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Über sieben Brücken zur Freiheit: Karat, Maffay und der Mauerfall

Von Karats Grenzgänger-Song über die Nacht des 9. November 1989 bis zu Leslie Mandoki: ein Essay über Freiheit, deutsche Geschichte und Europas Zusammenhalt.

Hans Christian Rehak-Isenring
5 Min
Dann hob sich der Schlagbaum, und die Brücke wurde wieder, was eine Brücke ist: nicht Grenze, sondern Weg ...

Dann hob sich der Schlagbaum, und die Brücke wurde wieder, was eine Brücke ist: nicht Grenze, sondern Weg ...

© camera 4

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


I. Ein Lied, das über die Grenze ging

Ende der Siebzigerjahre sang die Ostberliner Band Karat einen Satz, den bald das ganze geteilte Land kannte: „Über sieben Brücken musst du gehn.“ 1980 nahm Peter Maffay ihn im Westen auf, und das Lied – im Osten geschrieben – wurde zu einem der wenigen, die beide deutsche Staaten zugleich liebten. Die erste Brücke war ein Lied. Es ging hinüber, als noch kein Mensch hinüberging.

II. Die Nacht auf der Bornholmer Brücke

Neun Jahre später ging ich selbst. In der Nacht des 9. November 1989 stand ich an der Bornholmer Straße, auf der Bösebrücke über den Bahngleisen – jenem Übergang, der als erster geöffnet wurde, Stunden vor allen anderen. Wer dort stand, stand nicht auf einer Metapher, sondern auf Eisen und Beton, zwischen zwei Welten, die sich seit achtundzwanzig Jahren den Rücken kehrten. Dann hob sich der Schlagbaum, und die Brücke wurde wieder, was eine Brücke ist: nicht Grenze, sondern Weg. Ich habe diese Nacht nie vergessen – und misstraue seither jeder Rede, die Freiheit für einen Zustand hält. Freiheit ist kein Ort, den man erreicht; sie ist ein Gang, den man immer wieder tun muss.

III. Der Ungar, der den Koffer packte

Dieselbe Erfahrung, nur früher und von Süden her, machte Leslie Mandoki. 1975 floh der Zweiundzwanzigjährige aus Budapest über den Eisernen Vorhang nach Deutschland – „und dann habe ich den Koffer gepackt“. Fünfzig Jahre später spannt er in „Sehnsucht nach Freiheit“ denselben Bogen, den auch ich kenne: 1956, 1989, 2026. Freiheit, sagt er, gebe es „auf Dauer nicht anstrengungslos“. Man muss nicht jede seiner Zuspitzungen teilen, um den Kern gelten zu lassen.

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IV. Die zweite Grenze – im Süden, bei Retz

Denn 1989 fiel der Vorhang nicht nur in Berlin. Er fiel auch im Süden, leiser, im niederösterreichischen Weinviertel. Nahe Retz, bei Kleinhaugsdorf, durchschnitten die Außenminister Alois Mock und Jiří Dienstbier am 17. Dezember 1989 mit einer Schere den Stacheldraht zwischen Österreich und der Tschechoslowakei – dieselbe Geste wie an der Bornholmer Brücke, nur mit Draht statt Schlagbaum. Gleich dahinter beginnen Mähren und Böhmen. Wer in Retz steht, steht an einer zweiten der sieben Brücken; und von hier aus ist der Weg ins Herz des Kontinents kürzer, als die Landkarte des Kalten Krieges glauben machte.

„Königin Europa“, Holzschnitt 1534; Entwurf: Johannes Putsch (1516–1542); Ausführung: Jost Dennecker (ca. 1485–1544)

„Königin Europa“, Holzschnitt 1534; Entwurf: Johannes Putsch (1516–1542); Ausführung: Jost Dennecker (ca. 1485–1544)

© Museum Retz

V. Die Königin mit dem Herzen in Böhmen

In genau diesem Retz hat sich ein altes Bild erhalten: der Holzschnitt „Königin Europa“ von 1534, nach einem Entwurf des Johannes Putsch, ausgeführt von Jost Dennecker – die früheste bekannte Darstellung Europas als gekrönte Frau. Spanien bildet ihr Haupt, die Donau ihren Gürtel und Böhmen ihr Herz. Dass ausgerechnet das Land zwischen den Welten, die Ahnenheimat auch meiner Familie, im Bild das Herz des Erdteils bildet, hat mich nie mehr losgelassen. Und der älteste Europa-Stoff erzählt ohnehin von einem Übergang: Die Königstochter, über das Meer getragen, kommt aus dem Osten in den Westen. Europa beginnt als Grenzübertritt.

VI. Sieben Brücken

Sieben – das ist im Lied keine Zahl, sondern ein Maß: so viele Übergänge, wie ein Leben eben braucht. Der Osten sang es, der Westen übernahm es; der Ungar packte den Koffer; im Norden hob sich ein Schlagbaum, im Süden fiel ein Draht; und die Königin trägt ihr Herz in Böhmen. Es sind nicht sieben verschiedene Geschichten. Es ist eine: dass Grenzen Bauwerke sind und Bauwerke begehbar bleiben, in beide Richtungen. Das ist die unbequeme Hälfte der Wahrheit. Eine Brücke, die man öffnen kann, kann man auch wieder sperren. Wer 1989 hinüberging in Berlin wie bei Retz, weiß, wie schnell das Selbstverständliche einmal nicht selbstverständlich war.

VII. Europa reist weiter

Die Bornholmer Brücke ist heute wieder nur eine Brücke; bei Kleinhaugsdorf rollt der Verkehr, kaum jemand hält. Das ist das Beste, was einer Grenze geschehen kann: vergessen zu werden. Aber die Königin reist weiter, von Osten nach Westen und zurück, und sie trägt ihr Herz noch immer in Böhmen. Solange wir bereit sind, die nächste Brücke zu gehen – nicht einmal, sondern täglich –, bleibt Europa, was es im ältesten Bild schon war: kein Besitz, sondern ein Übergang.

Hans Christian Rehak-Isenring ist Arzt im Ruhestand; er lebt in Zürich und Wien und ordnet das Familienarchiv „Zwischen den Welten“.

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