„Noch einmal schlafen, dann holen wir uns unser Land zurück“, rief Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, beim Wahlkampffinale am vergangenen Wochenende in die jubelnde Menge. Das Ergebnis der Landtagswahl wurde durch alle politischen Lager hinweg mit Spannung erwartet.
Ein Magdeburger, der an einigen Anti-AfD-Demos teilgenommen hatte, sagte mir nach der Wahl: „Ich finde das Ergebnis natürlich furchtbar, bin aber trotzdem froh, dass es endlich da ist. Die ganze Anspannung war nicht mehr auszuhalten. Jetzt werden wir halt sehen, wie es weitergeht. Vielleicht kehrt zumindest wieder etwas Ruhe ein.“
Das ist unwahrscheinlich. Die Beben der Sachsen-Anhalt-Wahl reichen bis ins Mark der bundespolitischen Ordnung.
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So sieht es auch der Bundeskanzler. Man könne jetzt „nicht zur Tagesordnung übergehen, auch ich nicht, auch nicht die Bundesregierung“, sagte ein sichtlich emotionaler Friedrich Merz und sprach von einer „tektonischen Erschütterung unseres Parteiensystems“. Das mag ein „Hammersatz“ sein, wie es die Bild-Zeitung formulierte, und er beschreibt die Lage zutreffend. Ob Sachsen-Anhalt 2026 aber als Wendepunkt in die Geschichte eingeht, lässt sich heute noch nicht sagen. Eines ist sicher: Die Ruhe, auf die mein Magdeburger Gesprächspartner hofft, wird so schnell nicht einkehren.
Auch weit über Deutschland hinaus spürt man, dass hier etwas Wichtiges passiert. Die ganze Welt schaut auf Sachsen-Anhalt. Überall liest man große Artikel über die Wahl, von New York Times bis zu Le Monde.
Ich war in den vergangenen beiden Wochen quer durch Deutschland unterwegs und habe dabei auch internationalen Medien in Europa, Amerika und Australien Einordnungen gegeben, von der BBC bis zum New Yorker. Als Historikerin wurde ich immer wieder gefragt: „Erleben wir gerade einen historischen Moment?“ Solche Zuschreibungen wirken oft übertrieben, aber ich denke, hier sind sie nicht unangebracht.
Das endgültige Scheitern der Brandmauer-Logik
Zunächst mal sind da die Ergebnisse, die man durchaus „historisch“ nennen darf. Mit rund 44 Prozent wurde die AfD nicht nur zur stärksten Kraft, sondern erzielte ein Rekordergebnis, das es äußerst schwierig macht, sie in die Opposition zu schicken. In einer neuen Insa-Umfrage fiel die Union auch bundesweit diese Woche unter die 20-Prozent-Marke, wodurch sich ein Rekordvorsprung der AfD von fast 10 Prozentpunkten ergibt. Die AfD macht sich als politische Kraft unumgänglich. Mit anderen Worten: Was wir gerade erleben, ist das endgültige Scheitern der Brandmauer-Logik und damit einhergehend eine fundamentale Verschiebung der bundesrepublikanischen Nachkriegsordnung.
Das Parteiensystem, das Merz nun als erschüttert empfindet, galt lange Zeit als unerschütterlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich schon in den Besatzungszonen drei Parteientypen heraus: links, liberal und christlich-konservativ. Nach den Schrecken des Nationalsozialismus sollte es rechts davon nie wieder Parteien in Deutschland geben.
Nachdem die Bundesrepublik 1949 gegründet worden war, setzte deren erster Kanzler Konrad Adenauer dies auch rigoros durch. Einerseits band er ehemalige Nationalsozialisten in die Regierung und in öffentliche Institutionen ein. Andererseits gab es Verbote von NSDAP-Nachfolgeorganisationen, insbesondere der Sozialistischen Reichspartei 1952, deren Verbot 1956 eines gegen die KPD folgte.
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Die junge Bundesrepublik sollte feste politische Grenzen nach links und nach rechts haben, innerhalb derer ihre Bürger wählen konnten. Das hat über Jahrzehnte funktioniert. Von 1949 bis heute hat zu jedem Zeitpunkt ein CDU- oder SPD-Kanzler regiert. Die FDP – und ab 1998 die Grünen – spielten dabei meist die Rolle des Königsmachers oder es gab große Koalitionen von Union und SPD.
Selbst das wiederaufgebaute Reichstagsgebäude ist auf dieses Vierergespann ausgelegt. Es hat vier „Türme“, die ursprünglich die vier Königreiche des Deutschen Kaiserreichs symbolisierten: Preußen, Sachsen, Württemberg und Bayern. Heute befinden sich dort Fraktionssitzungssäle: zwei große, jeweils von CDU/CSU und SPD genutzt, und zwei kleinere, vom Architekten Norman Foster für FDP und Grüne konzipiert.
