Sächsisch klingt für die einen nach Heimat, für die anderen nach einem Vorurteil. Doch was wir heute hören, ist oft kein Dialekt mehr im alten Sinn. Der Sprachwissenschaftler Beat Siebenhaar erklärt, welche Regeln verloren gingen, was Neues entsteht – und warum das Sächsische trotzdem bleibt.
Herr Professor Siebenhaar, als gebürtiger Schweizer kamen Sie nach Leipzig, um das Sächsische zu erforschen. Wie kam es dazu?
Ich habe mich immer für die Sprache meiner Umgebung interessiert. In der Schweiz war das vor allem Schweizerdeutsch. Als ich die Professur in Leipzig übernahm, wurde das Sächsische zu einem Schwerpunkt meiner Arbeit. Ich untersuche allerdings nicht ausschließlich Sächsisch. Als Außenstehender habe ich den Vorteil, die Sprache aus einer distanzierten Perspektive zu analysieren. Gleichzeitig muss ich mir manche kulturellen Nuancen, die Einheimischen intuitiv zugänglich sind, erst bewusst erarbeiten.
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ZUR Person
Wie erforscht man einen Dialekt?
Die Methoden sind universell. Ich arbeite viel mit Sprachmaterial, das durch Interviews, Übersetzungen oder Aufnahmen von Alltagssituationen entsteht. Besonders spannend finde ich spontane Sprache, da sie am authentischsten ist. Allerdings gibt es dabei ein Problem. Sobald ich als Forscher mit einem Aufnahmegerät auftauche und sage: „Sprechen Sie jetzt bitte den tiefsten Dialekt“, bekomme ich nicht unbedingt die Sprache, die mich interessiert. Die Leute hören, dass ich nicht von hier bin. Sie wissen vielleicht, dass ich Professor bin. Mit mir sprechen sie anders als zu Hause oder mit Freunden.
Sie sprechen von einem Dialekt mit „festen Regeln“. Viele würden widersprechen: Dialekt ist doch gerade die freie, ungeschliffene Form der Sprache. Was ist daran geregelt?
Sehr viel. Ein Dialekt besteht nicht darin, dass man ein hochdeutsches Wort nimmt und beliebig einen Laut austauscht. Menschen, die einen Dialekt als eigenes System beherrschen, wissen, welche Formen dazugehören und welche nicht. Sei es Grammatik oder Aussprache. Sie müssen darüber nicht nachdenken, genauso wenig, wie Sie als kompetenter Sprecher der Standardsprache beim Sprechen der Standardsprache ständig Grammatikregeln aufsagen. Ich unterscheide manchmal zwischen „gutem Dialekt“ und „schlechtem Dialekt“, wobei ich betonen will, dass das in keiner Weise eine soziale Wertung ist. Ich meine ausdrücklich nicht, dass ein Mensch besser spricht als ein anderer.
Was meinen Sie dann damit?
Wenn ich also von „gutem Dialekt“ spreche, meine ich ein Sprachsystem, dessen Regeln konsequent und einheitlich angewendet werden – das Sprachsystem ist so aus linguistischer Sicht stimmig. Ich verwende den Ausdruck in Anführungszeichen, weil er im Alltag wertend klingt, hier aber nur die Systematik meint. Spuren des „guten sächsischen Dialektes“ finden sich gelegentlich noch im Erzgebirge und im Vogtland. Ansonsten sollte man sich das moderne Sächsisch als regional gefärbtes Hochdeutsch, als Regiolekt, vorstellen. Denn das ursprüngliche dialektale System ist in weiten Teilen bereits ausgestorben.
Was ist von diesem alten Dialektsystem verloren gegangen?
Vor allem das sichere Wissen, welche Form innerhalb des Dialekts wohin gehört. Früher gab es auch im Sächsischen Regeln, die den Sprechern selbstverständlich waren. Heute vermischen sich dialektale und standardsprachliche Formen häufig. Viele Menschen können mit regionalem Akzent sprechen, aber einen hochdeutschen Satz auf Aufforderung in einen in sich geschlossenen Ortsdialekt zu übertragen, fällt ihnen schwer. Das ist keine Frage von „gutem“ oder „schlechtem“ Sprechen. Es zeigt, dass sich das Sprachsystem verändert hat.
