Das Wasser vor der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz glitzert verführerisch blau. Erfrischend sieht es aus. Auf dem zugigen, trockenen Platz vor dem monumentalen Architekturdenkmal wirkt es auch ein bisschen deplatziert. Aber das gehört wohl zur Botschaft. „Fickt euch“, steht dann auch theaterdonnernd mit riesigen Lettern an eine Bretterwand geworfen am Beckenrand. Um Ästhetik und städtische Infrastruktur geht es hier nicht mehr.
„Großartig“, findet das Thomas Krüger. Die ganze Aktion, der erste Wurf des neuen Theaterintendanten Matthias Lilienthal, dieses sogenannte Volksbad, gefällt ihm. Auch demokratietheoretisch sei das höchst interessant, sagt er. Aus einem Gemeingut wie dem kostenlosen Schwimmen wird plötzlich ein linkes Projekt. Linkes Theater, linkes Wasser. Und dann kostet das auch noch viel Geld.
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Das Geld war schon ein Aufreger. Aber als die Theaterleute ihre Bahnen auch noch zeitweilig für marginalisierte Gruppen reservieren wollten – zunächst für Schwarze Jugendliche –, triggerte das die rechte Seite des politischen Spektrums. Und ruckzuck stand das Thema im grellen Scheinwerferlicht.
Früher war Thomas Krüger einmal Senator für Jugend und Familie in dieser Stadt. Für die SPD. Später noch Bundestagsabgeordneter. Er hat in der DDR eine Ausbildung zum Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung in Fürstenwalde absolviert, Evangelische Theologie studiert und engagierte sich für Bürgerrechte. Im Wendejahr 1990 war er Ost-Berliner Stadtrat für Inneres. Alles lange her.
Jetzt ist Thomas Krüger 67 Jahre alt. An einem Tag in diesem Hochsommer sitzt er in einem Café in Wilmersdorf – das Hemd, das er trägt, hat dieselbe Farbe, wie der Tisch vor und die Sitzbank hinter ihm. Weinrot. Man erkennt kaum, wo Thomas Krüger endet und die Umgebung beginnt. Aber Konturlosigkeit konnte man Thomas Krüger noch nie vorwerfen. „Man muss sich involvieren, mit anderen Positionen konfrontieren, nur so kommt man weiter“, sagt er und spricht von Mut, Optimismus, einem Auf und Ab, das ihn interessiert.
Und das ist es, was Krüger gerade jetzt zu einem interessanten Gesprächspartner macht.
Ein halbes Jahrhundert Bundeszentrale für Politische Bildung
In den letzten 25 Jahren war Krüger Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, einer Bundesbehörde, deren Kernaufgabe es ist, demokratisches Bewusstsein zu fördern. Von rechts im politischen Spektrum wird der Institution vorgeworfen, linke Schlagseite zu besitzen. Die AfD in Sachsen-Anhalt – vom dortigen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft – würde die Landeszentrale gern auflösen und in ein Instrument zur deutschen Brauchtumspflege verwandeln. So äußerte sich ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Januar.
Krüger hat in seiner Zeit an der Spitze der Behörde einige populäre Dinge hervorgebracht, zum Beispiel hat er mit anderen den Wahl-O-Mat erfunden, eine Website, die heute vor Wahlen Millionen Menschen nutzen, um die Angebote der antretenden Parteien mit den eigenen Überzeugungen zu vergleichen.
Theaterdonner auf der Bretterwand: Dahinter befindet sich das sogenannte Volksbad der Berliner Volksbühne.
© IMAGO
Seit einem Jahr ist Thomas Krüger im Ruhestand. „Ein kalter Entzug ist das“, sagt er und in Anbetracht der vielen so unterschiedlichen Tätigkeiten und Verantwortungen in seinem Berufsleben kann man den Schmerz nachfühlen. Er hat plötzlich Zeit und viel zu viel Energie. Unter anderem deshalb engagiert er sich nun als Vorsitzender des Vereins „Friends of Rosa“. Das ist der Förderverein der Volksbühne.
Er ist also dicht dran an der Planschgeschichte, wie Krüger den Pool vor dem Theater nennt. Das Schwimmbecken sei ja als Reflex auf die schlechte Bädersituation in der Stadt gedacht gewesen, sagt er. Als ein Hinweis auf Kinder, die keinen Schwimmunterricht bekommen, Personalmangel, Schließzeiten. Lilienthal zeigte: Man kann etwas tun, einen Pool vor das eigene Haus stellen. Da schaut mal her. Dann liefen allerdings ein paar Influencer und Politiker Sturm gegen das bisschen Wasser – wegen der reservierten Stunden. Die AfD sprach von „Rassentrennung auf Staatskosten“.
Diskriminierung von Weißen
„Absurder Quark“, findet Krüger, dass Weiße, also die Mehrheitsgesellschaft, sich nun hier diskriminiert sehen. Diskriminierung – Gegendiskriminierung: Das große Getöse ums Volksbad sieht Krüger allerdings als Glücksfall für die Stadt. Das System glitscht, so nennt Thomas Krüger die Abweichung von der Norm beim Volksbad. Die Ordnung, etwa das Baurecht, biete überall Spielräume, die Bürger nutzen könnten. So entstünden soziale Räume, in denen man sich verwirklichen könne.
