Strukturwandel

Zukunftsregion Lausitz: Von der Kohle zur Krebstherapie

Eine Region erfindet sich neu. 30 Milliarden Euro sollen in eine Gurkenwelt und in Hightech-Medizin investiert werden, dazwischen wächst Europas modernstes Rechenzentrum. Ein Zwischenbericht.

Ines Mallek-Klein
Ines Mallek-Klein
10 Min
Elf Milliarden Euro investiert die Firma Schwarz Digits auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände in Lübbenau. Privatwirtschaftliches Engagement, das sich die Verantwortlichen auch an anderer Stelle in der Region wünschen – gerne auch ein paar Nummern kleiner.

Elf Milliarden Euro investiert die Firma Schwarz Digits auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände in Lübbenau. Privatwirtschaftliches Engagement, das sich die Verantwortlichen auch an anderer Stelle in der Region wünschen – gerne auch ein paar Nummern kleiner.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Die Sonnenblumen tragen schwer an ihren reifenden Kernen in der Kleingartensparte „Freizeit 73“ in Lübbenau. Ländliche Idylle mit sorgfältig gepflegten Gemüsebeeten und Pflaumenbäumen, die ihre Besitzer für den richtigen Astschnitt belohnen. Eine Oase in der schönen Spreewaldstadt, die für ihre Kahntouren auf den seichten Kanälen mindestens genauso bekannt ist wie für ihre Gurken.

Die sollen sogar eine eigene Welt bekommen am Bahnhof der 16.000-Einwohner-Stadt. Lübbenau und die Wohnungsbaugesellschaft im Spreewald, kurz WIS, nehmen sich des Projekts an. 30 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Sie stammen aus dem Strukturwandelfonds, mit dem neue Perspektiven geschaffen werden sollen für die Zeit nach dem Braunkohleabbau. Es ist ein üppiges Budget für ambitionierte Pläne. Auf einer Fläche von 12.000 Quadratmetern, fast so groß wie zwei Fußballfelder, soll hier eine Erlebnis- und Einkaufswelt mit Manufakturen und Fahrgeschäften rund um die Gurke entstehen. Und mittendrin wird eine 30 Meter hohe Riesengurkenpflanze wachsen, die selbst vom vorbeifahrenden Zug aus zu sehen sein soll.

Ein Standort ist auch schon gefunden. Die „Mutter aller Gurkenpflanzen“ soll auf dem Areal des alten Lokschuppens ranken. Das rote Backsteingebäude steht seit Jahren leer. Die Scheiben sind blind oder wahlweise zerborsten. Arbeitsbühnen im Inneren und eine Grube, umrahmt von Schienen, lassen erahnen, wie hier einst große Lokomotiven gewartet wurden. Das ist Jahrzehnte her. Seitdem sucht die Stadt nach einer Nachnutzung und hat schon während der Corona-Zeit die Idee der Gurkenwelt entwickelt.

Noch ist das Funktionsgebäude in der Marina Sedlitzer Bucht nicht ganz fertig. Es soll 2027 in Betrieb gehen, aber erste Boote machen hier trotzdem schon fest. Der Sedlitzer See wurde erst in diesem Jahr für eine Nutzung freigegeben.

Noch ist das Funktionsgebäude in der Marina Sedlitzer Bucht nicht ganz fertig. Es soll 2027 in Betrieb gehen, aber erste Boote machen hier trotzdem schon fest. Der Sedlitzer See wurde erst in diesem Jahr für eine Nutzung freigegeben.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Nach dem Vorbild von Karls Erdbeerdorf unken einige Kritiker des Projekts. Sie haben ernsthafte Zweifel, dass eine saure Gurke genauso viel Anziehungskraft wie eine süße Erdbeere haben kann. Befürworter des Projekts, und dazu gehört Lübbenaus Bürgermeister Helmut Wenzel (parteilos), der schon seit 2000 im Amt ist, sehen in der Gurkenwelt eine weitere und vor allem ganzjährig funktionierende Attraktion im Spreewald.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Die Region hat viele Jahre vor allem von der Braunkohle profitiert. Doch auch da war der Spreewald schon ein beliebtes Reiseziel für Tages- oder Kurzausflüge. Der Wirtschaftszweig soll weiterwachsen, nicht nur in Lübbenau, sondern in der gesamten Lausitz. „Wenn wir wollen, dass die Leute hierherkommen, müssen wir ihnen etwas bieten. Die Gurkenwelt ist ein solches Angebot“, sagt der Stadtchef. Und man ist auf gutem Weg. Allein im ersten Halbjahr 2026 zählten die Touristiker rund 907.000 Übernachtungen, bis Jahresende sollen es rund zwei Millionen werden. Besonders auffällig ist dabei der wachsende Anteil ausländischer Besucher. Ihre Zahl legte zuletzt um 20 Prozent zu.

