Sanktionen

Trotz neuem US-Sanktionsgesetz: Vierter Russland-LNG-Tanker steuert EU-Werft an

Nur Tage nach Trumps neuem Sanktionsgesetz liegt der nächste Russland-LNG-Tanker vor der EU-Werft Fayard. Warum darf das Unternehmen die Schiffe weiter warten?

6 Min
Mit der „Nikolay Yevgenov“ könnte der nächste Tanker für Russlands Yamal-LNG-Projekt in der EU-Werft Fayard gewartet werden.

Mit der „Nikolay Yevgenov“ könnte der nächste Tanker für Russlands Yamal-LNG-Projekt in der EU-Werft Fayard gewartet werden.

© CC BY-SA 2.0/Kees Torn

US-Präsident Donald Trump hat die Sanktionen gegen Russlands Energiehandel verschärft. Das neue Gesetz nimmt auch das russische Yamal-LNG-Projekt und Schiffe in den Blick, die russische Energie transportieren. Eine erste Überprüfung soll bereits bis zum 18. Oktober erfolgen.

Wenige Tage nach der Unterzeichnung ist nun offenbar ein weiterer Tanker des russischen Yamal-LNG-Projekts auf dem Weg zur dänischen Werft Fayard. Diese gilt als letzte Werft in der EU, die Tanker für Russlands LNG-Handel wartet. Laut Daten des Schiffsdatenanbieters MarineTraffic liegt die „Nikolay Yevgenov“ vor der dänischen Küste unweit der Zufahrt zur Fayard-Werft vor Anker. Es wäre bereits das vierte Schiff der eisgängigen Arc7-Flotte, das seit Ende Juni in der dänischen Werft gewartet wird.

Neues US-Gesetz nimmt Yamal LNG ins Visier

Trump unterzeichnete den „Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act“ am 18. September. Das Gesetz erweitert die amerikanischen Sanktionen gegen Russlands Energiegeschäft. Im Fokus steht dabei auch Yamal LNG – jenes Projekt, für das die bei Fayard gewarteten Arc7-Tanker eingesetzt werden.

Eine zentrale Rolle spielt der russische Energiekonzern Novatek. Er hält 60 Prozent an Yamal LNG und kontrolliert damit das Projekt. Das neue Gesetz verpflichtet den US-Präsidenten, innerhalb von 30 Tagen und anschließend alle 180 Tage zu prüfen, ob bestimmte Personen und Unternehmen die gesetzlichen Kriterien für Sanktionen erfüllen. Dazu zählt ausdrücklich auch ein kontrollierender oder mehrheitlicher Anteilseigner von Yamal LNG.

Welche Folgen daraus konkret für Novatek entstehen, ist noch nicht abschließend geklärt. Nach Angaben von High North News gehen die Einschätzungen von Sanktionsrechtlern darüber auseinander, wie viel Spielraum dem Präsidenten nach einer entsprechenden Feststellung bleibt. Zudem kann Trump aus Gründen des nationalen Interesses eine Ausnahme gewähren. Diese müsste gegenüber dem Kongress schriftlich begründet werden.

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Das neue Gesetz bedeutet allerdings nicht, dass die „Nikolay Yevgenov“ bereits sanktioniert wäre oder die Wartung bei Fayard gegen geltendes Recht verstieße. International gehaltene Tanker fallen nicht automatisch unter US-Sanktionen, nur weil sie russisches LNG transportieren. Washington kann einzelne Schiffe jedoch künftig entsprechend einstufen.

Donald Trump bei der Unterzeichnung des neuen Sanktionsgesetzes am 18. September, das auch Russlands LNG-Geschäft ins Visier nimmt.

Donald Trump bei der Unterzeichnung des neuen Sanktionsgesetzes am 18. September, das auch Russlands LNG-Geschäft ins Visier nimmt.

© Joyce N. Boghosian/B66/Avalon/imago

Dänische Werft wartet weiter LNG-Tanker für Russland

Die „Nikolay Yevgenov“ fährt zwar unter der Flagge der Bahamas und ist nicht in russischem Besitz. Das Schifffahrtsunternehmen Seapeak, das nach eigenen Angaben eine Beteiligung von 50 Prozent an dem Tanker hält, hat ihn jedoch langfristig an Yamal Trade verchartert. Der Vertrag läuft regulär bis Dezember 2045. Damit ist die „Nikolay Yevgenov“ langfristig an das russische Yamal-LNG-Projekt gebunden.

Das Schiff gehört zur sogenannten Arc7-Flotte. Diese Spezialtanker wurden für die extremen Eisbedingungen in der russischen Arktis gebaut und können das LNG-Terminal im sibirischen Sabetta auch im Winter anlaufen. Damit ermöglichen sie Russland ganzjährige LNG-Exporte aus Yamal.

Seit Ende Juni wurden bereits drei Arc7-Schiffe in der Fayard-Werft gewartet: zunächst die „Rudolf Samoylovich“, im Juli die „Georgiy Brusilov“ und Ende August die „Boris Davydov“. Die „Nikolay Yevgenov“ wäre Nummer vier.

