Reportage

Die wichtigste Insel der Welt: Wie Taiwan zwischen Boom und Bedrohung aufblüht

Der Druck aus Peking nimmt zu, die Wirtschaft geht durch die Decke. Sachsen zieht seinen eigenen Draht auf die Insel. Ein Besuch in Taipeh.

7 Min
Blick auf den Taipei 101: Das 2004 eröffnete Hochhaus in Taiwans Hauptstadt steht sinnbildlich für den wirtschaftlichen Aufstieg des Inselstaates.

Blick auf den Taipei 101: Das 2004 eröffnete Hochhaus in Taiwans Hauptstadt steht sinnbildlich für den wirtschaftlichen Aufstieg des Inselstaates.

© Paul Brown/Imago

Die Straße führt auf Betonpfeilern durch Taipeh, viele Meter über dem Boden. Es ist ein Bauprinzip, das dem Platzmangel geschuldet ist, dem Erdbebenschutz und den Wassermassen, die die Taifune bringen.

Zwischen den Pfeilern wuchert sattes Grün, die Luft ist tropisch-feucht. Im Bus zum Hotel geht Dirk Panter noch einmal den Programmplan durch. Sachsens Wirtschaftsminister bespricht letzte Änderungen: eine Rede hier, eine Absprache dort, dazu der Baufortschritt der TSMC-Fabrik in Dresden. Draußen ragt der Taipei 101 zwischen den Hochhäusern auf, hundert Roller stehen an der Ampel, und wenn sie auf Grün springt, setzen sich alle zugleich in Bewegung.

Auf den Nachtmärkten schieben sich die Menschen durch enge, neonbeleuchtete Gassen, es riecht nach Sojasoße, gedämpften Teigtaschen und Stinktofu, der seinen Namen zu Recht trägt. Trotz des Trubels wirkt vieles geordnet. Die Metro ist sauber und pünktlich, aggressives Gedränge bleibt aus. Unter dem Sakko klebt das Hemd am Rücken, sobald man aus der klimatisierten Bahn steigt.

Ein Land, an dem die Weltwirtschaft hängt

Der Grund, warum eine sächsische Delegation einen 13-Stunden-Flug auf sich nimmt, liegt in den Chips. Der Halbleiterhersteller TSMC macht allein knapp 15 Prozent der taiwanesischen Wirtschaftsleistung aus und steht für rund elf Prozent des Energieverbrauchs des Landes.

Der Konzern plant in den kommenden sechs bis sieben Jahren 15 neue Fabriken. Bei der reinen Produktionskapazität hält Taiwan knapp die Hälfte des Weltmarkts; bei den fortschrittlichsten Chips ist es mit mehr als 90 Prozent nahezu konkurrenzlos. Neben TSMC prägen Namen wie Foxconn und MediaTek die Industrie.

Diese Konzentration ist Taiwans Stärke und zugleich sein größtes Risiko. Ein militärischer Konflikt in der Straße von Taiwan würde nicht nur die Insel treffen, sondern ganze Industriezweige weltweit zum Erliegen bringen – von der Automobilproduktion bis zur Rüstung. Wer heute über Lieferketten spricht, kommt an dieser Insel nicht vorbei.

Immer gut für einen Mitternachtssnack: Die verschiedenen Nachtmärkte der Stadt sind bei Einheimischen und Touristen sehr beliebt.

Immer gut für einen Mitternachtssnack: Die verschiedenen Nachtmärkte der Stadt sind bei Einheimischen und Touristen sehr beliebt.

© Oliver Foerstner/Imago/imagebroker

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Die Auftragsbücher sind für die nächsten zwei Jahre gefüllt, die Hersteller müssen ihre Kapazitäten erweitern. „Herausfordernd bei einer Insel, die zu zwei Dritteln aus Bergen besteht“, merkt eine Delegationsteilnehmerin an. Angetrieben wird der Boom vom Bedarf an Rechenleistung für Künstliche Intelligenz.

Taiwans Gesamtexporte erreichten zuletzt rund 640,7 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 34,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Handelsüberschuss verdoppelte sich beinahe auf 157 Milliarden Dollar, Elektronik und Maschinen machen mehr als 80 Prozent der Ausfuhren aus. Beim Aufbau von Rechenzentren, heißt es vor Ort, sei Taiwan „ganz weit vorn dabei“.

