Sanktionen gegen Russland grundsätzlich, prüfte zugleich aber die Folgen für die eigene Wirtschaft und die Verbraucher. Im endgültigen 21. Sanktionspaket vom 23. Juli waren die geplanten Beschränkungen für russischen Fisch schließlich nicht mehr enthalten. Die Bundesregierung erklärte danach ausdrücklich: Bei der Ausgestaltung von Sanktionen würden die Auswirkungen auf europäische Verbraucher und die heimische Wirtschaft „im Blick behalten“. Ist schon diese Abwägung „Putinversteherei“?

Natürlich kann man darüber streiten, wie viel wirtschaftlichen Schaden Deutschland für wirksame Sanktionen in Kauf nehmen sollte. Man kann auch argumentieren, dass zu viele nationale Ausnahmen den gemeinsamen europäischen Druck auf Russland schwächen. Aber wirtschaftliches Eigeninteresse ist noch keine politische oder ideologische Nähe zu Wladimir Putin.

Sanktionen müssen sich an ihrer Wirkung messen lassen. Härte allein macht eine Maßnahme noch nicht wirksam. Ob Deutschland damit am Ende stärker die eigene Industrie als Russland trifft, muss deshalb eine legitime Frage bleiben.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner