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Schnorcheln in Italien, auf den Spuren der Gardasee-Grundel. Der Mann, der 1970 das erste Buch zur Meerwasseraquaristik in der DDR schrieb, ist in seinem Element. Hauptsache Wasser.
Sein ganzes Leben hatte Dr. Joachim Kormann den Fischen verschrieben. Den Fischen, dem Wasser und dem Meer. Wasser übte eine unbeschreibliche Anziehung auf ihn aus. Ob in Tümpeln oder Teichen, überall fand er Dinge, die ihn interessierten, und es gibt kein Meer, das er nicht beschnorchelt hätte. Jetzt dreht er, auf der Suche nach der hier vorkommenden Grundel (Padogobius bonelli), im Uferbereich des Gardasees die Steine um. Keine zehn Minuten, und stolz präsentiert er seinen ersten Fang. Das kleine Fischlein, ein Männchen, wird ausgiebig betrachtet, fotografiert und wieder freigelassen.
Die meisten Grundeln, Familie Gobiidae, haben übrigens keine Schwimmblase, weshalb die Fische gern auf dem Grund leben. Sie sind Indikatoren für die Wasserqualität. Ist sie gut, gibt es Grundeln.
Auf der Suche nach einem Grundel-Weibchen taucht Kormann wieder ab. Für ein paar Augenblicke schwebt er scheinbar regungslos über einer Stelle – und zack … gefangen. Gemeinsam bestaunen wir den recht unscheinbar aussehenden Fang. Padogobius bonelli wird sieben bis acht Zentimeter lang, ist bräunlich gefärbt und kommt nun für weitere Betrachtungen in das bereitstehende Fotobecken.
Aquarien waren seine große Leidenschaft.
Wo Grenzen mühelos überwunden wurden
1972, als wir uns kennenlernten, bestaunte ich in seinem Zimmer die schönsten Unterwasserwelten, wie man sie Anfang der 70er-Jahre in der DDR nicht oft zu sehen bekam. Da tanzten Anemonenfische in Aktinien, es gab Seesterne, Muscheln und Schnecken, Röhrenwürmer, Seegurken und sogar einen Rotfeuerfisch zu bestaunen. Es war ein faszinierender Unterwasserkosmos, der einem die unerreichbare Ferne tropischer Gewässer näherbrachte. In Aquarien wurden Grenzen mühelos überwunden.
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Bei einem Hochwasser erwacht sein Forscherdrang
Joachim Kormann wurde am 4. Februar 1940 in Leipzig geboren. In den letzten Kriegstagen zog die Familie zu Verwandten ins thüringische Großheringen, wo die biologischen Interessen ihren Ursprung nahmen. Während eines Hochwassers 1949, als die Saale über die Ufer trat und viele Fische in den Schlaglöchern der Straße zurückblieben, erwachte in dem Jungen der Forscherdrang. Zwar überlebten viele der Fische den Umzug in Schüsseln und Gläser nicht, doch zwei wichtige Themen waren gesetzt: Wasser und Fische. Die Eltern erkannten die Leidenschaft und schenkten dem Kind ein kleines Aquarium. Stichlinge, Karauschen, Wasserpflanzen. Alles wurde im Aquarium gehalten.
Ab 1955 war Kormann im Kulturbund – Fachgruppe Aquaristik, Arbeitskreis Meeresbiologie – aktiv. Das Zeugnis der Petri-Oberschule vom 4. Juni 1958 bescheinigte ihm ein einseitig biologisches Interesse: „Sein Fleiß und Arbeitseifer konzentrierten sich vorwiegend auf dieses Fach.“ Es folgte ein erstes Arbeitsverhältnis als „Verkäufer für zoologische Handlung“. 281 DM brutto für 208 Stunden monatlich. Ein wichtiger Beitrag zum Familieneinkommen.
Seinen Arbeitsplatz bei der HO-Azolla, einem Aquariengeschäft, welches den wissenschaftlichen Namen eines nordamerikanischen Wasserfarns (Azolla caroliniana) trug, behielt er bis zum März 1960. Fritz Raschack, ein alter Kommunist, hatte das Geschäft gegründet und mit seiner Namenswahl einen leisen Hinweis auf den Grad seiner politischen Zufriedenheit gegeben.
Den politischen Verhältnissen zum Trotz holten sich viele Aquarianer die große, weite Welt nach Hause. Die einen schickten Briefmarken nach Hamburg und bekamen dafür Ersatzteile, dringend benötigtes Material und sogar Tiere aus der Nordsee zurück. Freundschaften waren wichtig.
Wie sollte das Aquarium beschaffen sein? Wie wird Wasser salzig? Welche Belüftung braucht ein Meerwasserbecken? Und so fort ... Kormann wusste Bescheid.
© Privat
Reisen, von denen er noch Jahrzehnte später berichtete
Von 1960 bis 1965 studierte Joachim Kormann Biologie in Leipzig bei Professor Günther Sterba. Doch von besonderer Bedeutung waren die Exkursionen nach Jugoslawien und Bulgarien. Reisen, von denen er noch Jahrzehnte später berichtete. Konnte er doch sein Fachwissen mit Fotos illustrieren, die zur damaligen Zeit in der DDR nicht alltäglich waren. Es schien, als würden tropische Meerwasseraquarien und Diavorträge unsere willkürlich verengte Welt größer machen. Für gewöhnlich kannten wir Aufnahmen von Korallenriffen aus Filmen Jacques Cousteaus und aus Büchern von Hans Hass und seiner Frau Lotte. Abenteuer unter Wasser und Vorstoß in die Tiefe waren uns Sehnsuchtsorte und Anregung zugleich.