Können Sie an einem konkreten Beispiel zeigen, was Sie mit dieser Systematik meinen?
Ein Beispiel ist das sächsische Wort „Fleesch“ für „Fleisch“. Daraus folgt aber nicht, dass man überall dort, wo in der Standardsprache ein „ei“ steht, im Dialekt ein „ee“ spricht. Es heißt etwa auch im Dialekt „Zeit“ und nicht einfach „Zeet“. Es gibt also eine Verteilung, die man kennen muss und die sprachhistorische Gründe hat. Viele Menschen in Sachsen wissen noch, dass „Fleesch“ sächsisch klingt. Aber wenn man sie für eine größere Zahl von Wörtern danach fragt, welche Form – „ei“ oder „ee“ – wohin gehört, wird es schwierig. Diese Sicherheit im Umgang mit dem alten System ist vielerorts verloren gegangen.
Ist das erst eine Folge von Fernsehen, TikTok und Wiedervereinigung?
Nein. Die Annäherung an das Hochdeutsche hat im sächsischen Raum schon im 18. Jahrhundert begonnen. Schule, gesellschaftliches Ansehen und später die Massen- und die digitalen Medien haben dazu beigetragen. Das Radio machte ab dem 20. Jahrhundert eine überregionale Aussprache in den Wohnstuben hörbar. Dadurch wurde regionales Hochdeutsch, das zuvor durchaus Ansehen besaß, anders bewertet. Die Wiedervereinigung ist also nicht der Anfang dieser Entwicklung.
Gehen wir noch weiter zurück: Wie entstand das Sächsische überhaupt?
Das heutige Sachsen war ab dem 7. Jahrhundert slawisch besiedelt. Mit dem Beginn der deutschen Besiedlung im 10. Jahrhundert kamen Menschen aus unterschiedlichen Regionen wie Thüringen, Franken und Bayern hierher. Hinzu kamen weitere Siedler aus dem Westen und aus dem flämischen Raum. Es gab noch kein übergreifendes Hochdeutsch, die mündliche Kommunikation erfolgte überall dialektal.
Im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts entwickelten sich in den Kanzleien [dem Verwaltungsapparat der Herrscher; Anm. d. Red.] im gesamten deutschen Sprachraum je eigene deutsche Schriftsprachen. Diejenige der wettinischen Kanzlei integrierte Elemente aus dem Nord- und Süddeutschen und war damit auch überregional verständlich. Diese „sächsische Kanzleisprache“ hatte dadurch hohes Prestige und beeinflusste Martin Luther, der sich bei seiner Bibelübersetzung an ihr orientierte, was ihren Status zusätzlich erhöhte.
Wenn die sächsische Mundart einst so angesehen war: Warum hat sie heute so ein schlechtes Image?
Angesehen war zunächst die Schriftsprache, nicht die Mundart. Als man begann, diese Schriftsprache auch mündlich zu verwenden, mussten sich die Sachsen wenig umstellen, weil ihr Dialekt dem Hochdeutschen näher stand als andere Dialekte. Sie sprachen Hochdeutsch deshalb mit hörbar sächsischer Färbung. In Norddeutschland dagegen hatte sich eine vom niederdeutschen Dialekt weniger geprägte Form des Hochdeutschen entwickelt.
Mit dem Aufstieg Preußens im 18. und 19. Jahrhundert gewannen andere Vorstellungen davon an Gewicht, wie überregionales Hochdeutsch klingen sollte – besonders solche, die im Norden verbreitet waren. In Sachsen war das besonders spürbar, weil die Region lange politisches und kulturelles Gewicht hatte und die eigene Sprechweise entsprechend selbstbewusst vertrat. Die sächsische Weise, Schriftdeutsch auszusprechen, verlor dadurch an Prestige. Über sie wurde schon lange vor der Wiedervereinigung gespottet. Wer die heutige Geringschätzung allein aus der jüngeren ostdeutschen Geschichte erklärt, greift zu kurz.