300.000 Gäste will die Gurkenwelt in der Lausitz jährlich empfangen. 100 Menschen sollen hier eine neue Beschäftigung finden. Kritiker fragen sich, woher angesichts des Fachkräftemangels die Arbeitskräfte kommen sollen. Sie warnen zudem vor einem ernsten Verkehrs- und Parkplatzproblem in der Stadt. Lübbenau vertrage nicht noch mehr Tourismus, war ein Argument von Michael Köhler (FDP), der den amtierenden Bürgermeister Wenzel 2024 bei der Wahl herausforderte. Er sah zudem im Eigenanteil der Stadt von drei Millionen Euro eine übermäßige Belastung des Haushaltes, verwies auf die Folgekosten und sah sich als Ortsvorsteher von Ragow in der Pflicht, vor einer Vernachlässigung der Ortsteile zu warnen. Die Einwohner jedoch folgten Wenzel. Mehr als 64 Prozent gaben dem langjährigen Stadtchef ihre Stimme.

Der Beauftragte des Ministerpräsidenten für die Lausitz, Klaus Freytag (r.) besucht die Brandenburgische Technische Universität Senftenberg-Cottbus, an der das von Professor Küpper (M.) geleitete Forschungsprojekt AVantiLT zu Hause ist.

Der Beauftragte des Ministerpräsidenten für die Lausitz, Klaus Freytag (r.) besucht die Brandenburgische Technische Universität Senftenberg-Cottbus, an der das von Professor Küpper (M.) geleitete Forschungsprojekt AVantiLT zu Hause ist.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Die Gurkenwelt Lausitz soll Ende 2028 eröffnen. Ein ambitionierter Plan, wenn man bedenkt, dass in der unmittelbaren Nachbarschaft gerade ein weiteres Großprojekt läuft. Für 265 Millionen Euro bekommt die knapp 30 Kilometer lange Bahnstrecke zwischen Lübbenau und Cottbus ein zweites Gleis. Eine Investition, die auch größtenteils aus den Strukturfördermitteln finanziert wird. Es geht um eine bessere Anbindung, aber auch um die Möglichkeit, zur Arbeit in der Region abseits der Ballungsräume zu gelangen. Dafür soll in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs für rund 25 Millionen Euro der Green Hub Coworking Space entstehen.

Ein Gebäude mit vier Geschossen und 3000 Quadratmetern Nutzfläche, das Raum für 150 Arbeitsplätze bietet. Die liegen dann direkt an der Bahntrasse zwischen Berlin und Cottbus. Das Angebot richte sich an Berufspendler, aber auch an Selbstständige, sagt Bürgermeister Wenzel. Grün ist hier nicht nur der Name. Die Pläne sehen in den Bau integrierte Pflanzen vor, die für ein gutes Raumklima sorgen. Es wird Einzelarbeitsplätze, aber auch Konferenzräume geben. Der Ort kann zum Netzwerken genutzt werden, „auch von unseren ortsansässigen Firmen“, so Wenzel. 2027 sollen auf den Schreibtischen des Coworking Space die ersten Laptops aufgeklappt werden. Die Bauarbeiten haben schon 2025 begonnen.

Kräne drehen sich auch auf der anderen Seite der Kleingartensparte. Sie überragen die grünen, frisch geschnittenen Hecken und lassen große, graue Gebäuderiesen in die Höhe wachsen. Hier entsteht gerade Europas modernstes Rechenzentrum. Die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, zu der auch die Supermarktkette Lidl gehört, plant hier die größte Einzelinvestition ihrer Geschichte. Für insgesamt elf Milliarden Euro wird hier in zwei Bauabschnitten ein Mega-Rechenzentrum gebaut. Teil eins soll schon im kommenden Jahr ans Netz gehen.

