Buchvorstellung

Sturz aus dem Hotelzimmer: War die Stasi am Tod von Alfons Reiser beteiligt?

Ein ungeklärter Todesfall, die Stasi und eine Tochter auf der Suche nach der Wahrheit: „Der Fall Fechtner“ erzählt eine DDR-Geschichte mit vielen offenen Fragen.

Anna Schütz
4 Min
Die Stasi überwachte im Auftrag der SED nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern spionierte auch gezielt gegen den Westen.

Die Stasi überwachte im Auftrag der SED nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern spionierte auch gezielt gegen den Westen.

© Sebastian Kahnert/dpa

Wie viel Wahrheit lässt sich Jahrzehnte später noch finden? Katrin Reiser geht dieser Frage in ihrem Roman „Der Fall Fechtner“ nach. Ausgangspunkt ist der Tod ihres Vaters Alfons Reiser, eines westdeutschen Beamten, während einer Dienstreise in die DDR. Aus der persönlichen Suche nach Antworten wurde eine jahrelange Recherche und schließlich ein Roman. Am Dienstag stellte Reiser das Buch im Deutschen Spionagemuseum in Berlin vor – 40 Jahre nach dem Tod ihres Vaters.

Ein Todesfall im Überwachungsstaat

Alfons Reiser, im Roman heißt er Herr Fechtner, reist im Juni 1986 mit einer Delegation aus Bonn in die DDR. Während des Aufenthalts stürzt er aus dem Fenster seines Hotelzimmers im Leipziger Hotel Astoria und stirbt. Die DDR-Behörden gehen damals von einem Unfall oder Suizid aus.

Doch an dieser Darstellung gibt es bis heute Zweifel. Teile der Ermittlungsakten wurden vernichtet oder nachträglich verändert. Auch die Umstände am Tatort werfen Fragen auf. So war das Fenster offenbar so beschaffen, dass ein versehentliches Herausfallen nur schwer vorstellbar erscheint.

Hinzu kommt der Ort des Geschehens: Das Astoria war ein Hotel, in dem ausländische Gäste und Delegationen von der Staatssicherheit überwacht wurden. Der ehemalige BND-Präsident August Hanning beschreibt das System als engmaschig: „Die wussten genau, wer in der Gruppe ist, wie die Gespräche geführt und was gesprochen wird.“

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Ein Todesfall, über den geschwiegen wurde

In der DDR wurde der Tod Reisers nicht öffentlich bekannt gemacht. Auch nach der Wiedervereinigung kam es zu keiner umfassenden juristischen Aufarbeitung. Unterlagen aus dem Ministerium, für das Reiser tätig war, sowie Akten der Staatssicherheit waren teilweise nur schwer zugänglich.

Auch in der Bundesrepublik blieben Fragen offen. Die Familie wurde über den Tod informiert, doch die Zweifel an der Unfallversion führten nicht zu einer umfassenden Untersuchung. Für Reisers Tochter begann die eigentliche Suche deshalb erst Jahre später.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Katrin Reiser, Jahrgang 1975, studierte Geschichte und Germanistik und arbeitete später unter anderem als Kommunikationsberaterin und Politikberaterin. 2003 erhielt sie erstmals den Hinweis, ihr Vater könne von der Staatssicherheit ermordet worden sein. Sie begann zu recherchieren, sichtete Akten und sprach mit Zeitzeugen. Aus der rund zehn Jahre dauernden Recherche entstand „Der Fall Fechtner“, Reisers erster Roman. Die Handlung basiert auf dem tatsächlichen Todesfall, ist aber literarisch ausgestaltet.

Die DDR als Spionage-Schauplatz

Der Fall führt mitten hinein in die Welt der DDR-Staatssicherheit. Überwachung und Spionage waren zentrale Instrumente der SED-Herrschaft. Besonders ausländische Delegationen standen im Fokus. Hotels wie das Astoria waren Teil dieses engmaschigen Überwachungssystems. Ob die Staatssicherheit tatsächlich mit dem Tod Alfons Reisers zu tun hatte, ist bis heute nicht bewiesen. Gerade diese Ungewissheit steht im Zentrum von Reisers Buch.

„Der Fall Fechtner“ ist im Juni 2026 im Langen Müller Verlag erschienen. Das Buch umfasst 392 Seiten und kostet 24 Euro. Mit dem Erscheinen des Buches kommt auch der historische Fall wieder in Bewegung. Das Landwirtschaftsministerium, für das Alfons Reiser damals arbeitete, hat eigene Recherchen aufgenommen. Auch die Leipziger Kriminalpolizei beschäftigt sich erneut mit dem Fall. Wohlmöglich wird 40 Jahre nach dem Tod von Alfons Reiser also noch die Frage beantwortet, ob sein Sturz aus dem Fenster des Hotel Astoria ein Unfall, Suizid oder Mord war.

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