Eine Bockwurst wird erhitzt und in Ketchup getunkt. Dann steckt man sie in ein Brötchen. Fertig ist die Ketwurst! In Alain’s Imbiss auf der Schönhauser-Allee-Brücke gibt es das Fastfood aus DDR-Zeiten für 3,90 Euro. Jetzt sieht so aus, als ob Ketwurst-Fans dort noch einige Zeit auf ihre Kosten kommen. Zwar sollen Brücke und Imbiss abgerissen werden. Doch der Zeitplan ist offenbar erneut in Bewegung geraten.
Wer bei Alain André eine Ketwurst bestellt, hat nicht das Gefühl, auf einer Brücke zu stehen. Doch es ist so: Auf dem Bauwerk in Prenzlauer Berg, das im Laufe der Zeit immer komplexer wurde, überqueren wichtige Verkehrswege die Ringbahn. Der geplante Abbruch und Neubau ist eines der kompliziertesten Brückenbauprojekte in Berlin.
Da ist die Schönhauser Allee mit der Straßenbahnlinie M1. Und da ist die Hochbahn für die Linie U2. Damit die Pankower U-Bahn in Betrieb bleiben kann, erhält das Viadukt eine Stütze. Es sind die ersten größeren Arbeiten, mit denen die Vorbereitungen des Brückenprojekts beginnen. Bisher ging man im Senat von einem Start Ende 2026 aus. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ist nun aber erst von 2027 die Rede.
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„Die Arbeiten an der Abfangkonstruktion werden voraussichtlich im Frühjahr 2027 beginnen“, teilte Louisa Mahnke von der BVG der Berliner Zeitung auf Anfrage mit.
Die Hilfskonstruktion aus Stahlträgern wird eine zentrale Rolle bei den Bauarbeiten an der Schönhauser-Allee-Brücke spielen, erklärte das Landesunternehmen. „Sie sorgt dafür, dass die U2 auch während der Bauzeit weiterfahren kann und damit eine wichtige und leistungsfähige Verbindung für unsere Fahrgäste erhalten bleibt.“
Die Ertüchtigung ist auch deshalb wichtig, weil das stählerne Viadukt der U2 während des Brückenbauprojekts Leitungen aufnehmen wird, die derzeit noch unter der Fahrbahn verlaufen. Ursprünglich sollte dafür in diesem Jahr eine separate Leitungsbrücke entstehen. Doch darauf wird nun verzichtet, die Teilprojekte werden zusammengefasst.
Ein Verkehrsbauwerk mit drei Etagen: Vom Viaduktbahnhof Schönhauser Allee der U2 fällt der Blick auf die Haltestelle der M1 und in den Ringbahngraben mit einer S-Bahn.
© Rolf Zöllner/imago
„Der bislang verfolgte Zeitplan wurde zur Reduzierung der verkehrlichen Auswirkungen und Einschränkungen für die Anwohnerschaft weiter koordiniert und zusammengefasst“, bestätigte Frank Preiss, Sprecher der Verkehrsverwaltung. „Die bislang vorgesehene Behelfsbrückenkonstruktion für die Leitungsunternehmen wird mit den Ausführungen der weiteren Bau- und Hilfskonstruktionen zum U-Bahnviadukt zusammengelegt.“
Preiss sprach noch von einem Start der Arbeiten Ende dieses Jahres. Wie dem auch sei: Alle Beteiligten gehen davon aus, dass die Vorbereitungen 2027 abgeschlossen werden. Denn 2028 soll die Hauptbauphase beginnen. Erst wird der westliche Teil der Schönhauser-Allee-Brücke abgerissen und neu gebaut, dann das östliche Bauwerk.
Für die Hauptbauphase sind weiterhin fünf Jahre eingeplant, bekräftigte der Sprecher von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU). Das hieße: Ende 2032 soll die neue Schönhauser-Allee-Brücke fertig werden.
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Dass dieser Teil des Zeitplans eingehalten wird, sei essentiell, sagen Planer. Denn schon jetzt müssen sie der Deutschen Bahn (DB) mitteilen, wann die S-Bahnverkehr und der übrige Betrieb auf dem Ring unterbrochen werden muss. Die Sperrungen stehen bereits im Kalender. Sie sollen sich größtenteils auf Wochenenden beschränken, hieß es.
Kult-Imbiss auf der Schönhauser-Allee-Brücke: Alain André verkauft seit mehr als drei Jahrzehnten Ketwurst. Inzwischen kostet das Fastfood aus DDR-Zeiten 3,90 Euro.
© T. Seeliger/imago
U-Bahnfahrgäste müssen dagegen bereits im nächsten Jahr mit Schienenersatzverkehr (SEV) rechnen. „Die U2 wird voraussichtlich im Frühjahr 2027 für zwei Wochen unterbrochen, während der Einrichtung der Abfangkonstruktion“, so die BVG. „Die Details zum Ersatzverkehr geben wir rechtzeitig bekannt.“ Wie berichtet sieht die BVG-Planung auch für Herbst 2027 eine Unterbrechung des Betriebs auf der U2 vor.
Dagegen müssen Nutzer der Tramlinie M1 mehrere Jahre lang Alternativen nutzen. Bis Ende 2032 können in diesem Bereich keine Straßenbahnen mehr den Ringbahngraben überqueren. Damit das Bauvorhaben nicht noch komplizierter wird, entschied man sich, den Tramverkehr komplett herauszunehmen.