Trainingszentrum für die KI

Wer die Baustelle besucht, bekommt Schuhe, Weste und Helm, verbunden mit den mahnenden Worten, sich nicht unter freischwebenden Lasten zu bewegen und auf den Baustellenverkehr zu achten. Und den gibt es hier reichlich auf dem insgesamt 13 Hektar großen Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks in Lübbenau.

Der Unternehmensbereich Schwarz Digits setzt auf eine modulare Bauweise. Alle Geschosse innerhalb der sechs Gebäude und auch die Häuser selbst sind identisch. Ursprünglich sollten alle Immobilien, die im Lego-System mit vorgefertigten Modulen errichtet werden, in einem Bauabschnitt entstehen. Davon sei man wieder abgerückt, weil das Projekt enorme Mengen an Baumaterial und damit Lagerfläche verlange. „Uns fehlte hier schlichtweg der Platz“, sagt Stefan Hees. Er ist Bereichsleiter für Data Center & Compute Services bei Stackit, dem Cloud-Anbieter der Schwarz-Digits-Gruppe, und er leitet derzeit das Großprojekt in der Lausitz.

Die Anschlussleistung wird bei 200 Megawatt liegen. Die Infrastruktur bietet ausreichend Platz und Energie für den Betrieb von bis zu 100.000 Grafikprozessoren, die unter anderem für das Training großer KI-Modelle genutzt werden können. Ein Teil der Fläche wird die Schwarz Digits für ihre eigenen Prozesse brauchen. „Wir stellen aber auch Rechenleistung für externe Partner zur Verfügung“, sagt Stefan Hees. Außerdem sollen sich Kunden hier auch einmieten können.

Der Senftenberger See in Brandenburg ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Ausflugsziel. Mit den Nachbarseen hat er nun attraktive Konkurrenz gekommen.

Der Senftenberger See in Brandenburg ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Ausflugsziel. Mit den Nachbarseen hat er nun attraktive Konkurrenz gekommen.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Sicherheit ist dabei oberstes Gebot. Der Cloud-Anbieter nennt ungern Kunden, aber die Polizei in Baden-Württemberg ist einer. „Sie können sich vorstellen, dass wir damit ganz spezielle Sicherheitsauflagen erfüllen müssen“, so Hees. Und die wurden in den vergangenen Wochen noch einmal angepasst, auch nach zahlreichen Hackerangriffen, unter anderem auf das Berliner Landesnetz. Details will und darf Hees nicht nennen.

Auf der Großbaustelle sind zeitweise bis zu 1300 Arbeiter unterwegs, weit mehr, als der Standort jemals feste Jobs bieten wird. 120 feste Arbeitsplätze sind hier für den Betrieb des Rechenzentrums vorgesehen. Gebraucht werden Cloud-Architekten, Netzwerktechniker und Systemplaner für die Betreuung der bis zu 100.000 KI-Chips, Spezialisten für die komplexe Stromversorgung der 200-Megawatt-Anlage und Experten für die Kälte- und Klimatechnik.

Die Kühlung der Server ist essenziell und sie ruft wegen des vermeintlich hohen Wasserbedarfs auch immer wieder die Kritiker der Megarechenzentren auf den Plan. Man nutze hier das Direct Liquid Cooling, erklärt Stefan Hees. Dabei liegen speziell geformte Kupferplatten, sogenannte Kühlbausteine, direkt auf den heißen KI-Prozessoren. Die Platten haben feine Kanäle, durch die fortlaufend kühles Wasser transportiert wird. Das nimmt die Hitze des Chips sekundenschnell auf und wird dann aus dem Serverraum herausgepumpt. Es erwärmt sich dabei auf über 50 Grad Celsius und wird direkt in das Fernwärmenetz von Lübbenau eingespeist. „Wir brauchen damit nicht ständig neues Wasser, sondern nur eine Erstbefüllung des Kreislaufs“, erklärt Stefan Hees.

Die Nachbarn des gigantischen Rechenzentrums müssten auch keine Sorge vor einer Lärmbelastung durch Lüfter oder Ventilatoren haben. „Die Bauarbeiten jetzt sind definitiv lauter“, so Hees.

