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Zugunglück

Mindestens 68 Tote bei Zugunglück in Spanien: Verkehrsminister sieht „unerklärlichen“ Fehler

Nach dem Auffahrunfall zwischen Madrid und Sevilla gibt es eine Erklärung: Nach dem Ausfall der Sicherungstechnik traf ein Fahrdienstleiter offenbar eine fatale Entscheidung.

5 Min
Mit Rettungsdecken bedeckte Todesopfer am Unfallort zwischen Urda und Los Yébenes in der Provinz Toledo am 28. Oktober 2026

Mit Rettungsdecken bedeckte Todesopfer am Unfallort zwischen Urda und Los Yébenes in der Provinz Toledo am 28. Oktober 2026

© Javier Soriano/AFP

Bei dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Spanien sind nach Angaben der Regionalregierung von Kastilien-La Mancha mindestens 68 Menschen ums Leben gekommen. Wie der öffentlich-rechtliche Sender RTVE berichtete, wurden zudem Dutzende Menschen verletzt. Da die Rettungsarbeiten am Unfallort bei Urda in der Provinz Toledo andauern, werden weitere Todesopfer nicht ausgeschlossen. Inzwischen verdichten sich Hinweise auf menschliches Versagen.

Das Unglück ereignete sich um 8.54 Uhr bei Urda in der Provinz Toledo. Nach Angaben des Schienennetzbetreibers Adif fuhr ein Zug auf einen anderen auf. Der AVE 2080 des staatlichen Zugbetreibers Renfe prallte auf den Zug 6076 des privaten Anbieters Iryo. Beide waren knapp eine Stunde zuvor in Madrid gestartet, um nach Sevilla zu fahren.

Nach den aktualisierten Angaben von RTVE befanden sich im Iryo-Zug 147 Reisende und im AVE von Renfe 378.

Zwei Waggons stürzen eine Böschung hinab

Nach Angaben von Renfe erfasste der Hochgeschwindigkeitszug der Renfe den Iryo-Zug an der Einfahrt zum Bahnhof Urda. Die beiden hinteren Wagen des Iryo entgleisten. Laut RTVE und Angaben des regionalen Rettungsdienstes 112 gegenüber der Nachrichtenagentur EFE stürzten zwei Waggons eine Böschung hinab. In den sozialen Medien kursierten Fotos und Videos von der Unglücksstelle.

Adif verortete den Zusammenstoß bei Streckenkilometer 118 im Bereich der Gemeinden Mora, Orgaz und Urda. Allein in den Krankenhäusern von Kastilien-La Mancha werden nach Angaben des regionalen Rettungsdienstes 53 Menschen behandelt, 56 konnten demnach bereits wieder entlassen werden, berichtete die Zeitung El País. 

Renfe teilte laut RTVE mit, dass der Rettungsdienst zunächst keinen Kontakt zum Lokführer des auffahrenden Zuges habe herstellen können. Über dessen Zustand lagen zunächst keine gesicherten Angaben vor.

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Rettungskräfte richten Behandlungsplatz ein

Die Regionalregierung von Kastilien-La Mancha aktivierte um 9.15 Uhr ihren territorialen Notfallplan für die Provinz Toledo. Feuerwehr, Guardia Civil, Zivilschutz und medizinische Einsatzkräfte wurden zum Unfallort geschickt. Der regionale Gesundheitsdienst begann mit der Einrichtung eines vorgeschobenen Behandlungsplatzes.

Nach Angaben des Rettungsdienstes gegenüber Europa Press waren auch drei Rettungshubschrauber und zwei mobile Intensivversorgungseinheiten im Einsatz. Urdas Bürgermeister Manuel Galán sagte RTVE, der Zivilschutz habe die Gemeinde gebeten, vorsorglich eine Sporthalle zur Verfügung zu stellen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez und Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo sagten laut RTVE Termine ab. Sánchez kündigte am Unfallort eine umfassende Aufklärung an. „Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen, und wenn es Fahrlässigkeit gegeben hat, werden wir entschieden reagieren“, sagte er dem Bericht zufolge.

