Analyse

Stabil durch die Krisen: Die Bilanz von Rot-Rot in Mecklenburg-Vorpommern

SPD und Linke haben MV durch fünf Krisenjahre gesteuert. Der Nordosten des Landes steht besser da als erwartet – aber strukturell kaum anders als 2021.

14 Min
Fünf Jahre haben SPD und Linke mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Vize-Ministerpräsidentin Simone Oldenburg an der Spitze Mecklenburg-Vorpommern regiert. Die Bilanz ist besser, als die Opposition behauptet und schlechter, als die Regierung glauben machen will.

Fünf Jahre haben SPD und Linke mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Vize-Ministerpräsidentin Simone Oldenburg an der Spitze Mecklenburg-Vorpommern regiert. Die Bilanz ist besser, als die Opposition behauptet und schlechter, als die Regierung glauben machen will.

© Jens Büttner/dpa

Als SPD und Linke im November 2021 ihre Koalition bildeten, stand Mecklenburg-Vorpommern noch unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Wenige Monate später folgten der russische Angriff auf die Ukraine, explodierende Energiepreise und schließlich die bundesweite Wirtschaftsflaute. Die rot-rote Landesregierung bilanziert deshalb nicht nur ihre politischen Projekte, sondern vor allem ihr Krisenmanagement. Das tat sie Mitte Juni bei der Vorstellung ihrer Abrechnung nach fünf Jahren Regierungsarbeit, und sie tat es sichtlich mit Stolz.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und ihre Stellvertreterin Simone Oldenburg (Linke) sagten, das Land sei „durch schwierige Zeiten“ geführt und die zentralen Versprechen seien eingehalten worden. Die Reaktion der Opposition ließ nicht lange auf sich warten: Sie wetterte naturgemäß dagegen, sprach von Stillstand, vertagten Reformen und statistischer Schönfärberei. „Selbstlob statt Selbstkritik“ titelten die einen, die anderen, dass die Landesregierung ein rosarotes Bild ihrer Amtszeit zeichne.

Beide Darstellungen greifen jedoch zu kurz. Denn Mecklenburg-Vorpommern hat sich in mehreren Feldern tatsächlich besser entwickelt als der Bund und die übrigen ostdeutschen Flächenländer. Ein grundlegender Strukturwandel ist daraus aber nicht entstanden. Die Legislaturperiode war also weniger ein „Aufbruch 2030“, wie Schwesig ihre Regierungserklärung 2021 überschrieben hatte, als eine Phase politischer Stabilisierung. Rot-Rot hat viele Krisen abgefedert und abfedern müssen, einige soziale und verkehrspolitische Vorhaben umgesetzt. Aber zentrale Zukunftsprobleme hat diese Landesregierung nicht entscheidend verkleinert.

Manuela Schwesig (SPD, l), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, und Simone Oldenburg (r), die Fraktionschefin der Linken im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, unterzeichnen den Koalitionsvertrag zwischen SPD und der Linken für eine gemeinsame Regierungsbildung in Mecklenburg-Vorpommern. Zuvor hatten auf Sonderparteitagen die Delegierten dem Vertrag zugestimmt. Am 15.11.2021 soll Schwesig im Landtag als Ministerpräsidentin wiedergewählt und anschließend ihr Kabinett vereidigt werden.

Manuela Schwesig (SPD, l), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, und Simone Oldenburg (r), die Fraktionschefin der Linken im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, unterzeichnen den Koalitionsvertrag zwischen SPD und der Linken für eine gemeinsame Regierungsbildung in Mecklenburg-Vorpommern. Zuvor hatten auf Sonderparteitagen die Delegierten dem Vertrag zugestimmt. Am 15.11.2021 soll Schwesig im Landtag als Ministerpräsidentin wiedergewählt und anschließend ihr Kabinett vereidigt werden.