Über mangelndes Interesse an dem Projekt kann Stefan Hees nicht klagen. Für Klaus Freytag, den Lausitz-Beauftragten des brandenburgischen Ministerpräsidenten, ist das Mega-Rechenzentrum ein Leuchtturm, der hoffentlich noch weitere Investoren anlockt. Und auch aus Berlin schaut man aufmerksam auf den Fortgang der Bauarbeiten. Die Bundespolitik sieht in der gigantischen KI-Infrastruktur einen essenziellen Baustein, um Deutschland und Europa aus der Abhängigkeit von den amerikanischen Technologiekonzernen Microsoft, Google und Co. zu holen. Hier in Lübbenau entstehe ein „sicherer europäischer Hafen“ für sensible Daten von Behörden, Industrie und Gesundheitseinrichtungen. Dass der nun ausgerechnet dort entsteht, wo früher die Kohle verstromt wurde, und er seinen Energiebedarf ausschließlich mit grünem Strom deckt, setzt noch dazu ein wichtiges Signal: Die Energiewende in der Lausitz ist auf dem Weg.

Auf den Weg hat sich auch Sarah Kammerer gemacht. Die Doktorin der Wissenschaft, kurz Dr. scient. med., ist aus Südtirol in die Lausitz gekommen, nicht wegen der Landschaft, sondern wegen der beruflichen Möglichkeiten, die sich hier bieten. Sarah Kammerer lässt sich im Labor der BTU Cottbus-Senftenberg über die Schulter schauen. Vor ihr liegt eine Mikrotiterplatte. Sie erinnert mit ihren vielen kleinen Quadraten an eine Eiswürfelbox im Miniaturformat. In den kleinen Kammern sind Zellen eines Lebertumors, auf die Algenextrakt pipettiert wurde. „Je dunkler die Farbe, je höher ist die Konzentration der Algen“, erklärt die Wissenschaftlerin, die an der Universität in Graz promoviert hat.

Der Extrakt stammt von der Spirulina-Alge. Sie könnte helfen, ganz gezielt Tumorzellen zu zerstören. Ob das funktioniert, untersucht das Forschungsprojekt AVantiLT. In Kooperation mit der Carbon Biotech GmbH testen die Teams um Professor Jan-Heiner Küpper und Professor Ingolf Petrick das Potenzial von Limnospira-Algenextrakten zur Bekämpfung von Leberkrebs. Unterstützt wird das Vorhaben durch das Bundesforschungsministerium mit rund 1,85 Millionen Euro bis 2027.

Von der Lausitz bis nach Afrika

Erste Ergebnisse zeigen, dass der Algenextrakt wirkt. Allerdings ist noch nicht klar, welcher Stoff genau für die Tötung der Krebszellen verantwortlich ist. Als heißester Kandidat gilt das darin enthaltene Phycocyanin, ein natürlicher, tiefblauer Proteinfarbstoff. In einem zweiten Schritt muss getestet werden, wie der Extrakt auf gesunde Zellen wirkt.

Erst wenn das Zusammenspiel dieser Tests eindeutig beweist, welche Moleküle den Krebs zielsicher treffen, kann das therapeutische Potenzial mathematisch und medizinisch exakt eingeschätzt werden. Bis zur Zulassung des Medikaments dauert es dann noch einige Zeit, und das kostet im Schnitt eine Milliarde Euro, sagt Professor Dr. Jan-Heiner Küpper, der das Projekt seit 2022 leitet.

Und er denkt größer. Die Algen, aus denen der Extrakt gewonnen wird, müssen gezüchtet werden, und das geschieht bislang in der Oberlausitz und ist recht teuer. Es braucht viel Licht. Deshalb soll mittelfristig die Algengewinnung dort stattfinden, wo ausreichend Sonne scheint. In Namibia gibt es schon Partner, aber das wird nicht der einzige Produktionsstandort für die Spirulina-Alge bleiben, versichert Küpper. Das winzige, nur wenige Mikrometer große Wasserlebewesen hat also das Potenzial, den gigantischen Strukturwandel in der Lausitz maßgeblich mitzubestimmen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner