In Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern kommen heute ein Drittel weniger Babys zur Welt als vor zehn Jahren. Bei Müttern mit deutschem Pass sind es sogar mehr als 40 Prozent weniger.
Das zeigt ein neuer Kurzbericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der am Samstag erschienen ist. Bundesweit wurden 2025 so wenige Kinder geboren wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Auf eine schnelle Erholung setzt Studienautor Wido Geis-Thöne nicht.
Geburten 2025: Tiefstwert seit 1946
Nach endgültigen Zahlen des Statistischen Bundesamts kamen 2025 genau 654.241 Kinder zur Welt. Im Jahr 2016 waren es noch 792.000, rund 138.000 mehr.
Das Corona-Jahr 2021 mit 795.000 Geburten wertet das IW als Ausreißer. Seitdem sinkt die Zahl jedes Jahr: 739.000 im Jahr 2022, 693.000 im Jahr 2023, 677.000 im Jahr 2024.
Die Geburtenrate liegt bei 1,32 Kindern je Frau, so niedrig wie zuletzt 1997. Gleichzeitig starben 2025 rund 352.000 Menschen mehr, als geboren wurden. Das ist laut Bundesamt das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit.
Auch 2026 deutet nichts auf eine Wende hin. Von Januar bis April kamen nach vorläufigen Angaben rund 204.400 Kinder zur Welt, die Behörde spricht von einem weiterhin niedrigen Niveau.
Ostdeutschland: minus 34 Prozent seit 2015
In den ostdeutschen Flächenländern sank die Zahl der Geburten zwischen 2015 und 2025 um 33,8 Prozent. Im Westen waren es 7,6 Prozent, bundesweit gut elf Prozent.
Berlin rechnet das IW dem Westen zu. Die Hauptstadt steckt also nicht in den drastischen Ost-Werten.
Auch bei der Geburtenrate klafft die Lücke. Frauen in den östlichen Flächenländern bekamen 2025 im Schnitt 1,22 Kinder, im Westen 1,34. Spitzenreiter im Osten ist Brandenburg mit 1,30, wie die Berliner Zeitung bereits im Sommer berichtete.
Wendeknick: Warum im Osten die Mütter fehlen
Gut 84 Prozent aller Kinder bringen Frauen zwischen 25 und 39 Jahren zur Welt. Genau diese Gruppe ist in den ostdeutschen Flächenländern seit 2015 um 16,5 Prozent geschrumpft.
Die Ursache liegt mehr als 30 Jahre zurück. Nach der Wiedervereinigung brachen die Geburtenzahlen im Osten zwischen 1990 und 1994 um mehr als die Hälfte ein, Demografen sprechen vom Wendeknick. Zudem zogen in den 1990er- und 2000er-Jahren besonders viele junge Frauen in den Westen, wie Joachim Ragnitz vom ifo Institut in Dresden analysiert hat.
Die Mädchen, die damals nicht geboren wurden oder später weggingen, fehlen heute als Mütter.
Weniger Frauen allein erklären den Absturz nicht
Die Demografie ist allerdings nur ein Teil der Geschichte. Im Osten sind die Geburten doppelt so stark zurückgegangen wie die Zahl der Frauen.
Bundesweit ist der Befund noch deutlicher. Die Zahl der 25- bis 39-jährigen Frauen ist seit 2015 um 1,1 Prozent gestiegen, trotzdem gab es gut elf Prozent weniger Geburten.
Das Plus geht ausschließlich auf Zuwanderung zurück. Bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit zählt das IW 6,1 Prozent weniger. Weil Eingebürgerte als Deutsche gelten, dürfte der echte Rückgang noch größer sein.
Das Fazit der Ökonomen: Für Paare sei es seit 2015 offenbar unattraktiver geworden, Kinder zu bekommen. „Das liegt an den multiplen Krisen, die die Menschen verunsichern“, sagte Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung der Deutschen Presse-Agentur.
Prognose bis 2035: Der Osten könnte zuerst aufholen
Bis 2035 dürfte die Zahl der Frauen zwischen 25 und 39 Jahren bundesweit um rund ein Zehntel sinken. Es gibt dann schlicht weniger Paare, die Eltern werden können.
Ausgerechnet der Osten könnte als Erster Boden gutmachen. Ab etwa 2030 rücken dort wieder etwas größere Jahrgänge in das typische Alter für die Familiengründung nach.
Im Westen ist das bis 2035 kaum zu erwarten. Dort sind erst die Jahrgänge der 2000er besonders dünn besetzt, im Osten waren es schon die der 1990er.
Elterngeld: IW warnt vor Kürzungen
„Niedrige Geburtenzahlen verkleinern langfristig das Arbeitskräfteangebot und stellen so auch die Finanzierung des Sozialversicherungssystems in Frage“, sagt IW-Experte Geis-Thöne. Familien bräuchten verlässliche Betreuung und Planungssicherheit, Kürzungen etwa beim Elterngeld seien das falsche Signal.
Die im Sommer geplante Verkürzung von 14 auf 12 Monate ist inzwischen vom Tisch. Familienministerin Karin Prien (CDU) hat am Mittwoch einen überarbeiteten Entwurf in die Abstimmung mit den anderen Ministerien gegeben, berichtet der Evangelische Pressedienst.
Danach bleibt es bei maximal 14 Monaten. In den vier fest reservierten Monaten je Elternteil gäbe es 80 Prozent des Nettoeinkommens, in den sechs frei aufteilbaren nur noch 50 Prozent. Bisher sind es in der Regel 65 Prozent.
Mindest- und Höchstbetrag sollen erstmals seit 2007 steigen, auf 330 und 1.900 Euro. Der Haken für Familien, in denen nur ein Elternteil zu Hause bleibt: Für sie wären künftig höchstens zehn statt zwölf Monate drin. Beschlossen ist noch nichts.
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