Selten kommt es vor, dass in diesem Land eine Bahnstrecke, die einmal verschwunden ist, wiederbelebt wird. In den meisten Fällen verschwindet sie still und leise, wird eingestellt und ist für immer vergessen. Die Schienen rosten vor sich hin, Brombeerhecken übernehmen die Regie und fressen sich durchs Gleisbett, bis die alte Strecke komplett verschluckt ist. Irgendwann wissen nur noch Eingeweihte, dass hier früher Züge fuhren.
Es geht aber auch anders, Greifswald und das Seebad Lubmin sind der Beweis. In diesem Sommer verbindet sie wieder eine direkte Bahnverbindung: die Sommerlinie RB29. Manchmal siegt eben doch der Pragmatismus über den lähmenden Stillstand.
Gleis 3, Abfahrt 10:53 Uhr: Einsteigen zur Zeitreise
Die Sonne steht schon hoch über dem Greifswalder Hauptbahnhof, der Himmel ist wolkenlos, die Luft flimmert über dem Bahnsteig, das Thermometer kratzt an der Dreißig-Grad-Marke. Auf Gleis 3 schiebt sich eine Traube von Menschen zusammen. Es riecht nach warmem Metall, nach Schotter, nach Sonnencreme. Und nach einer kleinen Sensation. Denn was hier an diesem Samstagmorgen abfährt, ist mehr als nur ein Zug: Es ist eine Wiederannäherung nach 27 Jahren. Eine Bahnverbindung, die lange nur noch in Erinnerungen existierte, rollt plötzlich wieder los.
Mittendrin die Polit-Prominenz des Landes: Wirtschaftsminister Dr. Wolfgang Blank, Staatssekretärin Ines Jesse, Greifswalds Oberbürgermeister Dr. Stefan Fassbinder und Vorpommern-Greifswald-Landrat Michael Sack. Sie alle wollen dabei sein – und sehen, ob das Experiment glückt.
Einsteigen Richtung Sommer, Richtung Strand, Richtung Lubmin. Der Wagen ist voll – Familien, Ausflügler, Politiker, Bahnfreunde, Neugierige. Die Stimmung gleicht einer Klassenfahrt. Ein Ruck geht durch den Zug der Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft Pressnitztalbahn (PRESS). Um 10.53 Uhr setzt er sich in Bewegung. „Sogar pünktlich“, murmelt ein Fahrgast und blickt auf die Uhr.
Klassenfahrtstimmung in der Sommerlinie: Für Wirtschaftsminister Wolfgang Blank (2.v.l.) ist die Wiederbelebung der Bahnstrecke ein Signal für den öffentlichen Nahverkehr im Land.
© Danilo Vitense
Knapp 25 Kilometer durch die Geschichte
Der Zug beschleunigt, lässt die Universitätsstadt hinter sich. Links und rechts zieht Vorpommern langsam vorbei: grüne Landschaftsränder, gelbe Felder, die sich im Juliwind wiegen, wenige Häuser, dafür umso mehr Himmel. Wer in diesen Minuten aus dem Fenster blickt, versteht, warum die Sommerlinie mehr ist als ein Transportmittel. Sie ist auch ein Landschaftserlebnis – auf einer reaktivierten Strecke mitten in Mecklenburg-Vorpommern.
Zwischen Greifswald und dem Abzweig Schönwalde schafft die Bahn sportliche 120 km/h, danach zwingt die eingleisige Nebenstrecke den Zug auf gemütliche 50 km/h herunter. Eine knappe halbe Stunde Fahrzeit für 25 Kilometer – das ist kein ICE-Tempo, das ist keine Weltreise. Aber es fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise. Denn diese Strecke hat gleich mehrere Leben gehabt.
Schon 1898 ratterte an dieser Stelle die erste Bahn. Damals war es eine Schmalspurbahn der Kleinbahn-Gesellschaft Greifswald-Wolgast, gebaut für die Menschen im Hinterland, um sie an die Küste zu bringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war damit Schluss, die Gleise wurden als Reparationsleistung für die Sowjetunion demontiert.
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Die Geburtsstunde der heutigen Trasse liegt im Jahr 1967. Mit dem Bau des Kernkraftwerks Lubmin brauchte die Region wieder einen Gleisanschluss. Aus der idyllischen Kleinbahn wurde eine strategisch wichtige Hauptbahn für Tausende Schichtarbeiter aus Greifswald. Die Bahnverbindung wurde zum industriellen Rückgrat für Material, Personal und Transporte.