Nach der Bundestagswahl 2025 brach ein Streit aus, als die AfD als nun zweitgrößte Fraktion den zweitgrößten Sitzungssaal beanspruchte und sich die SPD erfolgreich dagegen wehrte – ein treffendes Symbol für die Verschiebung der Parteienlandschaft, die sich durch reines Pochen auf Tradition kaum aufhalten lässt.
Das Warnsignal aus Thüringen verpuffte
Will man eine vorsichtige Prognose ob der historischen Bedeutung von Sachsen-Anhalt 2026 wagen, lohnt sich ein Blick auf Thüringen 2024. Damals wurde die AfD zum ersten Mal in einer Landtagswahl zur stärksten Kraft – ebenfalls ein Moment, der von der Weltöffentlichkeit mit starkem Interesse verfolgt wurde. Sie hatte allerdings nur 33 Prozent erreicht, und es ergab sich eine parlamentarische Konstellation, in der durch die sogenannte Brombeerkoalition aus CDU, SPD und BSW die Brandmauer stehen bleiben konnte.
Der Medienzirkus zog bald weiter und das Warnsignal an Berlin verpuffte. Dabei war absehbar, dass Koalitionen, die den Wahlsieger ausschließen und gleichzeitig ein breites politisches Spektrum zusammenhalten müssen, zur Instabilität neigen. Nun gibt es eine heftige Regierungskrise in Thüringen, deren Ergebnis das Potenzial hat, die Schockwellen der Sachsen-Anhalt-Wahl noch weiter zu verstärken.
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Der Ton in der deutschen Medienlandschaft ist seit dem letzten Wochenende jedenfalls ein anderer. Bei Thüringen 2024 hatte man noch auf das Bundesland als Sonderfall verwiesen. Dort ist schließlich mit Björn Höcke eine der prominentesten AfD-Figuren Parteichef. Außerdem gab es dort mit Bodo Ramelow das erste und bisher einzige Mal in Deutschland einen Ministerpräsidenten der Linken, und das insgesamt zehn Jahre lang.
Man verwies auf Thüringens „Schicksalswahl“ von 1924, in der völkische Abgeordnete gewählt wurden, die schlussendlich die Aufhebung des NSDAP-Verbots im Land bewirkten. Die Frage, die ich damals immer wieder bekam, war nicht: „Was passiert da gerade in Deutschland?“, sondern „Was ist so besonders radikal an Thüringen?“ Viele Beobachter gingen davon aus, dass sich dort keine Muster abzeichneten, die sich auf die gesamte Bundesrepublik übertragen lassen.
Wenn man ganz fest daran glauben wollte, konnte man sich auch bis vor Sachsen-Anhalt 2026 noch einreden, dass die alte westdeutsche Parteienlandschaft weiter existiert, eben nur mit ein paar blauen Tälern – oder, wie es Mitte August noch im Spiegel stand, „ein bisschen angeblaut“.
Natürlich war das schon vorher Unsinn. Julius Kölzer, Doktorand an der Humboldt-Universität Berlin, veröffentlichte diese Woche eine Grafik, in der die AfD-Bundeswahlergebnisse in Ost und West von 2013 bis heute verglichen werden. Der Abstand zwischen den beiden Graphen blieb seit Jahren ziemlich gleich.
Sachsen-Anhalt wird nicht mehr als Sonderfall gehandelt
2017 haben rund 11 Prozent der Westdeutschen und 23 Prozent der Ostdeutschen bei der AfD ihr Kreuz gemacht. Heute sind es 25 Prozent im Westen und 43 Prozent im Osten in den Umfragen. Anders ausgedrückt: Der Anteil der westdeutschen AfD‑Wähler ist heute ungefähr genauso hoch, wie er damals bei den Ostdeutschen war. Nicht nur deshalb ist Sachsen-Anhalt für ganz Deutschland relevant. Die ausgiebige Medienberichterstattung und die „Hammersätze“ des Kanzlers zeigen, dass diese Erkenntnis nun auch durchdringt.
Sachsen-Anhalt wird zu Recht nicht mehr als Sonderfall gehandelt. Ob es nun tatsächlich der historische Wendepunkt war oder nur einer von vielen Indikatoren politischer Veränderung, werden die kommenden Monate zeigen. Was aber langsam allen klar sein sollte, ist, dass die tektonischen Verschiebungen, von denen Friedrich Merz spricht, nicht entlang der Grenze zwischen Ost und West verlaufen, sondern mitten durch die deutsche Parteienlandschaft.
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