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Über den Dächern Berlins: Alfred Torge und die Jagd nach der Sensation

Ungesichert kletterte er in den Zwanzigerjahren auf Brücken und Geschäftshäuser. Die Presse feierte ihn, das Publikum liebte ihn – bis sein Stern verglühte.

Bettina Müller
9 Min
Tollkühne Stückchen: Sensationsartist Torge, Berlin im Jahr 1927

Tollkühne Stückchen: Sensationsartist Torge, Berlin im Jahr 1927

© Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin/Sammlung Alfred Lehmann/Scherl

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Leipzig im Frühjahr 1925. Eine riesige Menschenmenge hat sich vor dem Reichsbankgebäude versammelt. Alle starren nach oben, wo ein junger Mann gerade dabei ist, die Fassade hinaufzuklettern – und das ungesichert.

Alfred Torge schafft es tatsächlich unbeschadet bis hoch in den zweiten Stock, wo er schließlich von einem Polizeibeamten aufgefordert wird, die illegale Aktion abzubrechen und durch das Fenster einzusteigen. Torge weigert sich, doch als der Beamte ihn auf die Folgen seiner Weigerung hinweist, wirft Torge erst einmal nonchalant einen Blumenstrauß in die unten jubelnde Menge – und lässt sich dann von der Ordnungsmacht in das Fenster hineinziehen.

Torge ist für die Polizei kein Unbekannter. In Hannover hat er unter anderem eine 25 Meter hohe Bismarcksäule erklommen, die Polizei kennt daher seine Eskapaden. Alfred Torge ist 20 Jahre alt und träumt von einer Filmkarriere. Sein „Handwerk“ will er in Leipzig, als er in einer Kneipe als „Zapfer“ arbeitete, durch die zahlreichen Artisten, die dort ein- und ausgingen, gelernt haben.

Begnadeter Kletterer, meisterhafter Selbstvermarkter

Nur wenige Wochen später – Torge ist nach Berlin umgesiedelt – kommt es im Juli in der Friedrichstraße vor dem Geschäftshaus „Germania“ zu Tumulten. Wieder bildet sich eine riesige Menschentraube, alle wollen diesen völlig furchtlosen Mann in Aktion sehen. Wieder klettert Torge ohne jegliche Absicherung gen Himmel an der Fassade entlang. Es ist ein typischer Alfred-Torge-Stunt.

Der Artist ist nicht nur ein begnadeter Kletterer, er ist auch ein Meister der Selbstvermarktung, der sich längst für eben solche tollkühnen Taten entschieden hat – mit dem erklärten Ziel, Filmgesellschaften auf sich aufmerksam zu machen. Und diese Taten mussten in diesem turbulenten Jahrzehnt zwingend „sensationell“ sein. Es war die Zeit der „Sensationsprozesse“, der „Sensationen der Straßen“, der „Sensationsfilme“ und so weiter und so fort – ohne Sensationen ging offenbar gar nichts mehr, was der ehemalige Bäckergeselle, der 1905 in Cottbus geboren wurde, völlig verinnerlicht hatte, bis er selber zu einer Art personifizierter Sensation wurde. Die Liste seiner Kapriolen war daher auch sehr lang.

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Jonglierend in schwindelerregender Höhe: Alfred Torge perfektionierte die Inszenierung seiner spektakulären Auftritte.

Jonglierend in schwindelerregender Höhe: Alfred Torge perfektionierte die Inszenierung seiner spektakulären Auftritte.

© Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin/Sammlung Alfred Lehmann, phot. Scherl, Reproduktion: Michael Setzpfandt

Er scheint übermenschliche Kräfte zu haben

1926 springt Alfred Torge aus einem fahrenden Zug von der 15 Meter hohen Stadtbahnbrücke in den Berliner Humboldthafen. Auf dem Winterfeldplatz sprengt er den beschaulichen Wochenmarkt, indem er versucht, die 90 Meter hohe Matthiaskirche emporzuklettern. Er ignoriert die Schutzpolizisten, die schnell anrücken und die Kirche umstellen, und auch die Feuerwehr, die aus Schöneberg herbeigeeilt ist, interessiert ihn nicht die Bohne. Torges hat der Menge noch kurz zugewunken und sich dann bis zur Turmspitze emporgearbeitet. Wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen, wird er von der Polizei, die alles andere als begeistert ist, weil der Mann ihnen schon wieder nur unnötige Arbeit macht, in Empfang genommen.

Die Aktionen werden immer waghalsiger, Torge scheint unantastbar zu sein und übermenschliche (mentale) Kräfte zu haben. Selbst vor der riesigen Siemens-Uhr, dem Wahrzeichen der Siemensstadt, deren Zeiger sich eines Tages partout nicht mehr bewegen will, bis die Verantwortlichen schließlich auf die Idee kommen, den mittlerweile stadtbekannten Artisten um Hilfe zu bitten. Torge fackelt nicht lange und bringt die Sache in schwindelnder Höhe in Ordnung.

Torge wird zum „Fassadengespenst“

Tatsächlich tritt dann ein, was sich Alfred Torge am sehnlichsten gewünscht hat: Er bekommt die erhoffte Filmrolle. Alfred Torge wird zum „Fassadengespenst“, der sich in dem Film unter der Regie von Gernot Bock-Stieber mit einer „verwirrenden Fülle der Sensationen“, wie es in der Filmwerbung treffend heißt, so richtig austoben kann.

Drehbuchautor Curt J. Braun hat den Streifen, der 1927 in die Berliner Kinos kam, völlig auf den „Sensationsdarsteller“ Torge zugeschnitten. In dieser „nicht alltäglichen Geschichte in 6 Kapiteln“ wird der Artist „Contago“ alias Torge durch Zufall Mitwisser eines Aktendiebstahls, der politisch brisant ist. Durch seine Kletterkunst kann er die entwendeten Dokumente zurückholen und so einem Marineoffizier die Karriere retten. Teufelskerl.

Torge hat sein Ziel erreicht, die Presse liebt ihn und das Publikum sowieso. Der Film wird in mehreren Großstädten gezeigt und auch im benachbarten Ausland, und oft darf Torges dabei eine Kostprobe seiner waghalsigen Kunststücke geben. Aber auch für andere Filme, wie zum Beispiel „Die Villa im Tiergarten“ nach dem Roman von Artur Landsberger, bucht man ihn, den „tollkühnen Sensationsdarsteller“, dessen Name ausreicht, um die Menschen in Scharen anzulocken.

Und so steht irgendwann auch ein Kameramann hoch oben über den Dächern von Berlin und filmt Torge, wie er – den Abgrund vor Augen – mit einem Fahrrad auf dem Dachrand entlangfährt. Chapeau! Das muss ihm erst einmal einer nachmachen. Die mediale Aufmerksamkeit ist ihm jedenfalls völlig sicher. Auch Willy Römer fotografiert ihn, wie er einen Fahnenmast hinaufklettert.

Drei weitere waghalsige Filmszenen haben die Zeit ebenfalls als Fotografien überdauert, die in der Online-Sammlung des Berliner Stadtmuseums gezeigt werden. Da sieht man ihn sogar in schwindelnder Höhe beim Jonglieren.

Hoch über den Straßen Berlins fährt der Sensationsartist mit einem Fahrrad auf dem Dach eines Gebäudes.

Hoch über den Straßen Berlins fährt der Sensationsartist mit einem Fahrrad auf dem Dach eines Gebäudes.

© Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin/Sammlung Alfred Lehmann, phot. Scherl, Reproduktion: Michael Setzpfandt

Der Preis der Sensation

Doch es ist auch ein fragiler Ruhm, aufgebaut auf einem gesunden Körper, sowohl physisch als auch mental. Die (wirtschaftlich angeschlagene) Zeit der ausgehenden 1920er-Jahre ist schließlich gegen ihn, der auch schon mal ganz gerne die Spielhallen in Monte Carlo aufsucht, um sein Geld zu verprassen, der Abstieg also in gewisser Weise programmiert.

Zunächst scheint er sich eine vermeintlich gesicherte Existenz aufgebaut zu haben, ist im Berliner Adressbuch als „Sensationsdarsteller“ verzeichnet, der in der Bamberger Straße 14 wohnt. Später betreibt er sogar ein – kurzlebiges – Artisten-Atelier in der Lützowstraße 71. Die waghalsigen Eskapaden Torges werden gefilmt und dann bei Filmfirmen vermarktet. Der dauerhafte Ruhm scheint zum Greifen nahe. Seine Freundin Margot Köpp, mit der er zusammenlebt, unterstützt ihn dabei. Auch sie sucht das Rampenlicht und träumt davon, Miss Germany zu werden.