© Jens Büttner

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MV wächst besser als der Bund, aber auf niedrigem Niveau

Die stärkste Zahl der rot-roten Regierungsbilanz ist das Wirtschaftswachstum. Das reale Bruttoinlandsprodukt Mecklenburg-Vorpommerns stieg 2022 um 2,8 Prozent, sank 2023 um 1,4 und 2024 um 0,3 Prozent und legte 2025 wieder um 1,4 Prozent zu. Unter dem Strich wuchs die Wirtschaftsleistung von 2021 bis 2025 damit um rund 2,5 Prozent – deutlich stärker als in Deutschland insgesamt mit etwa 0,6 Prozent. Auch die anderen ostdeutschen Flächenländer blieben dahinter. Unter den ostdeutschen Flächenländern lag der Nordosten somit vorn. Die Bilanz hat allerdings einen Haken: Das starke Ergebnis 2025 wurde auch durch die deutliche Abwärtsrevision des Vorjahres beeinflusst.

Die Landesregierung rechnet hingegen lieber vom Corona-Tief 2020 aus und kommt so auf rund fünf Prozent Wachstum. Das ist rechnerisch durchaus vertretbar, aber für die Bilanz einer im Herbst 2021 gebildeten Regierung ein doch wirklich sehr günstig gewählter Ausgangspunkt. Der Vergleich ab 2021 ergibt nämlich ein kleineres, gleichwohl überdurchschnittliches Plus. Das nominale Bruttoinlandsprodukt stieg von 50,2 Milliarden Euro 2021 auf knapp 63,6 Milliarden Euro 2025. Ein erheblicher Teil dieses Zuwachses erklärt sich dabei aus der Inflation.

Zum relativen Erfolg trägt die Wirtschaftsstruktur bei. Mecklenburg-Vorpommern besitzt weniger energieintensive Industrie als Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt. Gesundheitswirtschaft, Tourismus, öffentliche und soziale Dienstleistungen, welche im Nordosten die Schlüsselpositionen einnehmen, reagieren weitaus weniger stark auf industrielle Konjunktureinbrüche.

Die Bundesagentur für Arbeit nennt gerade diesen geringen Industrieanteil und die Beschäftigungszuwächse im Gesundheits- und Sozialwesen als Gründe für die vergleichsweise stabile Entwicklung des Nordostens. Was in der Rezession schützt, begrenzt allerdings in besseren Zeiten Produktivität, Exportkraft und Hochlohnarbeitsplätze. Das ist kein Versagen der Regierung, aber auch kein Verdienst.

Positiv zu Buche stehen ein Außenhandelsvolumen von rund 21 Milliarden Euro im Jahr 2025, neue Perspektiven für Offshore-Windenergie und maritime Zulieferer sowie die Stabilisierung von Unternehmen durch Corona- und Energiehilfen. Allein die Corona-Wirtschaftshilfen beziffert die Landesregierung auf 1,61 Milliarden Euro, obendrauf kommt ein Energiefonds von 1,14 Milliarden Euro. Diese Mittel verhinderten Härten und Insolvenzen, sind aber eher Krisenschutz als Beleg für eine neue wirtschaftliche Dynamik.

Beim Außenhandel lohnt ein genauerer Blick, denn die wichtigsten Handelspartner Mecklenburg-Vorpommerns im Ostseeraum entwickelten sich teils sehr unterschiedlich. Mit Polen stieg das Volumen etwa von 1,35 Milliarden Euro 2021 auf 1,53 Milliarden Euro 2025 – ein solides Plus. Norwegen legte von 441 Millionen auf 701 Millionen Euro zu, getrieben vor allem durch den Energiehandel. Mit Schweden ging es dagegen bergab, zumindest beim Handel. Hier sank das Volumen von 922 auf 764 Millionen Euro. Bei Dänemark rutschte es von 1,24 Milliarden auf 1,16 Milliarden Euro, bei Finnland von 662 auf 639 Millionen Euro. Daraus lässt sich ablesen, dass die Ostsee-Nachbarschaft kein einheitlicher Wachstumsraum ist.

Rund 60 Prozent der Exporte aus MV gehen in EU-Staaten, daneben gewinnen Märkte wie die USA und Brasilien zunehmend an Bedeutung. Das wurde von Schwesig auch wohlwollend befeuert, die während ihrer Bundesratspräsidentschaft eine Wirtschaftsdelegationsreise nach Brasilien unternahm. Das kann man als ein Signal werten, aber es ist eben noch keine solide Struktur, die vorhanden ist.

