Rund 200 Jugendliche, sechs Parteien und eine Bühne – beim Demokratieforum des Landesschülerrats (LSR) in Rostock ging es an diesem Montag um mehr als die üblichen Wahlkampfversprechen. Das Schülergremium, das nach eigenen Angaben rund 200.000 Schüler im Nordosten vertritt, kam nicht mit vagen Wünschen. Es hatte einen ganzen Forderungskatalog im Gepäck, gerichtet an Vertreter von SPD, AfD, CDU, Linken, Grünen und FDP.
Drei Wochen vor der Landtagswahl ging es in der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns um Themen, die Schüler unmittelbar betreffen. Ihre Stimmen haben 2026 weitaus mehr Gewicht, denn das Forum fand in einem besonderen Wahljahr statt. Erstmals dürfen am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern 16- und 17-Jährige bei einer Landtagswahl abstimmen. Die Zahl der Wahlberechtigten steigt dadurch um knapp zwei Prozent.
Auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sprach sich in Rostock dafür aus, Jugendlichen mehr politische Mitsprache zu geben. Sie befürwortet sogar ein Wahlrecht ab 16 bei Bundestagswahlen. „Dann spielen Themen, die junge Leute betreffen, eine konkrete Rolle“, sagte Schwesig. Für die Jugendlichen im Rostocker Barocksaal war das keine abstrakte Debatte. Viele von ihnen werden am 20. September erstmals wählen.
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Sechs Themen, klare Erwartungen
Für die Parteien bedeutet das wiederum, dass sie jetzt auch gezielt um eine Gruppe werben müssen, die bei einer Landtagswahl bislang keine Stimme hatte. Der LSR hat seine Themen gesetzt. Seine sechs Forderungen sind sehr konkret: mehr Lehrkräfte und weniger Unterrichtsausfall, ein sinnvoller Umgang mit künstlicher Intelligenz statt pauschaler Verbote, mehr Schulsozialarbeit, ein kostenloses Deutschlandticket für alle Schüler, eine offene Debatte über die Wehrpflicht und eine bessere finanzielle Ausstattung der Schülervertretung.
Hinter all den Forderungen stehen Erfahrungen und Zahlen, sie sind nicht aus der Luft gegriffen. Bei einigen geht es allerdings um mehr als reine Landespolitik.
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Unterrichtsausfall: Mehr als ein Gefühl
Wie groß das Problem des Unterrichtsausfalls ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Im Schuljahr 2024/25 konnten an den allgemeinbildenden Schulen in Mecklenburg-Vorpommern rund 247.000 Unterrichtsstunden nicht vertreten werden. Das macht knapp drei Prozent des Gesamtsolls aus. An den Berufsschulen lag der Anteil sogar noch deutlich höher. Die Landesregierung kontert darauf mit dem lapidaren Verweis, dass ja mehr als 97 Prozent des Unterrichts erteilt worden seien. Statistisch stimmt das.
Für Schüler bleiben es dennoch rund 247.000 Ausfallstunden. Mehr Planstellen allein dürften das Problem aber nicht lösen.
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Künstliche Intelligenz nicht verbieten, sondern lernen
Bei der künstlichen Intelligenz setzt der LSR auf einen anderen Ansatz als ein pauschales Verbot. Für ihn lautet die Frage nicht, ob KI aus der Schule herausgehalten werden kann, sondern wie junge Menschen lernen, damit umzugehen.
Auch das Bildungsministerium verfolgt inzwischen einen offenen Ansatz, gab Leitfäden und Fortbildungsangebote heraus. Im März 2026 fand in Rostock eine Fachtagung dazu statt. Das Ministerium selbst warnt davor, dass eine Schule ohne KI künftig ähnlich problematisch sein könnte wie eine Schule ohne Lehrkräfte.
Der entscheidende Punkt ist die Verbindlichkeit. Leitfäden sind Empfehlungen, Fortbildungen freiwillig. Der Landesschülerrat fordert dagegen eine systematische KI-Bildung als festen Bestandteil des Unterrichts. Der Umgang mit künstlicher Intelligenz dürfe nicht davon abhängen, wie engagiert einzelne Schulen oder Lehrkräfte das Thema aufgreifen, fordert der LSR.