Warum behauptete sich etwa das Schweizerdeutsche stärker als die alten sächsischen Dialekte?
In der Schweiz blieb die Trennung zwischen gesprochener Mundart und Standardsprache bis heute erhalten: Für die Schrift verwendet man Standarddeutsch, im Alltag wird Dialekt gesprochen und er hat ein hohes Ansehen. In Sachsen und weiten Teilen Mitteldeutschlands gibt es eher fließende Übergänge. Ein Sprecher kann mehr oder weniger regionale Merkmale verwenden – gewissermaßen einen Regler verschieben. In der Schweiz ist es eher ein Schalter zwischen zwei Sprachformen.
Diesen stufenlosen Regler, mit dem man die Sprache nach und nach regionaler färben kann, habe ich als Schweizer so nicht. Im Sächsischen – und auch in vielen anderen Teilen Deutschlands – können Menschen genau das. Für die Forschung macht es die Abgrenzung schwierig: Ab welchem Punkt ist eine Äußerung Dialekt? Für die Sprechenden ist diese Frage im Alltag meist gar nicht wichtig. Sie sprechen so, wie es in der jeweiligen Situation passt.
Stirbt das Sächsische aus? Wird es den Dialekt auch noch in 100 Jahren geben?
Da kann ich entwarnen. Die regionale Färbung, die als „Sächsisch“ bezeichnet wird, bleibt auf absehbare Zeit bestehen. Sprache ist ein entscheidender Teil der Identität, und solange Menschen in Sachsen diese Besonderheiten weitergeben, bleibt das Sächsische, wenn auch in einer veränderten Form, bestehen.
Manche Eltern bemühen sich allerdings, ihren Kindern das Sächsische abzugewöhnen, weil sie Nachteile befürchten. Wie stark wirkt dieses schlechte Image?
Eltern können sagen: „Sprich nicht so“ und selbst weiterhin „so“ sprechen. Kinder hören beides – die Ermahnung und die tatsächliche Sprache. Später entscheiden sie je nach Situation, welche Formen sie verwenden. Eine regionale Sprechweise kann öffentlich geringes Ansehen haben und innerhalb einer Gruppe trotzdem geschätzt werden. Wenn Menschen damit Nähe und Gemeinschaft verbinden, wird sie weitergegeben. Es geht also nicht nur um Laute, sondern auch darum, wer dazugehören möchte und gegenüber wem.
Wenn das Sächsische also nicht ausstirbt, verändert es sich dann weiter?
Ja, das tut es. Im traditionellen Dialekt wurde aus „K“ ein „G“, also wurde aus „Kaffee und Kuchen“ „Gaffee und Guchen“; das wird als „Lenisierung“ (Verweichlichung) bezeichnet. In neuerer Zeit beobachten wir im Sächsischen eine gegenteilige Entwicklung, eine „Fortisierung“, bei der weiche Konsonanten härter ausgesprochen werden. „G“ wird zu „K“. Statt „grün“ wird mitunter „krün“ gesagt. Solche sogenannten Hyperkorrekturen entstehen gerade aus dem Bewusstsein, dass regionale und standardsprachliche Aussprache voneinander abweichen können. Nicht alles, was heute als typisch sächsisch empfunden wird, gehört also schon seit Jahrhunderten zum Dialekt.
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Allerdings werden viele alte kleinräumige Dialekte mit ihren festen Regeln kaum noch gesprochen. Das ist ein Verlust, wenn man sich für sprachliche Vielfalt interessiert. Aber daraus folgt nicht, dass in Sachsen bald alle gleich sprechen wie überall sonst. Menschen orientieren sich an ihrer Umgebung, sie übernehmen Merkmale voneinander, sie verändern sie und geben sie weiter. Das Sächsische, das wir künftig hören, wird nicht dasselbe sein wie das auf alten Dialektkarten. Erkennbar regional wird Sprache hier trotzdem bleiben.
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