Rund 60 Prozent der Exporte aus Mecklenburg-Vorpommern gehen in EU-Staaten, daneben gewinnen Märkte wie die USA und Brasilien zunehmend an Bedeutung.

Rund 60 Prozent der Exporte aus Mecklenburg-Vorpommern gehen in EU-Staaten, daneben gewinnen Märkte wie die USA und Brasilien zunehmend an Bedeutung.

© Jens Büttner/dpa

Die Industrie- und Handelskammern des Landes urteilen entsprechend zurückhaltend. Die IHK zu Schwerin bezeichnete 2025 als schwieriges Jahr und forderte strukturelle Reformen, verlässlichere Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungen und weniger Bürokratie. Die Vereinigung der Unternehmensverbände sieht bei der SPD zwar Schnittmengen mit den Forderungen der Wirtschaft, kritisiert aber eine zu starke Orientierung an staatlicher Steuerung und Regulierung. Und das erste umfassendere Bürokratieentlastungsgesetz kam erst zum Ende der Legislaturperiode – eindeutig zu spät, um seine Wirkung noch seriös beurteilen zu können.

Arbeitsmarkt stabil, ein Durchbruch ist nicht zu sehen

Beim Blick auf den Arbeitsmarkt braucht es keine lange Überlegung, um eins relativ schnell festzustellen: Es gelang kein sichtbarer Fortschritt. Da helfen auch nicht die Worte von Schwesig vom Juni, dass die Löhne gestiegen seien und sich der Arbeitsmarkt trotz schwieriger Rahmenbedingungen als robust und stabil erweise.

Im Wesentlichen bewegte sich die Arbeitslosenquote in den letzten fünf Jahren zwischen sieben und acht Prozent – nach einem zwischenzeitlichen Rückgang. Damit blieb Mecklenburg-Vorpommern deutlich über dem Bundesdurchschnitt und auch über dem der meisten ostdeutschen Länder. Die Quote ist zwar weit von den zweistelligen Werten der 1990er- und frühen 2000er-Jahre entfernt, gegenüber dem Beginn der rot-roten Regierungszeit ist allerdings keine nachhaltige Verbesserung erkennbar, so viel steht fest.

Bemerkenswert ist vielmehr, dass der Arbeitsmarkt in der Flaute kaum einbrach. Ende 2025 gab es rund 576.800 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Mecklenburg-Vorpommern, nur 500 weniger als ein Jahr zuvor. Den Arbeitsagenturen wurden 33.900 Stellen gemeldet, 2,9 Prozent mehr als 2024. Im Sommer 2026 trübte sich das Bild hingegen etwas ein. Die Bilanz lautet daher nicht Beschäftigungsboom, sondern robuste Seitwärtsbewegung.

Der Abstand bei den Löhnen ist zum Rest Deutschlands kleiner geworden, in diesem Punkt liegt Schwesig richtig. Die Einkommen in Mecklenburg-Vorpommern sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Das zeigt sich auch im Ländervergleich. Der Abstand zum bundesweiten Lohnniveau ist kleiner geworden, verschwunden ist er aber nicht. Mecklenburg-Vorpommern liegt bei den Verdiensten weiterhin am unteren Ende. Die CDU hat insofern recht, wenn sie vor einem Triumph bei der Lohnentwicklung warnt. Sie unterschlägt allerdings, dass MV beim Aufholen vorangekommen ist.

Einen klaren rot-roten Akzent setzte das Tariftreuegesetz, das seit Januar 2024 bei öffentlichen Aufträgen tarifliche Entlohnung verlangt. Der DGB wertet das positiv, fordert aber eine höhere Tarifbindung, besonders in Industrie und maritimer Wirtschaft. Rot-Rot habe „mehr Licht als Schatten“ produziert, lautet das Urteil des Gewerkschaftsbunds, und das trifft die Gesamtlage ziemlich genau.

Fachkräfte – die größte Wachstumsbremse kommt noch

Es ist kein Alleinstellungsmerkmal Mecklenburg-Vorpommerns. Aber das Phänomen, dass Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel gleichzeitig bestehen, ist auch im Nordosten zu finden. In Pflege, Handwerk, Gastronomie, Bildung, Verwaltung, Logistik und technischen Berufen fehlen Bewerber, andernorts sind Menschen ohne passende Qualifikation oder erreichbaren Arbeitsplatz arbeitslos.