Wie viel LNG ein einzelner Tanker zwischen zwei Werftaufenthalten transportieren kann, zeigt die „Boris Davydov“. Nach ihrer vorherigen Wartung bei Fayard im September 2023 beförderte sie laut einer Urgewald-Auswertung von Kpler-Daten 50 Ladungen mit insgesamt 3,65 Millionen Tonnen Yamal-LNG. Anhand europäischer Referenzpreise errechnete die Organisation für das transportierte Gas einen Bruttomarktwert von rund 1,91 Milliarden Euro.

Die Summe entspricht weder Einnahmen des russischen Staates noch Umsatz oder Gewinn der Reederei. Sie beziffert lediglich den geschätzten Marktwert des transportierten Flüssigerdgases.

US-Sanktionen könnten EU-Fahrplan durchkreuzen

Für europäische Unternehmen könnte vor allem entscheidend werden, wie Washington mit Novatek verfährt. Sollte der russische Konzern sanktioniert werden, könnten die Folgen über das Yamal-Projekt selbst hinausreichen. Betroffen sein könnten je nach konkreter Sanktion und Geschäft auch Reedereien, Banken, Versicherer, Werften, Händler, LNG-Terminals oder Käufer, die mit dem Projekt Geschäfte machen.

Damit könnten amerikanische und europäische Regeln auseinanderlaufen. Die EU hat in ihrem 21. Sanktionspaket eine Übergangsregelung geschaffen, die europäischen Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin erlaubt, russisches LNG aus bestehenden Verträgen in Drittstaaten zu transportieren. Die Ausnahme kam vor allem nach Einwänden Griechenlands zustande, dessen Reedereien einen Teil der Arc7-Flotte betreiben.

Eine Sanktionierung Novateks könnte diese Regelung in der Praxis erschweren. Ein europäisches Unternehmen könnte nach EU-Recht beispielsweise weiterhin eine Yamal-Ladung nach Asien transportieren dürfen, zugleich aber mit amerikanischen Sanktions- und Compliance-Risiken konfrontiert sein. Welche Geschäfte davon tatsächlich betroffen wären, hängt von den konkreten US-Sanktionen sowie möglichen Ausnahmen und Genehmigungen ab.

Für Fayard ist dieser Unterschied relevant. Wartungs- und andere Dienstleistungen für Tanker, die russisches LNG transportieren, sollen in der EU ab dem 1. Januar 2027 verboten sein. Die derzeitigen Arbeiten sind nach geltendem EU-Recht noch erlaubt. Neue US-Sanktionen könnten den Druck auf Unternehmen rund um Yamal jedoch schon vorher erhöhen.

Novatek hält 60 Prozent am russischen Yamal-LNG-Projekt (siehe Bild). Sanktionen gegen den russischen Konzern könnten auch Folgen für europäische Geschäftspartner haben.

Novatek hält 60 Prozent am russischen Yamal-LNG-Projekt (siehe Bild). Sanktionen gegen den russischen Konzern könnten auch Folgen für europäische Geschäftspartner haben.

© Novatek

Mehr als 100 EU-Politiker fordern Stopp der Wartungen

Der Streit um Fayard begann lange vor dem neuen US-Gesetz. Im Juli forderten 105 Abgeordnete aus 17 Ländern die Werft in einem offenen Brief auf, keine weiteren Arc7-Tanker anzunehmen. „Hier geht es um die Sicherheit Europas, die Glaubwürdigkeit Dänemarks und die Solidarität mit der Ukraine“, heißt es im Schreiben der EU-Politiker. Auch Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bezeichnete die Wartungsarbeiten als „völlig unverständlich“.

Fayard weist die Kritik zurück. Die Werft betont, keine Geschäftsbeziehungen mit Russland zu unterhalten und weder sanktionierte Schiffe noch Tanker der sogenannten russischen Schattenflotte zu warten. Die Arc7-Schiffe befänden sich im Besitz internationaler Reedereien, die Arbeiten seien nach geltendem EU-Recht legal.

Das Unternehmen verweist zudem darauf, dass Europa selbst weiterhin Flüssigerdgas aus Yamal importiert. Solange die EU dieses Gas beziehe, müssten die dafür eingesetzten Tanker aus Gründen der Sicherheit und des Umweltschutzes regelmäßig gewartet werden. „Wir richten uns nach den Entscheidungen, die Sie als Politiker treffen“, betonte Fayard bereits im Sommer.

Dennoch erklärte das Unternehmen, die Wartung der entsprechenden Schiffe noch in diesem Jahr einstellen zu wollen. Einen konkreten Termin dafür hat Fayard bislang nicht genannt.

Fayard repariert auch dänisches Kriegsschiff

Parallel zu den umstrittenen LNG-Wartungen arbeitet Fayard derzeit für den dänischen Staat. Die dänische Beschaffungsbehörde beauftragte die Werft am 3. September mit der Reparatur der Fregatte „Esbern Snare“. Der Auftrag hat einen Wert von rund 1,71 Millionen dänischen Kronen. Das Kriegsschiff soll bei Fayard ins Trockendock und dort repariert werden.

Damit laufen in der Fayard-Werft zwei Geschäfte nebeneinander: Das Unternehmen repariert ein Kriegsschiff der dänischen Marine und wartet zugleich Spezialtanker, die für Russlands LNG-Exporte aus der Arktis eingesetzt werden. Den einen Auftrag hat Dänemark selbst vergeben. Die anderen Arbeiten kritisiert die dänische Regierungschefin – noch sind sie allerdings legal.

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