Nach dem Aus des Kraftwerks kam das Aus für den Personenverkehr. Am 30. Mai 1999 rollte der letzte reguläre Zug. Es folgten Güterverkehr, seltene Castortransporte zum Zwischenlager Nord und schließlich der Dornröschenschlaf. Und nun, 27 Jahre später, fährt wieder ein Personenzug. Nicht für immer, noch nicht.
Sommerlinie als Test für die Zukunft
„Wir müssen echt mal schauen, ob das was wird“, erinnert sich Staatssekretärin Ines Jesse an ein Gespräch mit Greifswalds Oberbürgermeister Fassbinder auf dem MV-Tag im vergangenen Jahr. Damals standen sie zusammen, die Idee der „Sommerlinie“ im Kopf. Dass daraus innerhalb kürzester Zeit Realität wurde, grenzt nach deutschen Planungsmaßstäben beinahe an ein kleines Wunder.
Schon vor dem Start der Premierenfahrt ist klar: Dies ist mehr als ein nostalgischer Ausflug. Es ist ein Test – der Versuch, ob eine alte Verbindung in neuer Zeit wieder eine Zukunft haben kann. An sieben Wochenenden in den Sommerferien soll die sogenannte Sommerlinie RB29 Menschen nun zwischen Greifswald und dem Seebad Lubmin befördern. Im Auftrag des Landes Mecklenburg-Vorpommern betreibt die Pressnitztalbahn die Strecke.
Das Land lässt sich diese Mobilitätsoffensive MV, zu der auch die Reaktivierung von Strecken gehört, einiges kosten. Rund 60 Millionen Euro zusätzlich sind für 2026 im ÖPNV des Landes eingeplant. Seit Beginn der Offensive wurden mehr als 1,6 Millionen zusätzliche Zugkilometer bestellt, zudem wird das Rufbussystem landesweit ausgebaut. „Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, es hätte sonst nicht funktioniert“, sagt Jesse.
Das Ziel ist klar: erst ausprobieren, dann auswerten, schließlich entscheiden. Es ist kein fertiger Masterplan, kein fertig gezeichneter Endzustand, sondern ein Angebot auf Probe. Oder, wie es die Staatssekretärin formuliert: Die Zahlen müssen sich nun im Alltag bewähren.
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Kein großer Pathos, eher vorsichtiger Optimismus
Der Wirtschaftsminister betont an Bord, dass die Wiederbelebung ein Signal für den öffentlichen Nahverkehr im Land sei. Mecklenburg-Vorpommern habe mit seiner Mobilitätsoffensive viel in Bewegung gesetzt. Die Sommerlinie soll jetzt zeigen, ob sich auch auf der Schiene neue Wege eröffnen lassen.
Blank macht keinen Hehl daraus, dass solche Projekte Geduld verlangen. Andere Bahnvorhaben im Land – etwa die Südbahn und die Vorpommern-Magistrale – würden ebenfalls vorangetrieben, stoßen aber immer wieder an Grenzen bei Finanzierung und Planung. Brücken, Anschlüsse, Ausbauvarianten, Naturraum, Planfeststellung: Die Liste der Hürden ist lang.
Ja, Mecklenburg-Vorpommern übt weiter Druck auf den Bund aus. Erst in der vergangenen Woche habe er sich mit seinem Brandenburger Amtskollegen verständigt, erneut gemeinsam in Berlin für die Projekte zu werben. „Kurzfristige Entscheidungen sind angesichts der enormen Kosten und der Vielzahl konkurrierender Infrastrukturvorhaben aber nicht zu erwarten“, sagt er. Deshalb müsse sorgfältig abgewogen werden, welcher Ausbau wirtschaftlich sinnvoll sei. Umso wichtiger sei es, bei der Sommerlinie nicht länger nur über Möglichkeiten zu reden, sondern sie konkret zu nutzen.
