Die Glasfront im Haus Nummer 68 am Boulevard Unter den Linden ist lang - so etwa 40 Meter sind es. Hinter den Schaufenstern präsentierte das Unternehmen Peugeot ein Jahrzehnt lang seine Automobilflotte. Vor ein paar Monaten sind die Franzosen ausgezogen, jetzt steht der neue Mieter fest - die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung wird in das bundeseigene Gebäude einziehen und dort ihre neue Ausstellung einrichten. Dem hat jetzt auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann zugestimmt.Das neue Domizil der Stiftung ist nur ein paar Schritte vom Brandenburger Tor entfernt, gleich neben dem Wachsfigurenkabinett "Madame Tussauds" und gegenüber der russischen Botschaft. "Dass wir in die Mitte der Stadt rücken, wird die Erinnerungskultur an Willy Brandt fördern", sagt Wolfram Hoppenstedt, der Geschäftsführer der Stiftung. An diesem Ort sei das eine einmalige Chance. Zumal Willy Brandt (1913-1992) immer ein großes Ziel verfolgt habe, den Zusammenhalt der deutschen Nation.Sterlingsilber als GeschenkDie Stiftung wurde 1994 vom Bundestag ins Leben gerufen, sie richtete zwei Jahre später im Rathaus Schöneberg eine Dauerausstellung ein. Dort wird die Schau am 18. Dezember zum letzten Mal zu sehen sein. Vom Schöneberger Rathaus aus hatte Brandt von 1957 bis 1966 West-Berlin regiert. In diese Zeit fielen der Mauerbau und der Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy im Juni 1963. Kennedy schenkte Brandt eine Zigarrenschatulle aus 925er Sterlingsilber. Ein ähnliches Geschenk bekam der damalige Regierende Bürgermeister auch von Queen Elizabeth II. im Mai 1965 - eine silberne Schreibschatulle. Beide Gastgeschenke sind wie auch eine Taschenuhr von August Bebel in Vitrinen ausgestellt. "Wir haben hier 240 Exponate aus dem Willy-Brandt-Archiv in Bonn", sagt Hoppenstedt. Überwiegend sind es Dokumente wie die Urkunde zum Friedensnobelpreis 1971, den Brandt für seine Ostpolitik erhielt, ebenso Tagebücher, Fotos und Terminkalender. Aber auch Brandts norwegischer Pass ist zu sehen - die Nazis hatten Brandt unter seinem bürgerlichen Namen Herbert Ernst Karl Frahm ausgebürgert. Während seines Exils lebte er vor allem in Oslo und Stockholm. Den Namen Brandt hatte er sich 1934 als Decknamen zugelegt und ließ ihn sich nach Kriegsende offiziell anerkennen. In den Vitrinen der Schau ist Brandts politische Karriere dokumentiert - sein Aufstieg zum Bundeskanzler 1969 sowie der "Fall G.", wie ihn Brandt in seinen Aufzeichnungen nennt. Denn 1974 musst Brandt seinen Rücktritt als Bundeskanzler erklären, nachdem Günter Guillaume, einer seiner engsten Mitarbeiter, als DDR-Spion enttarnt wurde.Dass die Stiftung das Rathaus Schöneberg verlassen wird, bedauert Ekkehard Band (SPD), der Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, zwar. "Es ist aber wichtig, an das Lebenswerk von Willy Brandt zu erinnern", sagt Band. Und am neuen Standort könnten wesentlich höhere Besucherzahlen erreicht werden als im Rathaus. Die Ausstellung in Schöneberg wurde zuletzt nur noch von rund 14 000 Interessierten im Jahr besucht. Unter den Linden rechnet die Stiftung nun mit einer sechsstelligen Zahl.Zudem steht in Mitte mit knapp 500 Quadratmetern die doppelte Ausstellungsfläche zur Verfügung. Anders als in Schöneberg wird es einen Seminarraum geben, so dass Schulklassen besser betreut werden können. Für die künftige Ausstellung wird noch am Konzept gearbeitet. Statt chronologisch wie bisher soll sie thematisch gegliedert sein. Zwei große Bereiche wird es geben: Brandt und Berlin (seine Zeit als Regierender Bürgermeister und der Mauerbau) sowie Brandt und die deutsche Einheit, in der sein Wirken als Außenminister und Bundeskanzler dokumentiert wird.Eröffnet wird die Ausstellung im Oktober 2010. Bis dahin werden Sonderausstellungen gezeigt: Im März und April die Wanderausstellung zu 60 Jahre Grundgesetz sowie im Mai eine Fotoausstellung des Fotografen Robert Lebeck, der Willy Brandt in den 70er- und 80er-Jahren begleitet und fotografiert hat. Schon jetzt bereitet sich die Stiftung auf den 100. Geburtstag Willy Brandts im Jahr 2013 vor. Wie Hoppenstedt sagt, "präsentieren wir dann eine völlig neue, multimediale Ausstellung".------------------------------Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung: Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz, geöffnet bis 18. Dezember 2009, Di-Fr 10-17 Uhr, Sa, So 10-16 Uhr, Eintritt frei.------------------------------"Der Umzug in die Mitte ist eine einmalige Chance für die Stiftung." Wolfram Hoppenstedt, GeschäftsführerFoto: Die Brandt-Skulptur von Rainer Fetting gehört als Miniatur zur Ausstellung. Die überlebensgroße Figur steht in der SPD-Parteizentrale.
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