Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt vor der Wahl: Die Weltpresse schaut auf Deutschlands Osten

In Amerika, Russland, China und auch in der EU beobachtet die internationale Presse mit großer Spannung, ob die AfD bei einer Landtagswahl erstmals die absolute Mehrheit erringt. Ein Überblick.

8 Min
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund – Umfragen sehen seine Partei bei rund 42 Prozent.

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund – Umfragen sehen seine Partei bei rund 42 Prozent.

© Christian Schroedter/Imago

Kaum eine deutsche Landtagswahl hat international für vergleichbares Aufsehen gesorgt wie die bevorstehende Abstimmung in Sachsen-Anhalt am 6. September. Von Washington bis Peking, von Rom bis Moskau beobachten Redaktionen mit wachsender Aufmerksamkeit, was sich in einem der bevölkerungsärmsten deutschen Bundesländer anbahnt. Zum ersten Mal könnte die AfD bei Wahlen in Deutschland die erste absolute Mehrheit erreichen. Umfragen sehen die AfD bei Werten um 42 Prozent.

Für die Weltpresse ist die Wahl längst mehr als nur eine innerdeutsche Story. Sachsen-Anhalt gilt vielerorts als Test dafür, wie stabil die politische Mitte in Europas größter Volkswirtschaft noch ist und als Menetekel für ähnliche Entwicklungen anderswo. Ein Überblick, wie Zeitungen und Sender rund um den Globus über Sachsen-Anhalt berichten.

Russische und chinesische Presse: Nervosität in Berlin

Die russische Wirtschaftszeitung Kommersant berichtet über eine kriselnde Bundesregierung, die anderthalb Wochen vor der Wahl eine zweitägige Kabinettsklausur abgehalten hat. Die jüngste Trendumfrage vom 25. August zeige, so das Moskauer Blatt, einen Rekordwert von 42 Prozent für die AfD, während die CDU bei 20 Prozent liege und deren Koalitionspartner SPD 8 Prozent erreiche. Ein Szenario, das laut Kommersant unweigerlich zu einer alleinigen Mehrheit der AfD im Landtag führen würde.

Bundeskanzler Friedrich Merz habe seine Minister auf Schloss Neuhardenberg versammelt, um die Pläne für den Herbst abzustimmen und parteiinterne Geschlossenheit zu demonstrieren. Die Regierung sei mit veränderter Besetzung aus der Sommerpause zurückgekehrt. Merz habe seinen Kanzleramtschef sowie mehrere Minister ausgetauscht. Nach Einschätzung von Experten, die Kommersant zitiert, sei dies als Versuch zu werten, angesichts wachsender parteiinterner Zweifel an der bisherigen Abgrenzungsstrategie gegenüber der AfD härtere Kräfte in Schlüsselpositionen zu berufen.

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Auch das chinesische Nachrichtenportal Guancha widmet sich unter der Überschrift „Nur einen Schritt von der ersten Landesregierung entfernt – bricht die AfD die Brandmauer?“ der Wahl in Sachsen-Anhalt. Das Medium schreibt ebenso über die jüngsten Umfragen. Der Artikel verweist zudem auf die Ost-West-Kluft als zentrale Erklärung: Jahrzehntelange wirtschaftliche Benachteiligung und das Gefühl, von der westdeutschen Politik ignoriert zu werden, hätten das Vertrauen der ostdeutschen Wähler in die etablierten Parteien untergraben.

Zitiert wird unter anderem die Historikerin Katja Hoyer, der zufolge Ostdeutsche sich trotz 35 Jahren Wiedervereinigung noch immer als „Bürger zweiter Klasse“ empfänden, sowie Berichte über schrumpfende Bevölkerung, Fachkräftemangel und niedrigere Löhne in den ostdeutschen Bundesländern. Guancha ordnet die Wahl zudem historisch ein. Seit 2002 stelle die CDU ununterbrochen den Ministerpräsidenten in Magdeburg: zuletzt Reiner Haseloff, seit Januar 2026 Sven Schulze. Der Artikel schließt mit dem Hinweis, dass die von der deutschen Politik errichtete „Brandmauer“ gegen die AfD zunehmend brüchig wirke – bundesweit liege die Partei inzwischen bei 28 Prozent und damit vor allen anderen Kräften.

