Die mögliche Schließung des Volkswagen-Werks in Zwickau hat in Sachsen eine breite politische Reaktion ausgelöst. Ursache ist ein Bericht des Manager Magazins, wonach Konzernchef Oliver Blume im Zuge eines neuen Sanierungskonzepts weltweit bis zu 100.000 der derzeit rund 657.000 Stellen streichen könnte – doppelt so viele wie bislang bis 2030 geplant.
Der VW-Konzern hat inzwischen auf die Berichte reagiert und betont, man werde interne, vertrauliche Unterlagen nicht kommentieren. „Die zugrunde liegenden Sachverhalte werden in den zuständigen Gremien besprochen und verabschiedet“, teilte ein Sprecher auf Anfrage dieser Zeitung mit. „Diesem Prozess werden wir nicht vorgreifen.“
Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) meldete sich auf der Plattform X zu Wort und nannte die möglichen Werksschließungen, unter anderem in Zwickau, nicht hinnehmbar. „Deutschland darf sich nicht herunterfahren“, schrieb Kretschmer. Für Brüssel und Berlin müsse dies ein „letzter Weckruf“ sein, um Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben.
Kosten müssten sinken, die Produktivität steigen. Volkswagen gehöre zum „Markenkern Deutschlands“ – ein Rückzug wäre „fatal“. Vorstand und Aufsichtsrat forderte er auf, dringend Klarheit über die finanzielle Lage und die strategischen Überlegungen zu schaffen.
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) kündigte an, eine Schließung des Standorts verhindern zu wollen. „Wir werden um das Werk, um die Arbeitsplätze kämpfen. Das steht außer Frage“, sagte Panter.
Das Werk in Zwickau-Mosel dürfe nicht pauschalen Kürzungen zum Opfer fallen. Der Wettbewerb zwischen den VW-Standorten sei zwar hart, doch ein Blick auf die Zahlen zeige: Mosel sei „der produktivste und innovativste Standort, was Fahrzeugproduktion angeht“.
„Schlag ins Gesicht der Belegschaft“
Aus der CDU-Landtagsfraktion kamen ähnlich deutliche Worte. Sören Voigt, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses des Sächsischen Landtages und Erster stellvertretender Fraktionsvorsitzender, zeigte sich „erschüttert“. Erst am vergangenen Montag sei der Ausschuss vor Ort in Zwickau gewesen. Der Landtagsausschuss werde die anstehenden Gespräche zwischen Staatsregierung und VW Sachsen eng begleiten.
Bezeichnete die Signalwirkung der Pläne als "fatal": Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.
© Bernd Elmenthaler/Imago/Esdes.Pictures
Der wirtschaftspolitische Sprecher der Fraktion, Kay Ritter, nannte die möglichen Pläne einen „Schlag ins Gesicht der Belegschaft“. Die Beschäftigten hätten die Umstellung auf Elektromobilität und Kreislaufwirtschaft professionell bewältigt und verdienten Verlässlichkeit und Perspektiven.
Zwickau sei einer der modernsten Automobilstandorte Europas. Der Konzern müsse alle Optionen zur Standortsicherung ausschöpfen und den Menschen in der Region sowie den mittelständischen Zulieferern „Ehrlichkeit und Planungssicherheit“ bieten.
Kritik an Konzern-Kommunikation
Wolfram Günther, wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag, verwies darauf, dass seine Fraktion seit Langem eine verlässliche Zukunftsperspektive für Zwickau angemahnt habe. Das „modernste deutsche Werk für E-Autos“ dürfe nicht zum „nächsten Opfer von Sparprogrammen“ werden. Vom Konzern verlangte er Sicherheit für Beschäftigte und Zulieferer auch nach 2030.
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Scharf kritisierte Günther die Kommunikation des Unternehmens: Wer bis 2030 zum attraktivsten Automobilunternehmen der Welt werden wolle, müsse Verantwortung für Beschäftigte und Standorte übernehmen. Wenn existenzielle Einschnitte „erneut zuerst über Medienberichte bekannt werden“, beschädige das das Vertrauen der Belegschaften massiv.
Zugleich forderte er die Staatsregierung auf, nicht länger als „Kommentatorin“ aufzutreten. Die Grünen hätten im Landtag bereits einen Antrag eingebracht, um ostdeutsche Industriestandorte widerstandsfähiger zu machen. Von Kretschmer erwarte man, dass er sich im Konzern und im Bund für den Standort einsetze und strukturelle Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Industriestandorten abbaue.
AfD und BSW schießen gegen Politik und Konzernführung
Der sächsische AfD-Fraktionsvorsitzende Jörg Urban machte die CDU für den wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich. Er verwies auf Aussagen des früheren VW-Chefs Matthias Müller, der in Sachsen je zur Hälfte Elektroautos und Verbrenner habe produzieren lassen wollen. Politiker wie Kretschmer hätten die Elektromobilität als „historischen Meilenstein“ glorifiziert, das VW-Management sei dem gefolgt.
AfD-Fraktionschef Jörg Urban sieht die CDU als Hauptverantwortlichen für die Misere.
© Matthias Wehnert/Imago
Die Ankündigung des Konzerns, 100.000 Stellen abzubauen, müsse zum Weckruf werden. Urban forderte ein Ende der „Klima-Rettungspolitik“, einen radikalen Bürokratieabbau sowie die Aufhebung der Sanktionen auf russisches Gas und Öl.
Ralf Böhme, wirtschaftspolitischer Sprecher der BSW-Fraktion, erinnerte daran, dass weniger als zwei Jahre nach einem Tarifabschluss mit Standortgarantien nun die Schließung drohe. Die Sanierungsbedürftigkeit von VW gehe auf eine jahrelange Schwächung der Autoindustrie durch die Bundespolitik sowie auf Strategielosigkeit von Vorstand und Aktionärsfamilien zurück.
Es sei nicht hinnehmbar, dass Zwickau „erst in die Falle der ausschließlichen E-Autoproduktion gelockt“ und dann trotz hoher Profitabilität „geopfert“ werden solle. Die Staatsregierung müsse deutlich Druck auf den Konzern ausüben.
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