Darüber, warum Torge schließlich scheiterte, kann nur spekuliert werden, mit Sicherheit wird Geldmangel eine entscheidende Rolle gespielt haben. Im März 1931 hat die Weltwirtschaftskrise längst beängstigende Züge angenommen, die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland beträgt fast fünf Millionen.

Am 23. April 1931 läuft wieder eine Menschenmenge wegen Alfred Torge auf, diesmal in der Charlottenburger Kantstraße. Aber Torge klettert diesmal gar nicht, stattdessen hat er sich als wenig gewiefter Räuber versucht, aus „Geldnot“, wie er vor Gericht aussagen wird. Gibt beim Uhrmacher Winter eine Uhr zur Reparatur, will sie vermeintlich abholen, und als der Uhrmacher sich umdreht, um die Uhr zu suchen, hat der auf einmal einen chloroformgetränkten Schwamm vor dem Gesicht. Doch der renitente Uhrmacher gibt sich nicht geschlagen und kann noch lautstark um Hilfe rufen, bevor er das Bewusstsein verliert.

Der als Räuber wenig gewiefte Torge versucht noch zu fliehen, wird aber zeitnah von der Polizei gestellt und verhaftet. Im Polizeipräsidium sitzt er kleinlaut vor den Beamten – und schweigt beharrlich. Vor allem will er seinen Namen nicht verraten, um der Karriere seiner Freundin keine Steine in den Weg zu legen. Die war im Januar im Europa-Pavillon siegreich aus der lokalen Berliner Vorwahl herausgegangen und hoffte so auf den Miss-Germany-Titel 1931, der dann aber von Daisy d’Ora, die eigentlich Daisy Freiin von Freyberg hieß, gewonnen werden sollte.

Schmutzige Wäsche im Gerichtssaal

Und auch die nächste Menschenmenge, die durch Torge angelockt wird, wünscht keine Kletterakrobatik, sondern Sensationen der etwas anderen Art. Details über die Beziehung zwischen der Schönheitskönigin und dem Artisten – schmutzige Wäsche ist es, was sie wollen. Der Gerichtsprozess wirft aber auch ein ganz anderes Bild auf Torge, nämlich auf die Schwierigkeiten für Artisten in dieser Zeit: unzuverlässige Zirkusdirektoren, gebrochene Versprechen, prekäre Arbeitsverhältnisse, nie eine feste Anstellung, mobil sein bis ins Extrem. Im wahrsten Sinne des Wortes immer am Rande des Abgrunds. Ein Mensch, an dem diese Widrigkeiten aber immer abzuprallen schienen.

Aus Liebe will er dann zum Verbrecher geworden sein, das kann man glauben oder nicht. Gebracht hat es ihm nicht viel, nur die kalte Schulter seiner ehemaligen Flamme und neun Monate Gefängnis. Die ganze Geschichte hätte an dieser Stelle ein Happy End haben können à la: Der vom Gericht offiziell als „infantil“ bestätigte Torge besinnt sich auf seine Bäcker-Kompetenzen, verdient mit seiner Hände Arbeit ehrliches Geld, backt fleißig Brötchen und kehrt auf den ruhigen und besinnlichen Pfad der Tugend zurück. Man ahnt es schon: Nicht mit Alfred Torge!

Doch das nationalsozialistische Regime ist übermächtig und für das gilt Torge auch als Persona non grata, weil er für eine jüdische Filmfirma gearbeitet hat. Verbunden mit der Vorstrafe ist er für sie ein „Schwerverbrecher“.

1934 heiratet er zunächst noch in Berlin, seine Braut ist die Filmschauspielerin Margarete Frieda Ahlers. Das Eheglück ist jedoch nur von kurzer Dauer, Torge sieht in Deutschland für sich keine Zukunft mehr, sein Ruf ist längst perdu. Südamerika soll seine neue Heimat werden, dort will er wieder arbeiten, klettern, frei sein. Ob er jemals dort angekommen ist, man weiß es nicht.

1948 beantragte Margarete Torge die Scheidung. Im Amtsblatt des Berliner Magistrats hieß es lapidar über den Mann, der einmal wegen seines Mutes von vielen Menschen bewundert wurde: „Zur Zeit unbekannten Aufenthalts.“

Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften vor allem über diese Themen: Historischer True Crime; Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik; Reise; Genealogie. Am 8. April ist ihr neues Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche. Mordfälle aus einer unruhigen Zeit (1900–1933)“ erschienen.

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