Eine Prognose im Auftrag des Landes geht davon aus, dass 2030 bis zu 59.400 Arbeits- und Fachkräfte fehlen könnten. Hauptursache ist die Altersstruktur. Mehr Beschäftigte gehen in Rente, als junge Menschen nachrücken. Das ist kein MV-spezifisches Problem, trifft das Land aber härter als Regionen mit stärkerem Zuzug und höheren Löhnen.

Die Landesregierung reagierte mit einer Fachkräftestrategie auf vier Säulen: Ausbildung, Ausschöpfung vorhandener Erwerbspotenziale, Zuwanderung und attraktive Arbeitsbedingungen. Eine eigene Zuwanderungsstrategie folgte Anfang 2026. Inhaltlich weist das in die richtige Richtung. Zeitlich kamen die zentralen Strategien aber erst in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode – ihre Wirkung wird sich daher frühestens in der nächsten zeigen.

Die entscheidende Frage bleibt, ob Mecklenburg-Vorpommern Fachkräfte nicht nur anwerben, sondern halten kann. Dafür reichen Standortkampagnen allein nicht aus. Erforderlich sind wettbewerbsfähige Löhne, verfügbare Wohnungen, erreichbare Berufsschulen, verlässliche Kinderbetreuung, eine funktionierende Verwaltung und gesellschaftliche Offenheit gegenüber Zuwanderern. Gerade hier treffen Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Wohnungs- und Verkehrspolitik aufeinander. Rot-Rot hat das Problem genauer vermessen als 2021, gelöst hat es die Koalition aus SPD und Linken bisher nicht.

Mehr Geld für Bildung, weiter Personalmangel

Im Bildungsbereich verweist die Regierung darauf, dass etwa jeder sechste Euro des Landeshaushalts in Kitas und Schulen geflossen sei. Sie nennt zusätzliche Programme zur Lehrkräftegewinnung, den Bildungspakt, 72 Startchancen-Schulen, den kostenlosen Ferienhort und einen verbesserten Betreuungsschlüssel in den Kindergärten von 1:15 auf 1:14. Das Ziel, zusätzlich 1000 Stellen für Lehrkräfte zu besetzen, war bereits 2021 zu einem Kernversprechen erklärt worden.

Nicht alles, was die Regierung als Erfolg verbucht, stammt aber aus dieser Legislatur. Die Beitragsfreiheit für Kita und Hort wurde bereits 2020 unter der vorherigen SPD-CDU-Regierung eingeführt. Die CDU weist zu Recht darauf hin, dass Rot-Rot dieses Projekt fortgeführt, nicht aber geschaffen hat. Ein eigener Erfolg der aktuellen Regierung sind dagegen Ferienhort und schrittweise Qualitätsverbesserungen in der frühkindlichen Bildung.

Und dann gibt es da noch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die einen anderen Maßstab anlegt. Die Absenkung des Fachkraft-Kind-Verhältnisses im Kindergarten von 1:15 auf 1:14 begrüßte sie zwar grundsätzlich, hielt sie aber lange nicht für ausreichend. Die GEW fordert seit Jahren kleinere Gruppen und mehr Personal. Sie kritisierte zudem, dass bei den Investitionen des Landes in die Beitragsfreiheit die Qualität der Kitas zu kurz gekommen sei.

Simone Oldenburg ist seit fünf Jahren Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern und Spitzenkandidatin der Linken bei der Landtagswahl.

Simone Oldenburg ist seit fünf Jahren Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern und Spitzenkandidatin der Linken bei der Landtagswahl.

© Philip Dulian/dpa

Wie groß der Druck war, zeigte das 2026 gestartete Volksbegehren „Zukunftsplan Kita“, das von GEW und Landeselternrat unterstützt wurde. Innerhalb von vier Wochen kamen 138.341 Unterschriften zusammen. Inzwischen haben sich Landesregierung und Initiatoren auf weitere Verbesserungen verständigt. Unter anderem soll der Personalschlüssel im Kindergarten 2028 von 1:14 auf 1:13 sinken. Das Volksbegehren wird deshalb nicht weiterverfolgt.

Auch an den Schulen ist kein eindeutiger Wendepunkt erreicht. Bundesweite Vergleichsstudien dokumentieren erhebliche Kompetenzverluste in Mathematik und Naturwissenschaften. Mecklenburg-Vorpommern kann auf eine vergleichsweise geringe Kopplung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg verweisen und liegt im Bildungsmonitor 2026 im Mittelfeld. Unterrichtsausfall, Altersabgänge und der Einsatz von Seiteneinsteigern bleiben aber durchaus strukturelle Risiken.

Dass die älteste im Dienst verbliebene Lehrkraft des Landes 80 Jahre alt sei und weiterhin Vollzeit arbeite – von Bildungsministerin Oldenburg in der TV-Debatte zur Landtagswahl am Dienstag vorgetragen –, erzählt mehr über die Lage an den Schulen als manche Grundsatzrede. Höhere Budgets und zusätzliche Einstellungen verhindern bislang vor allem eine Verschärfung des Lehrkräftemangels. Eine belastbare Leistungswende haben sie noch nicht erzeugt.

Grüner Strom als großer Standortvorteil

Mecklenburg-Vorpommern produziert rechnerisch mehr als doppelt so viel erneuerbaren Strom, wie es selbst verbraucht. Darin liegt einer der größten Standortvorteile des Landes. Windkraft an Land und auf See kann Häfen, Werften, Metallverarbeitung, Wasserstoffprojekte und energieintensive Neuansiedlungen tragen. Die wirtschaftspolitische Kernfrage lautet deshalb nicht mehr, ob ausreichend grüner Strom erzeugt wird, sondern wie mehr Wertschöpfung im Land verbleibt. Auf diese Frage hat Rot-Rot bis heute aber keine überzeugende Antwort geliefert.

Gemischt fällt die Bilanz beim Klimaschutzgesetz aus. Der Koalitionsvertrag versprach ein verbindliches Landesgesetz und Klimaneutralität bis 2040. Das Gesetz wurde tatsächlich verabschiedet, allerdings erst am 3. Juni 2026. Das sind viereinhalb Jahre nach Regierungsbildung. Zudem verschob die Koalition das Ziel für das gesamte Land auf 2045. Klimaneutral soll die Landesverwaltung weiterhin 2030 werden. Formal wurde das Gesetzesversprechen erfüllt, der ursprüngliche Zeitplan für Klimaneutralität aber aufgegeben.

Die Grünen sprechen deshalb von einer verschleppten Energiewende und verspielten Wirtschaftschancen. Die Windbranche wiederum begrüßt die jüngste Beschleunigung, kritisierte aber einzelne Regelungen zur Bürger- und Gemeindebeteiligung als kompliziert und potenziell standortschädlich. Die Energiepolitik ist somit das deutlichste Beispiel für die Gesamtbilanz: großes Potenzial, späte Fortschritte, aber zu wenig Zeit, um deren wirtschaftliche Wirkung noch zu sehen.

ÖPNV liefert die sichtbarsten Verbesserungen

Deutlicher ist die Bilanz im öffentlichen Nahverkehr. Seit 2023 entstanden 16 neue Regiobuslinien, Rufbusangebote wurden in die Fläche ausgeweitet, Zugleistungen erhöht und Deutschlandtickets für Auszubildende und Rentner bezuschusst. Von 2023 bis 2025 investierte das Land nach eigenen Angaben rund 120 Millionen Euro in die Mobilitätsoffensive. Für 2026 sind weitere 60 Millionen vorgesehen. Die bestellten Zugkilometer stiegen auf mehr als 19 Millionen pro Jahr.

Für ein dünn besiedeltes Flächenland ist besonders das Rufbussystem relevant. Es ersetzt allerdings keinen regelmäßigen Taktverkehr, wenn Fahrten lange vorher bestellt werden müssen oder Anschlüsse nicht funktionieren. Auch die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken blieb teilweise bei saisonalen Angeboten und Planungen. Dennoch gehört die Mobilitätsoffensive zu den eigenständigsten und greifbarsten Projekten der Koalition: Das Angebot ist 2026 objektiv größer als 2021.

Bei Straßen, staatlichen Gebäuden und digitaler Infrastruktur dominieren dagegen langfristige Programme, häufig mit Bundesmitteln bezuschusst. Für 2026 waren rund 263 Millionen Euro für Bundes- und Landesstraßen vorgesehen, davon gut 182 Millionen für Bundesstraßen. Die staatliche Bauverwaltung bearbeitete zwischen 2022 und 2026 mehr als 800 Vorhaben mit einem Gesamtvolumen von etwa 2,7 Milliarden Euro. Das sind erhebliche Summen, doch Planungszeiten, Baukosten und fehlendes Personal begrenzen den Mittelabfluss bisweilen.

Beim Glasfaserausbau stehen Förderzusagen von Bund und Land in Milliardenhöhe bereit. Das Breitbandkompetenzzentrum weist inzwischen 155 Anträge mit einem Volumen von rund 2,9 Milliarden Euro aus. Viele Projekte wurden allerdings vor 2021 begonnen und sind stark bundesfinanziert. Rot-Rot kann sich die Fortsetzung und organisatorische Umsetzung zurechnen, nicht aber den gesamten Ausbau. Viele Projekte stammen aus der Förderoffensive, die bereits 2015 begann. 2026 sind große Teile des Netzes gebaut, gleichzeitig fehlen noch hunderttausende Anschlüsse. Der Ausbau ist also weit vorangekommen, aber noch längst nicht fertig. Fortschritte bei der Glasfaserquote stehen neben weiter bestehenden Lücken in ländlichen Gebieten und einer schleppenden Digitalisierung der Verwaltung. Wer in einem Amt des Landes einen Vorgang digital erledigen will, weiß, wovon die Rede ist.

Handwerk und Mittelstand unter wachsendem Druck

Das Handwerk bleibt mit rund 19.000 Betrieben, etwa 112.000 Beschäftigten und knapp 5900 Auszubildenden einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Die Ausbildungszahl stieg zuletzt leicht – ein positives Signal in einem Sektor, der seit Jahren um den Nachwuchs kämpft. Zugleich sank der Geschäftsklimaindex der beiden Handwerkskammern im ersten Quartal 2026. Baukrise, Energiepreise, hohe Finanzierungskosten, Bürokratie und Fachkräftemangel belasten besonders kleine Betriebe.

Mit der Studie „Handwerk 2030“ ließ die Landesregierung die Struktur des Sektors umfassend analysieren. Das schafft eine bessere Datengrundlage, ist aber noch keine Umsetzung. Die bekannten Probleme – Unternehmensnachfolge, Berufsschulstandorte, Meister- und Fachkräftegewinnung, digitale Verwaltung und schnellere Vergaben – bestehen am Ende der Legislatur weiterhin. Das Handwerk hat sich robust gehalten, ein politisch ausgelöster Wachstumsschub hat sich bisher aber nicht abgezeichnet.

Ähnliches gilt für den Mittelstand insgesamt. Er profitierte von Krisenhilfen, Wirtschaftsförderung und stabiler Nachfrage in Tourismus, Gesundheit und Dienstleistungen. Gleichzeitig blieben Genehmigungsverfahren, kommunale Infrastruktur, Fachkräftemangel und geringe Eigenkapitaldecken zentrale Schwachstellen. Die Unternehmerverbände bewerten die staatliche Krisenreaktion nicht grundsätzlich negativ. Sie verlangen aber einen Wechsel von der Subventions- zur Standortpolitik. Das ist ein Unterschied, den Rot-Rot nie wirklich vollzogen hat.

Die Schlussbilanz

Unterm Strich fällt die Endabrechnung der rot-roten Landesregierung unter Führung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gemischt aus. Rot-Rot hat Mecklenburg-Vorpommern durch fünf Krisenjahre gesteuert, ohne dass das Land wirtschaftlich abgerutscht ist. Doch aus Stabilisierung ist noch nicht der versprochene „gemeinsame Aufbruch“ geworden. Löhne, Fachkräfte, Bildung und Industrie bleiben Baustellen. Die weitaus präzisere Bilanz lautet daher: Die Stabilisierung ist gelungen, der strukturelle Wandel wurde aber nur begonnen.

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