Europas Presse: Ein Test für die Statik der Republik

Die italienische Zeitung La Stampa schreibt in einem Beitrag, dass ein AfD-Sieg weit über Deutschland hinauswirken würde. Verliere Berlin an „industrieller, sicherheitspolitischer und demokratischer Substanz“, verliere auch Europa an wirtschaftlichem Gewicht und strategischer Handlungsfähigkeit. Ein starkes Europa brauche ein starkes Deutschland, schreibt der Autor.

Der tschechische Sender Český rozhlas ordnet die Entwicklung historisch ein. Deutschland-Korrespondent Pavel Polák schreibt, die AfD habe von der über Jahre gewachsenen Frustration im Osten profitiert. Dem Gefühl, vom Westen übersehen zu werden, verbunden mit schlechter Wirtschaftslage und ungelöster Migrationsdebatte. Sein Fazit: Die traditionellen demokratischen Parteien hätten Ostdeutschland nach über drei Jahrzehnten an der Macht faktisch verloren.

Das britische Magazin The Spectator sieht die eigentlichen politischen Erschütterungen eher in Berlin als in Magdeburg. Autor Leon Mangasarian schreibt, AfD-Spitzenkandidat Siegmund werde im Fall eines Sieges mit zwei brutalen Realitäten konfrontiert. Es fehle das Geld für die Wahlversprechen, und deutsche Ministerpräsidenten verfügten nur über begrenzte Kompetenzen – weder der Import russischen Gases noch Abschiebungen lägen in ihrer Entscheidungsmacht. Ein AfD-Sieg könnte dem Autor zufolge das Risiko einer Palastrevolte gegen Kanzler Merz erhöhen.

Die bulgarische Zeitung Trud beschreibt die CDU vor einer Richtungsentscheidung. Auf Landesebene bleibe ihr nur die Wahl zwischen einer AfD-Regierung oder einem Bündnis mit der Linken – ein Dilemma, das sich auf Bundesebene in ähnlicher Form wiederhole.

Internationale Reportagen

Die New York Times hat unter der Überschrift „Im Osten Deutschlands könnte die extreme Rechte bald die Macht übernehmen“ bereits am 9. April aus Magdeburg und Tangermünde berichtet. Die Autoren Jim Tankersley und Christopher F. Schuetze beschreiben das 156-seitige AfD-Programm für Sachsen-Anhalt als teils undurchführbar, da es Bundeskompetenzen berühre.

Zu den Vorschlägen zählten die Abschiebung oder Sammelunterbringung von Geflüchteten, Steuervorteile für kinderreiche Familien, kostenlose Kinderbetreuung, der Entzug der Rundfunkfinanzierung sowie ein Verbot von Regenbogenflaggen an Schulen. Spitzenkandidat Siegmund sagte den Reportern, er wolle den Menschen ihr „gutes, altes, sicheres Deutschland“ zurückgeben.

Die Linke-Abgeordnete Eva von Angern hielt dem entgegen, das Programm verstoße gegen Grund- und Menschenrechte. Die Zeitung aus New York porträtiert zudem Programmautor Hans-Thomas Tillschneider – gebürtiger Rumäniendeutscher, Islamwissenschaftler und selbsterklärter Trump-Bewunderer – sowie die demografische Ausgangslage. Sachsen-Anhalt habe die älteste Bevölkerung aller Bundesländer und einen der niedrigsten Migrantenanteile Deutschlands, bei einer Arbeitslosenquote von 8,3 Prozent, zwei Punkte über dem Bundesschnitt.

Die britische BBC widmet sich unter dem Titel „Memory wars“ dem geplanten Umgang der AfD mit der deutschen Erinnerungskultur. Berlin-Korrespondentin Jessica Parker berichtet aus Querfurt, die Partei bezeichne die deutsche Erinnerungskultur in ihrem Programm als „Schuldkomplex“ und wolle Fördergelder für als „nicht-deutsch“ eingestufte Kunst streichen sowie den Geschichtsunterricht stärker auf die Zeit vor den Weltkriegen verlagern. Der Verfassungsschutz habe den Landesverband bereits 2023 als rechtsextrem und von rassistischer Ideologie durchdrungen eingestuft – eine Einordnung, die die AfD zurückweist.