Schulsozialarbeit: Drei Viertel sind nicht genug
Bei der Schulsozialarbeit sieht der LSR ebenfalls Nachholbedarf. Rund drei Viertel der Schulen in Mecklenburg-Vorpommern verfügen über entsprechende Angebote. An etwa 120 öffentlichen Schulen fehlt Schulsozialarbeit allerdings vollständig. Besonders betroffen sind Grund- und Berufsschulen.
Und auch dort, wo es Schulsozialarbeit gibt, ist die Finanzierung nicht immer dauerhaft gesichert. Häufig hängen Stellen an Förderprogrammen, europäischen Mitteln oder befristeten Projekten. Fachverbände und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisieren seit Jahren fehlende Planungssicherheit, hohe Fallzahlen und den Einsatz einzelner Fachkräfte an mehreren Schulen.
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Kostenloses Deutschlandticket
63 Euro kostet das Deutschlandticket 2026 im Monat. Schüler, die in MV weit genug von ihrer Schule entfernt wohnen und Anspruch auf Schülerbeförderung haben, können die Kosten erstattet bekommen. Wer dagegen nah genug an der Schule wohnt, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu kommen, hat diesen Anspruch nicht.
Der Alltag Jugendlicher endet allerdings nicht mit dem Unterricht. Sportverein, Freunde, Nebenjob oder Praktikum können ebenso Fahrten in die nächste Stadt erfordern. Genau dort setzt die nächste Forderung des LSR an: Ein kostenloses Deutschlandticket für alle Schüler soll nicht nur den Weg zur Schule erleichtern, sondern jungen Menschen unabhängig vom Wohnort mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen.
Eine ähnliche Forderung hatte bereits der Kreisschülerrat Mecklenburgische Seenplatte erhoben. Der dortige Bildungsausschuss des Kreises lehnte sie im Februar 2025 jedoch ab und verwies auf zusätzliche Kosten von rund sieben Millionen Euro allein für den Landkreis. Was eine landesweite Lösung kosten würde, ist bislang öffentlich nicht konkret berechnet.
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Wehrpflicht: Bundesthema auf dem Landespodium
Die Wehrpflicht ist eigentlich Bundessache, der Schweriner Landtag kann sie weder einführen noch abschaffen. Trotzdem gehört sie zu den sechs Themen des Landesschülerrats, die auf dem Demokratieforum diskutiert wurden.
Die Parteipositionen liegen dabei auseinander: CDU und AfD befürworten eine Rückkehr zur Wehrpflicht, Linke und FDP lehnen sie ab. Die SPD setzt zunächst auf einen freiwilligen Wehrdienst. Bei den Grünen lässt sich aus dem ausgewerteten Material keine eindeutig neue Beschlusslage ableiten.
Gerade für die Jugendlichen ist die Debatte allerdings unmittelbar relevant. Eine mögliche Wehrpflicht würde ihre Generation betreffen. Dass Schwesig am Montag für ein Wahlrecht ab 16 bei Bundestagswahlen wirbt, passt deshalb zur Grundfrage des Forums: Wie viel politische Mitsprache sollen junge Menschen bei Entscheidungen haben, die ihr eigenes Leben betreffen?
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19.000 Euro für 200.000 Schüler sind zu wenig
Die sechste und letzte Forderung betrifft den Landesschülerrat selbst. Rund 19.000 Euro stehen im Jahr dem ehrenamtlichen Gremium für seine landesweite Arbeit zur Verfügung– von Treffen und Kommunikation bis zu Öffentlichkeitsarbeit und Beteiligungsverfahren. Das sei zu wenig, sagt der LSR, der keine freiwillige Jugendinitiative, sondern die gesetzlich vorgesehene Interessenvertretung der Schüler ist. Das Bildungsministerium muss ihn über wichtige schulpolitische Angelegenheiten informieren und vor dem Erlass bestimmter Rechtsverordnungen anhören.
Es liegt jetzt an den Parteien, ob sie diesen Forderungen aus der Schülerschaft Mecklenburg-Vorpommerns so viel Gehör schenken, dass sie bei den vielen neuen Erstwählern am 20. September ausreichend Gehör finden. Immerhin machen sie knapp zwei Prozent der Wahlberechtigten aus.
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