Ab 1965 war Kormann Assistent für Spezielle Zoologie an der Uni Leipzig und nebenbei arbeitete er an einem Buch, welches Anfang 1970 im Urania Verlag erschien: „Meerestiere im Aquarium“. Eine Krustenanemone (Parazoanthus axinellae) und ein roter Seestern (Echinaster sepositus) auf dem Einband. 26 Kapitel, 132 Seiten, anschauliche Fotos und Zeichnungen von Anne Riel – der Grafikerin des Zoologischen Instituts. Noch nie zuvor hatte es in der DDR ein Fachbuch zum Thema Meerwasseraquaristik gegeben. Und neu war auch, dass biologische Zusammenhänge allgemein verständlich erläutert wurden.
Was musste man wissen, um ein Salzwasserbecken einzurichten? Wie sollte das Aquarium beschaffen sein, wie wird Wasser salzig, welche Belüftung braucht ein Meerwasserbecken, Schmutz, Filter, Eiweißabschäumer, Ozon, Beleuchtung, Einrichtung, Tierbeschaffung, Pflege. Dazu eine Meerwasserrezeptur, Wissenswertes über Wasserpflanzen und zahlreiche Literaturempfehlungen. Wer Anfang der 70er-Jahre in der DDR ein Meerwasserbecken einrichten wollte, kam an dem Buch nicht vorbei. Lieferte doch der leicht verständliche Text vielfältige Einblicke in ein Betätigungsfeld, welches aus verständlichen Gründen 1970 in der DDR noch in den Kinderschuhen steckte. Allein die Beschaffung der Materialien war alles andere als leicht. Woher sollten tropische Meerestiere schon kommen, wenn nicht aus dem Ausland? Was für Zoos und Tiergärten realisierbar war, stellte Privatleute vor große Herausforderungen.
Dr. Flosse fand im Tierpark Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. Curt Heinrich Dathe die Arbeitsstelle fürs Leben.
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Der Neid des Professors
Kormanns Buch machte neugierig auf ein exotisches Thema. Konnte man sich doch damit und mit Geduld, Geschick und Beharrlichkeit ein weiteres Stück der großen, weiten Welt ins Zimmer holen. Ein guter Gedanke zu dieser Zeit.
Das Buch brachte Kormann einen gewissen Bekanntheitsgrad – und seinen Professor brachte es wohl auf die Palme. Richtig verknusen konnte Günther Sterba es nicht, dass sein ehemaliger Schüler und wissenschaftlicher Assistent eine Publikation in die Tat umgesetzt hatte, die von vielen Aquarianern gelesen wurde. In der abschließenden Beurteilung durch die Sektion Biowissenschaften wurde das Buch geringschätzig als „Broschüre“ bezeichnet.
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Mit einem Augenzwinkern bezeichneten Freunde die Veröffentlichung gern als den letzten, entscheidenden Karriereknick am Zoologischen Institut. Den ersten markierte wohl ein Ereignis, welches während einer Tauch- und Forschungsreise an die Adria stattfand, wo der Herr Professor natürlich tiefer als seine Mitarbeiter tauchte, die Luft selbstverständlich länger anhielt und überhaupt alles besser wusste.
„Hier, Kormann, so sieht ’ne richtige Koralle aus“, rief der Professor und hielt seinen Taucherfolg vor den Augen aller in die Höhe. Und Kormann schob die Taucherbrille nach hinten, schaute einmal hin und erklärte, dass es sich bei der vermeintlichen Koralle um einen Goldschwamm (Aplysina aerophoba) handeln würde.
Fairerweise muss erwähnt werden, dass es sich bei diesen Begebenheiten um Anekdoten handelt. Als gesichert hingegen gilt Sterbas Einsatz für seine wissenschaftlichen Mitarbeiter, die trotz fehlender Parteizugehörigkeit wenigstens mit befristeten Verträgen am Institut weiterarbeiten konnten. Schließlich hatte die Regierung der DDR 1968 verfügt, dass nur Parteimitglieder unbefristete Arbeitsverträge bekommen durften, und Parteimitgliedschaft war Kormanns Sache nicht. Seit dem 1. Oktober 1976 arbeitete der leidenschaftliche Aquarianer am Tierpark in Berlin. Mit der Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. Curt Heinrich Dathe fand er die Arbeitsstelle fürs Leben.
Erik Kormann ist gelernter Tischler, arbeitete zunächst als archäologischer Grabungstechniker, dann als Fotograf und Kameraassistent. Von 1996 bis 2002 studierte er Kulturwissenschaft und Gender Studies an der Humboldt-Universität. Nach dem Studium war er lange selbstständig, bevor er Busfahrer wurde und als Parfümeur eigene Düfte entwickelte. Zwischendurch entstanden zwei Reisebücher. Seit 2024 arbeitet er für ein Reiseunternehmen und ist dort für das Beschwerde- und Qualitätsmanagement zuständig. Dr. Flosse war sein Ziehvater.
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