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Tipp für Fahrgäste der BVG: laufen!
So soll es ab 21. Juni 2027 sein: Die Straßenbahnen aus Pankow biegen in die Bornholmer Straße ab und wenden an der Björnsonstraße. Die Bahnen aus Mitte kehren in der Schönhauser Allee in Höhe Stargarder/ Gleimstraße um. Für den Bau der provisorischen Endhaltestelle wird der Trambetrieb vom 1. Februar bis 21. Juni 2027 unterbrochen.
Während der Bauarbeiten wird die M1 von Süden also wieder nahe an die Brücke heranfahren. Doch der SEV Richtung Pankow beginnt erst nördlich davon. Die Lücke muss zu Fuß überbrückt werden. Für die Fahrgäste heißt es: laufen. Oder lieber gleich andere Routen wählen.
23,7 Meter lang, 49 Meter breit - und im Stadtbild fast unsichtbar: die Schönhauser-Allee-Brücke mit dem U2-Viadukt von Westen. Weil das Brückenbauwerk nicht mehr ausreichend tragfähig ist, dürfen nur noch Fahrzeuge bis 16 Tonnen passieren.
© Peter Meißner/imago
Komplex ist das Projekt Ersatzneubau Schönhauser-Allee-Brücke auch ohne die Straßenbahn. 1869 war das Bauwerk noch kurz und schmal. Doch aus den zwei Gleisen der heutigen Ringbahn wurden vier. Dann wurden auch auf der Straße Schienen verlegt.
1879 entstand am Ring ein Haltepunkt, der zehn Jahre später ein Empfangsgebäude erhielt. 1913 kam die Hochbahn mit der jetzigen U2 hinzu, quasi als dritte Etage. Seit 1929 ersetzen Gleichstrom-S-Bahnen einen großen Teil der Dampfzüge auf der Ringbahn.
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1962, schon zu DDR-Zeiten, ließ man einen Tunnel vom S-Bahnsteig zur 13 Meter breiten Mittelpromenade graben. Nach der Wende kamen das Einkaufszentrum Arcaden sowie ein Ärztehaus dazu. Auf der Schönhauser Allee, Teil der Bundesstraße 96a, sind pro Tag rund 20.000 Kraftfahrzeuge unterwegs. Zahlreiche Fußgänger kreuzen die Fahrbahn, unter ihnen viele Umsteiger zwischen S-, U-Bahn und Tram.
Immer wieder wurde angebaut, erweitert, verlängert. Ein zusammengestückeltes Konglomerat entstand, in dem sich viele Zeitschichten ablagerten. Aber auch die Berliner Gegenwart ist spürbar. Unter dem Hochbahnviadukt lagern Wohnungslose. Immer wieder füttert jemand die Tauben, die in großer Zahl auf der Stahlkonstruktion sitzen und den Boden bekleckern. LAP Coffee verkauft billig Kaffee.
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Antifa-Denkmal kehrt auf die Brücke zurück
Ein großstädtischer Ort. Auch Alain’s Imbiss profitiert von dem hohen Fußgängeraufkommen an diesem Knotenpunkt. Viele Menschen komme hierher, um Ketwurst zu essen. Bisher gebe es keinen Termin, wann er den kleinen Imbiss-Pavillon räumen muss, sagt André. „Ich gehe davon aus, dass ich nach der Bauzeit zurückkehren kann.“
Die Visualisierung zeigt die neue Schönhauser-Allee-Brücke. Bis sie voraussichtlich Ende 2032 fertig wird, bleibt die Straßenbahnlinie M1 in diesem Bereich unterbrochen.
© Visualisierung: Morean/Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt
Bei zwei anderen Themen wurde bereits eine Lösung gefunden. Seit 1986 gibt es auf der Westseite der Brücke das Denkmal für antifaschistischen Widerstandskampf und Befreiung. Günter Schütz hat die fünf Bronzetafeln gestaltet. Die Reliefs zeigen unter anderem eine illegale Druckerei aus der Nazizeit, das Emblem der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) sowie einen sowjetischen Soldaten.
Die Linksfraktion in Pankow fordert, den Gedenkort dauerhaft zu sichern. „Das Denkmal kommt wieder in die Brückenbrüstung“, versicherte ein Planer auf Anfrage der Berliner Zeitung.
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Der Fußgängertunnel: Willkommenes Relikt der Mauerzeit
Die Planer haben auch über den Fußgängertunnel nachgedacht, der das Umsteigen zwischen der U- und S-Bahn seit 1962 erleichtert - ein Relikt der innerstädtischen Grenzschließung. Der Mauerbau 1961 veränderte die Verkehrsströme, plötzlich stieg an der Schönhauser Allee die Zahl der Umsteiger zwischen S- und U-Bahn deutlich an.
Weil der Tunnel die Straße entlastet und immer noch von vielen Fahrgästen genutzt wird, soll es nach den Bauarbeiten wieder eine solche Verbindung geben. „Der Tunnel wird ersatzneugebaut, aber als separates paralleles beziehungsweise nachlaufendes Projekt“, hieß es. „Die DB möchte noch weitere Änderungen am Bahnsteig vornehmen.“
Die Schönhauser-Allee-Brücke ist zwischen Böschungen, Gebäuden und Verkehrswegen fast unsichtbar. Doch eines steht fest: Dieses Bauwerk abzureißen und neu zu bauen, wird eine lange Operation am offenen Herzen der Stadt.
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