Bemerkenswert ist die Verschiebung der Handelsströme. Die USA haben China als wichtigsten Exportmarkt abgelöst und stehen inzwischen für ein Drittel der Ausfuhren. Die Exporte nach Festlandchina und Hongkong legten moderater zu; der chinesische Anteil ist strukturell rückläufig. Europa hingegen fiel mit 6,4 Prozent auf ein historisches Tief. Der bilaterale Handel zwischen Deutschland und Taiwan lag im ersten Quartal 2025 bei rund fünf Milliarden Dollar, ein Plus von zwei Prozent.

Zwischen Peking und Washington

So dynamisch die Wirtschaft ist, so angespannt bleibt die politische Lage. Deutsche Offizielle, die auf der Insel leben und arbeiten, berichten von Manövern der chinesischen Marine vor der Küste, von Cyberangriffen und dem Versuch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. In Deutschland entstehe dadurch schnell der Eindruck, die Insel stehe kurz vor einer Invasion, sagt die Mitarbeiterin einer Handelsgesellschaft. Wahrscheinlicher als ein Einmarsch sei jedoch eine Blockade der Versorgungsrouten.

Für die USA ist Taiwan als Teil der ersten Inselkette von hohem strategischen Wert, um chinesische Ambitionen im Pazifik einzudämmen. Die Zusammenarbeit wird enger – auch wenn US-Präsident Donald Trump zuletzt weitere Waffenlieferungen auf Eis legte.

Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (M.) traf sich für einen wirtschaftlichen Austausch in Taipeh mit taiwanesischen Offiziellen.

Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (M.) traf sich für einen wirtschaftlichen Austausch in Taipeh mit taiwanesischen Offiziellen.

© SMWA

Deutschland unterhält keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan, da es an der Ein-China-Politik festhält und allein die Volksrepublik als souveränen Staat anerkennt. Faktisch übernimmt das Deutsche Institut Taipei konsularische Aufgaben von der Visavergabe bis zur Wirtschaftsförderung, ohne den Status einer Botschaft zu besitzen. Seine Belegschaft wurde in den vergangenen Jahren verdreifacht – ein Indiz dafür, wie das wachsende Interesse mit den formalen Grenzen der Beziehung austariert wird.

Der weltweit dominierende Halbleiterhersteller TSMC hat seine Zentrale in Hsinchu, rund 100 Kilometer westlich von Taipeh.

Der weltweit dominierende Halbleiterhersteller TSMC hat seine Zentrale in Hsinchu, rund 100 Kilometer westlich von Taipeh.

© STR

Innenpolitisch verläuft die entscheidende Linie zwischen zwei Lagern. Die regierende DPP betont die eigenständige Identität Taiwans und lehnt es ab, Teil eines von Peking geführten China zu sein; Peking bezeichnet sie als „separatistisch“. Die oppositionelle KMT steht historisch für die Idee eines gemeinsamen China und für eine Annäherung an die Volksrepublik – von Anhängern der DPP als „Ausverkauf“ kritisiert. Verständigt hat man sich vorerst darauf, den Status der „Selbstregierung“ zu wahren. Zwei Drittel der Bevölkerung geben an, sich als Taiwaner zu fühlen.

Vertraute Debatten

Auffällig ist, wie sehr Taiwan Deutschland in einigen Fragen ähnelt. Auch hier verläuft eine gesellschaftliche Konfliktlinie durch die Energiepolitik. Die KMT befürwortet Atomkraft als Weg zu mehr Souveränität, die DPP setzt auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Zugleich ist Taiwan bei seiner Energieversorgung zu rund 90 Prozent von Importen an Kohle, Erdöl und Flüssiggas abhängig. Die Versorgungskrise infolge des Iran-Krieges konnte das Land dank seiner soliden Finanzlage verkraften.

Ähnlich vertraut wirkt die demografische Entwicklung. Mit 0,7 Kindern pro Frau hat Taiwan eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Fachleute warnen bereits vor den Folgen für den Immobilienmarkt. In abgelegenen Vororten und bei älteren Gebäuden könnten die Preise fallen, während die Zahl der Käufer sinkt und immer mehr geerbte Wohnungen auf den Markt kommen. Arbeitskräfte für Schwerindustrie, Landwirtschaft und Hochseefischerei kommen zunehmend aus Vietnam, den Philippinen und Indonesien.

Sachsens eigener Draht nach Taipeh

Was diese Reise besonders macht, ist die Rolle eines einzelnen Bundeslandes. Sachsen betreibt seit 2020 ein Verbindungsbüro in Taipeh, allein in diesem Semester schrieben sich dort 50 sächsische Gaststudenten ein, Tendenz stark steigend. Inzwischen bestehen 49 Hochschul- und 16 Forschungskooperationen sowie acht kommunale Partnerschaften. Im sächsischen Wirtschaftsministerium wird mit Alexander Ahrens erstmals ein Sonderbeauftragter für die Beziehungen zu Taiwan eingesetzt.

Kultureller Austausch: sächsische Tanzschüler bei einer Aufführung in Taipeh

Kultureller Austausch: sächsische Tanzschüler bei einer Aufführung in Taipeh

© OAZ

Sachsen ist Vorreiter im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“, sagt auch Karsten Tietz, Direktor des Deutschen Instituts in Taipeh. Dass das Label „Made in Germany“ trotz der Wirtschaftsflaute daheim gefragt bleibt, belegen die Zahlen: 89 Prozent Zustimmung in Taiwan. Siemens ist mit allen Geschäftsfeldern präsent.

Und deutsche Firmen bleiben, wie eine Analystin von Germany Trade & Invest vor Ort erläutert: „Viele deutsche Unternehmen gehen derzeit nicht davon aus, dass es zu einer direkten militärischen Konfrontation kommen wird.“ Man beobachte die Lage genau, doch der Halbleitermarkt sei zu wichtig, um ihm fernzubleiben. Wer investiert, muss allerdings einen Teil der eigenen Ingenieure mitbringen, damit diese den kritischen Sektoren der taiwanesischen Wirtschaft nicht fehlen.

Engagiert sich seit Jahren für den kulturellen Austausch mit der Inselnation: Norbert Kegel aus Radebeul.

Engagiert sich seit Jahren für den kulturellen Austausch mit der Inselnation: Norbert Kegel aus Radebeul.

© OAZ

Wie die OAZ aus Delegationskreisen erfuhr, laufen Gespräche über eine Direktverbindung zwischen Taipeh und Ostdeutschland. Der Flughafen BER habe intern Interesse signalisiert, Gespräche mit Luftverkehrsunternehmen und Behörden sollen in den kommenden Wochen beginnen. Auch im Rüstungsbereich rücken beide Seiten näher zusammen. In wenigen Wochen wird ein hochrangiger Verteidigungspolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Taipeh erwartet; deutsche Rüstungsfirmen waren im September erstmals mit einem eigenen Pavillon auf der Messe TADTE vertreten.

Ode an die Freude

Dass diese Annäherung nicht allein wirtschaftlich gedacht ist, zeigt ein Besuch in einem Tanzstudio. Kinder und Jugendliche der Radebeuler Tanzschule MuNo sind zu Gast, tanzen akrobatisch zu einer Neufassung von Beethovens „Ode an die Freude“, während im Hintergrund Bilder der Dresdner Altstadt laufen. Der Tanzlehrer Norbert Kegel, Geschäftsführer des Projekts „Saxony meets Taiwan“, war in diesem Jahr bereits zweimal auf der Insel.

Wir wollen unsere Partnerschaft auch auf kultureller Ebene vertiefen“, kommentiert Panter die Tanzeinlage. „Wir wollen zum Taiwan-Hub Europas werden.“ Auch der Inselstaat selbst will seine Soft Power in Europa ausbauen; allein in Sachsen ist die Gründung von vier sogenannten Taiwan-Zentren geplant. „Vielen Eltern ist noch gar nicht bewusst, wie präsent Taiwan in den kommenden Jahren in Sachsen sein wird“, sagt Kegel.

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