Auf die Sekunde genau eine Stunde dauert eine Performance, die seit zwei Jahren von Festival zu Festival reist und nun auch im Rahmenprogramm des Theatertreffens zur Aufführung kommt. Der Titel der Veranstaltung – „375 0908 2334. The body you are calling is currently not available“ – ist kompliziert, aber die Idee ist einfach und schlagend: Der zwischen den Sparten bildende Kunst, Tanz, Endurance Art und politischer Aktivismus arbeitende Performer Igor Shugaleev aus Belarus nimmt eine Pose ein, die verhaftete Regimegegner bei einer Demonstration einnehmen und bis zu vier Stunden bewegungslos halten mussten. Wer sich regt oder ein Geräusch verursacht, wird angeschrien und geschlagen. Das ist Folter.
Shugaleev kniet in der mit Schieferstein ausgelegten Kassenhalle des Festspielhauses, seine Stirn hat er in den Winkel zwischen Boden und Scheuerleiste gedrückt, seine Hände sind auf dem Rücken verschränkt. Über ihm ist ein Countdown eingeblendet, der eine Stunde rückwärts bis null zählt und in jeder der 3600 Sekunden laut tickt. Eingespielt wird ein erklärender Text, der die Situation in Belarus unter dem Diktator Lukaschenko beschreibt, dann hört man nur noch das Ticken.
Die Zuschauer sitzen um Shugaleev herum und blicken auf dessen Hinterteil. Sie sind eingeladen, sich zu ihm zu gesellen und es ihm gleichzutun; einige Zuschauer lassen sich im Verlauf der Stunde darauf ein. Die meisten erheben sich nach ein paar Minuten. Sie reiben sich die Stirn und massieren sich das Kreuz.
Aber auch die Zuschauer, die auf ihren Plätzen bleiben, bekommen einen Eindruck von der Qual, in die sich Scham mischt, weil das, worunter sie leiden, nur ein Bruchteil dessen ist, was den Regimekritikern in der Wirklichkeit angetan wurde. Jedes Mal, wenn man auf seinem mehr oder weniger bequemen Hocker die Haltung wechselt, überkommt einen ein Anflug von schlechtem Gewissen und man denkt an das vernachlässigte Yoga-Training, wofür man sich doppelt schämt.
Berliner Theatertreffen: Der Eindruck von heißer Luft herrscht gewaltig vor
Die Schwulensaga „Das Vermächtnis“ eröffnet das Theatertreffen
Die Zeit scheint sich mit jeder Sekunde auf gnadenlose Weise auszudehnen, statt einfach zu vergehen. Wir bekommen also ein mildes Echo dessen zu spüren, was Lukaschenkos Opfer aushalten mussten – und bewundern ihre Tapferkeit. Zugleich bleibt die Grenze der Identifikation unangetastet, auch weil man sich gegen die Versuchsanordnung wehrt und Widerstand gegen die Vereinnahmung als Kunstopfer spürt. Die Gedanken drehen sich im Kreis, die Qual beginnt zu langweilen, die Langeweile wird wiederum zur Qual.
Die Erlösung erfolgt unspektakulär, Shugaleev erhebt sich, umarmt jene, die sich neben ihm aufrichten, bedankt sich beim Publikum und bittet um Spenden. Nicht das erste Mal bei den zehn Treffen, mit denen die neue TT-Leitung das Gastspielprogramm umrahmt, macht sich Betretenheit breit und stellt sich quer. Aber das schadet nicht, wer seine Ruhe haben und von der Welt verschont bleiben will, geht ohnehin nicht ins Theater.
375 0908 2334. The body you are calling is currently not available läuft noch einmal am heutigen Sonntag, 20 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele. Das Theatertreffen geht noch bis 29. Mai. Karten und Programm unter www.berlinerfestspiele.de
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]