Auch Regionalpräsident Emiliano García-Page kündigte an, seine Termine auszusetzen und zum Unglücksort zu fahren. Renfe richtete eine Telefonnummer für Betroffene und Angehörige ein und ermöglichte kostenlose Umbuchungen und Stornierungen für betroffene Verbindungen.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez spricht am 28. Oktober 2026 am Einsatzleitstand bei Urda nach dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge mit Journalisten.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez spricht am 28. Oktober 2026 am Einsatzleitstand bei Urda nach dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge mit Journalisten.

© Alejandro Martínez Vélez/Europa Press/imago

Erste Ermittlungen: Doppeltes menschliches Versagen

Nach den Worten von Verkehrsminister Oscar Puente ist das Zugunglück auf eine „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen. Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, sei einem der Züge grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben worden, sagte Puente.

Zuvor hatte bereits die spanische Zeitung El Pais über erste Ermittlungen berichtet, wonach ein doppeltes menschliches Versagen offenbar die Ursache des schweren Zugunglücks war.

Das Sicherheitssystem LZB, das den Hochgeschwindigkeitsverkehr in Spanien steuert, fiel demnach am Mittwochmorgen in dem betroffenen Bereich aus. Folge war, dass sechs Züge – drei aus jeder Richtung – zum Stehen kamen. Diese Rückfallebene funktionierte einwandfrei.

Dem Bericht zufolge stellte die Betriebszentrale acht Minuten später auf manuellen Betrieb um und wies alle Züge an, ihre Fahrt fortzusetzen. Der Iryo-Zug konnte jedoch aus noch ungeklärten Gründen nicht anfahren und blieb stehen.

Fahrdienstleiter wird psychologisch betreut

Fraglich ist, warum ein Fahrdienstleiter des Infrastrukturbetreibers Adif auch dem Lokführer des AVE 2080 die Weiterfahrt erlaubte, obwohl rund 25 Kilometer vor dem Zug der Iryo-Zug stand. Ebenfalls zu klären ist, warum der Adif-Mitarbeiter die Anweisung gab, „ganz normal“ zu fahren – obwohl das Protokoll bei Ausfall des Computersystems eine Fahrt auf Sicht mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 Kilometer pro Stunde vorschreibt.

Dies hätte dem Renfe-Zug deutlich mehr Zeit zum Bremsen verschafft. Die Ermittler halten diesen menschlichen Fehler für „unerklärlich“. RTVE berichtete, Zugang zu einigen Audioaufnahmen der Kommunikation zwischen den Zügen und der Leitstelle erhalten zu haben. Darin sei zu hören, wie der Lokführer des AVE-Zuges angewiesen worden sei, die Fahrt unter Beachtung der Streckensignale mit normaler Geschwindigkeit fortzusetzen. „Mit normaler Geschwindigkeit“, habe der Lokführer wiederholt. Daraufhin sei ihm mit „Ja“ geantwortet worden.

Angesichts der Schwere der Lage wird der Fahrdienstleiter in der Betriebszentrale bereits von einem Anwalt und einem Psychologen betreut, wie aus Regierungskreisen verlautete, hieß es in El Pais.

Schwere Zugunglücke in Spanien

Spanien hat bereits mehrfach schwere Zugunglücke erlebt. Am 18. Januar 2026 kamen bei einem Zusammenstoß zweier Züge bei Adamuz in Andalusien 46 Menschen ums Leben. Ein Iryo-Zug war entgleist und mit einem Renfe-Zug zusammengestoßen.

Auch Sánchez nahm am Mittwoch Bezug auf das Unglück im Januar. Zwei tödliche Hochgeschwindigkeitszugunglücke innerhalb eines Jahres seien für ein Land wie Spanien nicht hinnehmbar. Die Regierung werde alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um das Vertrauen in das Hochgeschwindigkeitsnetz wiederherzustellen und die Sicherheit der Reisenden weiter zu verbessern, erklärte der Ministerpräsident.

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