Genau das ist der politische Kern dieser Zugfahrt. Sie ist nicht nur ein Rückblick auf eine alte Strecke, sie ist auch ein Test für die Zukunft. Kann aus der saisonalen Linie mehr werden? Kann der Personenverkehr dauerhaft zurückkehren? Finden genügend Fahrgäste den Weg auf die Schiene? Die Antworten darauf fallen nicht an einem Tag, nicht in einem Wagen und nicht auf einer Testfahrt. Aber ohne einen solchen Auftakt gäbe es gar keine Chance, die Fragen zu stellen.
Wie pragmatisch es im regionalen Schienenverkehr zugehen kann, beweist die PRESS an diesem Tag selbst. Wirtschaftsminister Blank verrät mit einem Schmunzeln ein Detail am Rande: Der Prokurist des Bahnunternehmens sitzt heute kurzerhand selbst vorn im Führerstand und steuert den Zug Richtung Ostsee. Wenn Not am Mann ist, packt der Chef eben selbst an.
Neues Willkommensschild für wiederbelebte Bahnanbindung. Für Lubmin ist die Verbindung auch ein touristisches Pfund.
© Danilo Vitense
Dass Blank nicht nur zum Bahnfahren gekommen ist, zeigt er kurz vor Fahrtantritt. Im Gepäck hat er einen Förderbescheid über 150.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie. Das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks soll zum zukunftsfähigen Industrie- und Energiestandort für Wasserstofftechnologien umgebaut werden. Landrat Michael Sack gerät ins Schwärmen: „Dort kann ein Entwicklungskern entstehen, wie es keinen zweiten in Deutschland gibt.“
„Stadt. Strand. Direkt.“ gegen den Urlaubsstau
Für den Landrat von Vorpommern-Greifswald ist die reaktivierte Verbindung vor allem eine Entlastung für die Nerven der Region. Wer an heißen Wochenenden schon mal auf der Autostraße nach Lubmin im Stoßverkehr steckte, weiß, wovon er redet. Die „Urlaubslinie“ soll die Blechlawine stoppen. Das Motto ist denkbar einfach: Stadt. Strand. Direkt.
Für Greifswalds Oberbürgermeister Fassbinder ist dieser Tag der ersten Fahrt nach 27 Jahren vor allem ein persönlicher Triumph. Denn die Wiederbelebung war sein erklärtes Ziel für die zweite Amtszeit. Man habe bewusst nicht auf das Ende aller theoretischen Gutachten gewartet, sondern den Praxistest gewagt. „Die Bürger müssen die Bahn jetzt nutzen“, fordert er. Nur bei gutem Zuspruch wird aus dem Ferien-Shuttle eine echte Alltagsverbindung für Pendler.
Endstation Seebad Lubmin: Einfach mal anfangen
Nach genau 33 Minuten bremst der Zug, Lubmin ist erreicht. Der Bahnsteig liegt im Sommerlicht, die Luft riecht nach Meer. Wer aussteigt, ist sofort in einer anderen Stimmung. Der Lärm der Stadt ist weg, der Takt ist langsamer, die Küste näher. Greifswald und Lubmin sind wieder zusammengerückt. Ein kleiner Schritt für den Fahrplan, aber ein verdammt großes Signal für die Region.
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Für Lubmin ist die Verbindung auch ein touristisches Pfund. Menschen aus Greifswald können künftig direkt an den Strand fahren. Die Gemeinde hat deshalb auch nicht lange gefackelt: Noch am selben Morgen wurde das neue Bahnhofsschild angeschraubt, frische Bänke aufgestellt. Weil in der kurzen Vorbereitungszeit kein Shuttlebus organisiert werden konnte, steht nun eine provisorische Fahrradverleihstation bereit. Die einstige Schienenwüste lebt.
Frank Tornow sagt es offen: Der Sommerbetrieb soll zeigen, ob die Strecke eine Zukunft hat. Die Gemeinde will dafür ihren Teil leisten. „Man muss einfach mal anfangen und ausprobieren, ob es funktioniert“, sagt der stellvertretende Bürgermeister von Lubmin. Die sieben Wochenenden der Sommerferien sind jetzt die Bewährungsprobe.
Zurück bleibt nach der Fahrt, als sich der Zug langsam leert und die ersten Fahrgäste weiter in Richtung Strand ziehen, die Erkenntnis: Es geht doch. Etwas Reaktiviertes, etwas Vergessenes, etwas beinahe Verlorenes kann wieder zum Rollen gebracht werden – zumindest vorerst.
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