„Wir haben in unseren demokratischen Verfahren zu wenig Dissensorientierung. Dissens ist eine hohe Qualität von Demokratie“, sagt Krüger. Das zu erkennen, fällt vielen Menschen allerdings schwer. Eigentlich wird doch ständig und überall gestritten. Anstrengend und nervig ist das. „Das würde ich bezweifeln“, sagt aber Krüger. Kulturell motivierte Fragen wie das Gendern zum Beispiel setzten ja nicht an den ökonomischen Interessenlagen an. „Gefühlte Politik ist das. Ich fühle mich schlecht, wenn ich anders angesprochen werde. Tatsächlich ist die Gesellschaft aber gar nicht voll polarisiert. Gerechtigkeit zum Beispiel ist für drei Viertel der Bevölkerung ein wichtiges Thema, sie stimmen zu, dass es gerechter zugehen muss, egal, was sie wählen. Das ist ein übergreifender Konsens.“
Krüger bezieht sich auf den Soziologen Steffen Mau, der von Polarisierungsunternehmern spricht, die über kulturelle Kontroversen einen scheinbaren Dissens erst erzeugen.
Wahlen in drei Bundesländern
In diesem Monat wird in drei Bundesländern gewählt, unter anderem in Berlin. „Fünf Parteien, alle um die 15 bis 20 Prozent, das ist demokratisch gesund. Ich mache mir gerade keine großen Sorgen um die Stadt“, sagt dazu Krüger. Nur, wo die politischen Schwerpunkte gesetzt werden, müsse besprochen werden. Studenten, Wissenschaftler, Künstler seien die Treiber in dieser Stadt. In Zeiten knapper Kassen, wo es weniger zu verteilen gibt, dort zu kürzen, findet er falsch.
Alle starren seit Monaten auf Sachsen-Anhalt, wo an diesem Sonntag die Stimmen abgegeben werden und die AfD den Nerv weiter Teile der Bevölkerung getroffen zu haben scheint, wenn man den Umfragen glaubt. Das ist für andere schlicht der Untergang des Abendlandes. Eine Schicksalswahl sehen manche.
Anmaßung oder Selbstbehauptung? Über die Aktionen der Klimakleber wurde nachdrücklich gestritten.
© Michael Kuenne
Nach Thomas Krüger ist dieser Streit allerdings gar nicht substanziell. Die meisten Leute seien mit ihrem Leben ja gar nicht unzufrieden. Drei Viertel sprächen sich voll für die Demokratie aus, aber viele Menschen hätten kein Vertrauen mehr in die Verwaltung, in die Staatsapparate.
Auch gefährlich, sollte man meinen. Wer soll die Probleme wegschleppen, wenn nicht die Verwaltung? Das sieht Krüger auch so. Umso wichtiger findet er die Ebene, wo jeder selbst wirksam werden kann, wo er oder sie Müll trennt, anders wohnt, reist, sich ernährt, arbeitet, sich positioniert und etwas beiträgt zum politischen Leben.
Krügers Spielwiese ist die Ebene dazwischen, zwischen Bürger und Staatsapparat. Mit dem Förderverein will er zum Beispiel auf die Debatte rund ums sogenannte Volksbad gern reagieren. Ein Projekt wird diskutiert, wo es im Kern um die Demokratie gehen soll, um Potenziale für Veränderung. „Denn es gibt ja überall diese Spielräume. Verwaltungen haben Ermessensspielräume.“ Man müsse sie nur sichtbar machen, damit Bürger ihre Möglichkeiten erkennen und Gelegenheiten zur Einflussnahme nutzen könnten.
Das Informationsfreiheitsgesetz biete etwa Spielräume. Die Internetplattform FragDenStaat habe das mustergültig sichtbar gemacht. Sie unterstütze Bürger dabei, Anfragen an Behörden zu stellen und die Verwaltung müsse sich dann damit auseinandersetzen. Weil massiv viele Anfragen gestellt würden und das die Verwaltung blockiere, müsse sich die Verwaltung eben verändern, konzilianter werden, zugänglicher. So sieht Krüger das. „Und außerdem, Theater, Schwimmbäder, Behörden sind ja auch alles Institutionen, die genutzt werden können. Entscheidend ist die Frage, wie wichtig uns diese Institutionen sind. Nur träge Apparate, die verzichtbar sind? Ich glaube nicht. Ohne sie wäre unser Leben viel ärmer“, sagt Krüger.
Thomas Krüger am Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf.
© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung
Sein Blick fällt auf den Ludwigkirchplatz vor der Tür des Cafés. Er wohnt um die Ecke. Seine beiden Söhne sind erwachsen und ausgezogen. Seine Lebensgefährtin wohnt in Prenzlauer Berg. Vielleicht werden sie demnächst zusammenziehen. Das sind so die Sachen, die gerade sein Leben bestimmen. Und trotzdem will er von der Politik nicht lassen.
Vielleicht richten die Friends of Rosa als Antwort auf die krasse Auseinandersetzung ums Volksbad ein Fest für die Demokratie aus. Ein Festival vielleicht, eine Diskursreihe. Es wird auf jeden Fall erst nächstes Jahr etwas. „Wir müssen dann ja auch erst mal Geld besorgen und alles organisieren“, sagt Krüger.
Solche Aktionen liegen Thomas Krüger. Begeistert erzählt er von Menschen, die selbst Poller im öffentlichen Straßenland einzementieren, um Veränderungen im Verkehr zu bewirken. Von Gruppen, die das massenhafte Vernichten von retournierten Paketen aufhalten und die Waren an Bedürftige verteilen.
Angebote vergleichen am Wahl-O-Mat
„In der Demokratie geht es immer darum, sich selbst zu spüren, etwas zu bewegen und wenn es nur ein Millimeter Fortschritt ist. Selbstwirksamkeit ist wesentlich“, sagt Krüger. Er findet es dabei erstaunlicherweise aber nicht problematisch, dass viele Menschen Demokratie einfach nur konsumieren wollen. „Man hat auch ein Recht darauf, nicht zu wählen und zuzuschauen“, sagt er, „aber dass manche dies wiederum bewirtschaften und eine Gesellschaft anstreben, die Demokratie nur für einige wenige bereithält, nur für Deutsche oder nur für Sachsen, das ist die gegenwärtige Herausforderung.“ Extrem wichtig sei es deshalb, die Institutionen zu verbessern und sie auch gesetzlich abzusichern. „Wir unterschätzen den Wert der Institutionen für die Demokratie“, sagt er.
Der Wahl-O-Mat ist genau aus einem solchen Gedanken heraus entstanden. Was verbirgt sich hinter einer Partei? Wie macht man das Angebot transparent und handhabbar?
Wem gehört das Land, auf dem Windräder stehen? Wer profitiert? Ein Windpark in Brandenburg.
© Patrick Pleul/dpa
Ein anderes Beispiel sind die besonders in Ostdeutschland hart umkämpften Windräder. Wem gehört eigentlich das Land, auf dem sie stehen und wer profitiert? Krüger ist der Ansicht, dass der Widerstand gegen die Windräder in dem Moment zusammenbrechen würde, wenn die Leute am Profit beteiligt würden.
Je länger das Gespräch mit Thomas Krüger andauert, umso mehr entsteht der Eindruck, dass mehr politische Bildung fast alle unsere gegenwärtigen Probleme lösen würde. Das allerdings glaubt Krüger nicht. „Man darf sich nicht einbilden, dass politische Bildung die Welt verändert, aber sie kann Situationen herstellen, in denen sich die Menschen als wirksame Player empfinden. Was wir heute erleben, ist aber, dass die Leute gegen das System wählen, weil sie nicht mehr daran glauben, dass das gestaltbar ist.“
Nackt in Berlin
Man kann den Gedanken so fortspinnen: Wenn sie daraufhin das System abwählen, wählen sie gegen ihre eigenen Interessen, obwohl sie das vielleicht selbst wissen. Ein gewisser Irrsinn. „Das ist die Baustelle, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Umso wichtiger ist es, zu erfahren: Wo kann ich etwas ändern und gestaltbar machen.“
Trotz der ganzen Auseinandersetzung mit diesen Themen wirkt Krüger nicht im mindesten resigniert. Eine Persönlichkeitsfrage, sagt er. Die Zeit um 1989 habe ihn stark geprägt, sagt er, damals sei man das Risiko eingegangen, dass sich alles verändert. Das setze eine Bereitschaft voraus, sich neu zu buchstabieren.
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Seine eigene Partei, die SPD, hätte Erneuerung auch dringend nötig, Wahlumfragen prognostizieren vielerorts Grundberührung. „Am Röcheln“, nennt es Krüger und beschreibt sich als immer schon zweifelndes Parteimitglied – allerdings trotzdem voller Überzeugung, in der richtigen Partei zu sein.
In Berlin erinnern sich viele Menschen noch daran, dass er sich für seine Partei sogar einmal ausgezogen hat für ein Wahlplakat. Das war 1994. „Wenn ich in ein Taxi einsteige, fragt mich der Fahrer heute noch, ob ich nicht der Nackte vom Plakat bin“, sagt Krüger. Dass er sich darauf einließ, lässt auf ein gewisses Faible fürs Abenteuer schließen.
Anonym lebt er seitdem jedenfalls nicht mehr, auch wegen seiner vielen Ehrenämter. Im Café am Ludwigkirchplatz wird er prompt auf eins davon angesprochen, eine Auktion zugunsten von Kreuzberger Kindern. „Im Abklingbecken“, so beschreibt er seine Lebenssituation gerade. Als Nächstes will er Präsident des Landesmusikrats in Berlin werden. Der vielen Musiker in der Stadt wegen und der unterschiedlichen Perspektiven, die sie einnehmen. „Viele haben Angst vor anderen Perspektiven, aber das urbane Berlin lebt davon“, sagt Krüger. Er selbst auch. Es ist sein natürliches Habitat.
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