Die Wiederaufnahme von Richard Strauss’ „Die schweigsame Frau“ am Samstagabend in der Staatsoper Unter den Linden bot dem Publikum vier Stunden lang großartige Musik. Christian Thielemann führte mit seinem brillanten, einfühlsamen Dirigat die Staatskapelle Berlin zu einer Höchstleistung. Die Sänger sangen die intellektuellen Texte von Stefan Zweig virtuos, das Bühnenbild war opulent. Das Publikum war restlos begeistert.
Christian Thielemann sucht leichte „Musik aus fernen Rundfunktagen“
Allein der Blick in den Zuschauerraum irritierte, und zwar gehörig: In weiten Teilen des zweiten und dritten Rangs herrschte gähnende Leere. Im ersten Rang bleiben nach der ersten Pause etliche Sitze leer, nach der zweiten Pause kehrten weitere Besucher nicht mehr auf ihre Plätze zurück. An Thielemann, dem Orchester oder den Sängern lag es nicht – sie lieferten Spitzenleistungen ab, musizierten von Anfang bis zum Ende grandios. Langeweile war absolut nicht möglich.
An der Musik von Richard Strauss kann es auch nicht gelegen haben. Auch wenn die „Schweigsame Frau“ selten zu hören ist, so ist die Komposition doch raffiniert, extrem farbig und an bestimmten Stellen sehr berührend. Der Klamauk, von dem es auf der Bühne vielleicht etwas weniger hätte geben können, wurde immer wieder aufgehoben von sehr emotionalen, stillen und nachdenklichen Passagen. Die Handlung ist sperrig, manches schrammt an plumper Frauenfeindlichkeit, einige abfällige Passagen über „die Türken“ würde man heute auch nicht mehr so schreiben. Das sind jedoch Kleinigkeiten und die Berliner sollten sich die Oper unbedingt anhören – wegen der Musik, wegen der Staatskapelle, wegen Thielemann.
Staatsoper Berlin: Christian Thielemann beruhigt Alban Bergs „Wozzeck“
Doch der Blick auf die vielen freien Plätze der kommenden Aufführungen zeigt: „Die schweigsame Frau“ droht, zum Ladenhüter zu werden. Eine Sprecherin der Staatsoper Unter den Linden sagte der Berliner Zeitung, dass noch Plätze frei seien, hänge „von vielerlei Faktoren ab“. Zum einen werde „das Kaufverhalten immer kurzfristiger“. Das habe man auch kürzlich bei „Norma“ gesehen, wo „an der Abendkasse noch gut Karten verkauft wurden, was zu nahezu ausverkauften Aufführungen führte“. Die Sprecherin weiter: „Zum anderen verkaufen sich bekanntere Stücke generell besser, wozu die ,Die schweigsame Frau‘ nicht zählt. Dennoch sind wir froh, dem Publikum auch unbekanntere Opernwerke präsentieren zu können.“ Ob es einen Zusammenhang zwischen den Ticketpreisen und dem schwachen Verkauf gibt, wollte die Sprecherin nicht sagen.
Ein Vorwand, die Axt anzulegen
Wenn das Publikum allerdings schrumpft, kann das für die zum Großteil aus öffentlichen Mitteln finanzierten Berliner Opernhäuser zum Problem werden. Die Opern stehen, wie alle Kulturinstitutionen in Berlin, vor schwierigen Jahren. Es wird erwartet, dass der Senat der Kultur wegen der desolaten Haushaltslage den Häusern weitere Sparauflagen machen wird.
In dieser Phase ist eine unbefriedigende Auslastung ein Problem: Der Rechtfertigungsdruck steigt. Schlechte Zahlen liefern Politikern, die nie eine Oper von innen gesehen haben, einen bequemen Vorwand, um die Axt anzulegen. Der neue Intendant der Deutschen Oper, Aviel Cahn, hat zu seinem Amtsantritt ein Programm vorgelegt, das auf „Stars“ verzichtet und den Schwerpunkt aufs Experimentelle legt. So extrem ist die Staatsoper nicht. Doch will auch Thielemann dem Exotischen frönen, wie etwa der Humperdinck-Oper „Königskinder“ – ebenfalls ein mehr oder weniger in Vergessenheit geratenes Stück. Das Vorhaben ist riskant. Man wünscht sich nicht, dass es irgendwann heißt: „Stell dir vor, der Thielemann dirigiert und keiner geht hin!“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]