Ein Wahlplakat zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt von der AfD mit dem Spitzenkandidat Ulrich Siegmund.

Ein Wahlplakat zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt von der AfD mit dem Spitzenkandidat Ulrich Siegmund.

© Rene Traut/Imago

Die Irish Times liefert mit dem Porträt „Der Duftspezialist der AfD wittert den Sieg“ von Derek Scally, veröffentlicht am 20. August aus Dessau-Rosslau, ein biografisches Bild des 35-jährigen Siegmund, früherer Duftmarketing-Unternehmer, seit 2014 in der AfD, seit 2016 im Landtag, heute mit über 700.000 TikTok-Followern einer der meistbeachteten Politiker Deutschlands. Der Artikel berichtet über eine Wahlkampfveranstaltung in Sachsen-Anhalt, bei der Siegmund von rund 300 Anhängern gefeiert wurde, sowie kontroverse Vorfälle. Etwa die Beschäftigung seines Vaters bei einem befreundeten Bundestagsabgeordneten oder einen Auftritt, bei dem ein Kabarettist scherzhaft über das Erhängen Angela Merkels sprach.

Newsweek ordnet die Umfragelage in Zahlen ein. Laut einer von Matt Cannon und Brendan Cole verfassten, am 25. Juni veröffentlichten Analyse fehlt der AfD nach einer Sitzprojektion des Aggregators Dawum nur ein Mandat zur absoluten Mehrheit im 83 Sitze zählenden Landtag. Die einzige realistische Alternative wäre ein Dreierbündnis aus CDU, Linke und SPD mit exakt den benötigten 42 Sitzen. Verfassungsrechtler Markus Böckenförde von der Central European University wird mit der Einschätzung zitiert, die Wahrscheinlichkeit einer absoluten Mehrheit sei „extrem realistisch“. Newsweek verweist zudem auf den historischen Kontext. Nach dem Wahlsieg in Thüringen im September 2024, der nicht zum Regierungseintritt reichte, wäre ein Sieg in Sachsen-Anhalt das erste Mal seit 1945, dass eine rechtsextreme Partei in Deutschland eine Landesregierung anführt, so das amerikanische Nachrichtenmagazin.

Die Gegenbewegung: Bündnisse jenseits der Brandmauer

Die italienische Zeitung Il Fatto Quotidiano berichtet in einem Artikel von Andrea M. Jarach über Versuche, die AfD durch überparteiliche Zusammenarbeit zu verhindern. Der frühere Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), heute Bundestagsvizepräsident, habe sich öffentlich für eine Kooperation seiner Partei mit der CDU ausgesprochen, um Schaden vom Land abzuwenden. Auch Linke-Co-Vorsitzender Luigi Pantisano habe erklärt, seine Partei übernehme Verantwortung, um eine AfD-Regierung zu verhindern. CDU-Ministerpräsident Sven Schulze wiederum habe sich mit einem gemeinsamen Auftritt mit dem Kabarettisten Dieter Hallervorden vom rigiden Parteikurs zu lösen versucht.

Der Artikel zitiert zudem ökonomische Warnungen. Laut dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) seien die AfD-Pläne – umfangreiche Sozialleistungen bei gleichzeitigen Steuersenkungen und dem Verzicht auf neue Schulden – nicht finanzierbar; es fehlten mindestens 2,2 Milliarden Euro jährlich. Nach der von Il Fatto Quotidiano zitierten Insa-Umfrage vom 10. August lag die AfD bei 42 Prozent, vor CDU (22), Linke (13), SPD (6) und BSW (5) – nur fünf von zwanzig antretenden Parteien würden demnach den Einzug ins Parlament schaffen.

Von Rom bis New York, von Prag bis Dublin: Die internationale Presse ist sich in der Diagnose weitgehend einig, auch wenn die Tonlagen variieren – zwischen Wahlanalyse, ökonomischer Warnung und ungläubigem Staunen über einen Kandidaten, der sein Land mit derselben Leichtigkeit verkauft, mit der er einst Parfüm verkaufte. Übereinstimmend beschreiben all die Zeitungsartikel die Wahl am 6. September als möglichen Wendepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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