Ein Forschungsteam der Universität Osaka hat bei Menschen ab 110 Jahren ungewöhnlich viele einer seltenen Sorte von „Killer-Immunzellen“ nachgewiesen. Die Ergebnisse sind kürzlich im Fachjournal Cell Reports erschienen. Die Zellen mit dem Kürzel CD4-CTL können nach bisherigen Untersuchungen unter anderem Krebszellen zerstören.
Ob sie tatsächlich zu einem langen und gesunden Leben beitragen, ist damit aber nicht bewiesen. Die Studie liefert vor allem einen Hinweis darauf, wie sich das Immunsystem selbst im höchsten Alter noch anpassen könnte. Für die Untersuchung werteten die Forschenden mehr als 40.000 Immunzellen von 28 Menschen aus.
Studien der vorliegenden Art sind schwierig, weil kaum jemand ein derart hohes Alter erreicht. In Japan gibt es laut der Autoren nur etwa 150 Menschen im Alter von 110 Jahren und älter.
Was die Immunzellen im Körper tun
CD4-CTL steht für zytotoxische CD4-T-Lymphozyten. Diese weißen Blutkörperchen gehören zur Immunabwehr und können andere Zellen gezielt abtöten, etwa bei Virusinfektionen oder Entzündungen. Auch gegen Krebszellen sind sie nach bisherigen Untersuchungen aktiv.
Bei den meisten Menschen bleiben diese Zellen selten. Üblicherweise machen sie bei Jüngeren weniger als fünf Prozent aller T-Zellen aus.
Wie stark die Zellen ab 100 Jahren zunehmen
Bereits im Jahr 2019 hatte dasselbe Team berichtet, dass Superhundertjährige besonders viele dieser Zellen besitzen. Die neue Studie zeigt, ab wann sie sich vermehren.
Untersucht wurden Blutproben von 28 Menschen in drei Altersgruppen: acht Personen zwischen 70 und 99 Jahren, zehn Hundertjährige zwischen 100 und 109 Jahren sowie zehn Superhundertjährige ab 110 Jahren.
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Der Anteil der CD4-CTL stieg mit dem Alter deutlich an. In der jüngsten Gruppe lag der Median bei 4 Prozent, bei den Hundertjährigen bei 9,6 Prozent und bei den Superhundertjährigen bei 17,6 Prozent. Laut den Forschenden beginnt die Zunahme etwa ab dem 100. Lebensjahr.
Ein zusätzliches Computermodell bestätigte den Trend an Daten von rund 1500 weiteren Menschen aller Altersgruppen.
Warum sich die Zellen massenhaft klonen
Jede T-Zelle bildet einen eigenen Rezeptor, mit dem sie ein bestimmtes Bedrohungssignal erkennt. Trifft eine Killer-Immunzelle auf ihr passendes Antigen, vervielfältigt sie sich zu einer Linie identischer Kopien. Genau das fanden die Forschenden bei den Hundert- und Superhundertjährigen. Der größte Zellklon machte im Schnitt 33,3 Prozent aller CD4-CTL aus.
In der Blutprobe eines Hundertjährigen bestanden 126 von 234 dieser Zellen aus einer einzigen Linie, das sind 53,8 Prozent. Laut den Forschenden spricht das für einen anhaltenden Reiz, auf den das Immunsystem reagiert.
Welche Spur zu Krebs die Daten zeigen
Weil die Zellen im Blut zirkulierten, ließ sich nicht bestimmen, in welche Gewebe sie wandern. Für erste Hinweise verglich das Team die Rezeptoren der häufigsten Zelllinien mit einer Datenbank.
Rund 30 Sequenzen stimmten mit denen von Krebspatienten überein. Am häufigsten passten sie zu Fällen von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, seltener zu Brust- und Leberkrebs.
Keiner der teilnehmenden Hundert- und Superhundertjährigen hatte im Leben eine dieser Krebsarten. Eine superhundertjährige Person hatte laut Studie eine Hautkrebs-Vorgeschichte.
Was Studienleiter Hashimoto sagt
„Der Großteil der Forschung zum Altern des Immunsystems hat sich auf den Abbau konzentriert“, sagte Erstautor Kosuke Hashimoto laut Nature. „Unsere Studie deutet darauf hin, dass sich das Immunsystem selbst im extrem hohen Alter noch gezielt anpassen kann.“
Die Zunahme sei kein reiner Nebeneffekt des Alterns, sondern könnte eine Reaktion auf dauerhaft vorhandene Antigene sein, sagte Hashimoto laut Scientific American.
Wie Fachleute die Ergebnisse einordnen
Externe Fachleute bewerten die Studie zurückhaltend. Die Immunologin Ana Caetano Faria von der Bundesuniversität von Minas Gerais in Brasilien sagte laut Nature, die Zellen könnten „eine Barriere gegen das Tumorwachstum bei Hundertjährigen“ sein.
Der Krebsforscher Shawn Demehri vom Massachusetts General Hospital gab laut dem Wissenschaftsportal zu bedenken, dass sich die Zelllinien auf ein bestimmtes Antigen hin vermehrten, nicht zwingend auf Krebszellen. Da die Rezeptoren bislang vor allem bei Krebs untersucht worden seien, sei ein Verzerrungseffekt möglich.
Der Biochemiker Alejandro López-Soto von der Universität Oviedo sagte laut Nature: „Die Vorstellung, dass diese Zellen Hundertjährige vor Krebs schützen, ist biologisch plausibel und spannend, bleibt aber spekulativ, solange ihre Antigene nicht identifiziert und das direkte Abtöten von Tumoren nicht nachgewiesen ist.“
Auch weitere, nicht an der Studie beteiligte Fachleute bewerteten die Arbeit laut Scientific American als interessanten Ausgangspunkt, nicht aber als Durchbruch.
Was als Nächstes erforscht wird
Wie sich die Killer-Immunzellen im Gewebe verhalten und welche Ziele sie genau angreifen, ist bislang offen. Das Team will diese Fragen weiter untersuchen – auch bei jüngeren Menschen, die ebenfalls viele CD4-CTL besitzen.
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