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Seit 33 Jahren bin ich als Handelsvertreterin tätig. Zu Beginn betreute ich mehr als 1000 Kunden. Heute sind es noch knapp 200. Die Zahlen erzählen nicht nur die Geschichte eines Berufs, der langsam verschwindet. Sie erzählen auch etwas über die Gesellschaft, in der wir heute leben.
Früher war ein Hausbesuch etwas Selbstverständliches. Man klingelte, wurde hereingebeten und setzte sich an den Küchentisch. Natürlich ging es um die Produkte, die ich verkaufte – Putzmittel, Waschmittel, Suppen und Soßen. Produkte, die oft schon die Eltern und Großeltern meiner Kunden genutzt hatten. Doch selten blieb es beim Geschäftlichen.
Die Menschen erzählten von ihrem Alltag. Von der Tochter, die heiraten wollte. Vom Sohn, der Schwierigkeiten in der Schule hatte. Von Krankheiten, Sorgen und Hoffnungen. Manche Gespräche dauerten zehn Minuten, andere eine Stunde. Es gab Kunden, die auf meinen Besuch warteten, nicht weil sie dringend etwas bestellen mussten, sondern weil sie sich freuten, mit jemandem sprechen zu können. Damals erschien mir das selbstverständlich. Erst heute wird mir bewusst, wie wertvoll diese Begegnungen waren.
Effizienz kennt keinen Händedruck
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unsere Welt rasant verändert. Das Internet hat vieles einfacher gemacht. Bestellungen werden mit wenigen Klicks erledigt. Pakete kommen direkt an die Haustür. Banken schließen Filialen, Behörden verlagern ihre Dienstleistungen ins Netz, Supermärkte setzen auf Selbstbedienungskassen.
Alles wird schneller. Alles wird effizienter. Doch Effizienz kennt keinen Händedruck. Effizienz fragt nicht nach dem Gesundheitszustand einer alten Dame, die seit Wochen niemanden gesehen hat. Effizienz merkt nicht, wenn ein Mensch eigentlich nur jemanden zum Reden braucht.
Ich erinnere mich an viele Kunden, die inzwischen verstorben sind. Menschen, die allein lebten und deren soziale Kontakte immer weniger wurden. Für manche war mein Besuch nur einer von vielen kleinen Terminen im Alltag. Für andere war er weit mehr als das.
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Mitgefühl entsteht nicht durch Algorithmen
Heute frage ich mich manchmal, wer an ihre Tür geklopft hätte, wenn niemand mehr gekommen wäre. Vielleicht ist das die eigentliche Frage unserer Zeit. Wir sprechen oft über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und wirtschaftliche Optimierung. Selten sprechen wir darüber, welche menschlichen Begegnungen dabei verloren gehen.
Natürlich kann das Internet vieles. Es kann Waren bestellen, Rechnungen bezahlen und Informationen in Sekunden liefern. Aber es kann nicht spüren, dass hinter einer Haustür ein einsamer Mensch sitzt. Es kann nicht wahrnehmen, wenn die Stimme am Telefon traurig klingt. Es kann nicht den Moment ersetzen, in dem jemand fragt: „Wie geht es Ihnen wirklich?“
Je digitaler unsere Welt wird, desto wichtiger werden die wenigen echten Begegnungen, die bleiben. Denn Mitgefühl entsteht nicht durch Algorithmen. Verständnis wächst nicht durch Bildschirme. Menschliche Nähe lässt sich nicht versenden wie ein Paket.
Mein Beruf wird vermutlich eines Tages verschwunden sein. Vielleicht wird dann niemand mehr von Tür zu Tür gehen, um Kunden zu besuchen. Wirtschaftlich mag das sinnvoll sein. Doch ich hoffe, dass wir bis dahin nicht vergessen haben, was eine Gesellschaft zusammenhält. Nicht die Geschwindigkeit. Nicht die Effizienz. Sondern die Fähigkeit, den anderen Menschen wahrzunehmen. Denn in dem Moment, in dem niemand mehr Zeit hat zuzuhören, verlieren wir weit mehr als einen Beruf. Dann verlieren wir ein Stück Menschlichkeit.
Petra Strecker wohnt in Mühlheim an der Donau und ist Mutter von drei Kindern. Sie beschreibt gerne ihre persönlichen Erlebnisse in Kurzgeschichten.
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