EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hält die Abkehr von der Atomkraft als „strategischen Fehler“. Das sagte sie am Rande eines Treffens zur Atomkraft am Dienstag in Paris. Europa habe sich damit von einer „zuverlässigen, bezahlbaren Quelle emissionsarmer Energie“ abgewandt.
Während im Jahr 1990 noch ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernkraft stammte, liege der Anteil heute nur noch bei rund 15 Prozent, erklärte von der Leyen in ihrer Rede. Europa sei weder Öl- noch Gasproduzent und bei fossilen Brennstoffen vollständig auf teure und schwankungsanfällige Importe angewiesen. Die aktuelle Krise im Nahen Osten verdeutliche diese Verwundbarkeit.
Die Kommissionspräsidentin betonte, dass Kernkraft und erneuerbare Energien kein Gegensatz seien, sondern sich ergänzten. Erneuerbare Energien lieferten zwar den günstigsten Strom, seien aber von Sonne und Wind abhängig. Kernenergie hingegen stehe rund um die Uhr zur Verfügung. Das effizienteste System kombiniere beides, gestützt auf Speicher, flexible Nachfrage und ausgebaute Netze.
Von der Leyen stellt Strategie für modulare Reaktoren vor
Von der Leyen stellte auf dem Gipfel, zu dem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi eingeladen hatten, eine neue EU-Strategie für sogenannte Small Modular Reactors (SMR) vor – kleine modulare Reaktoren, die flexibler und schneller gebaut werden können als herkömmliche Großkraftwerke. Ziel sei es, diese Technologie in Europa bis Anfang der 2030er-Jahre einsatzbereit zu machen.
Die Strategie umfasst drei Schwerpunkte: Erstens sollen regulatorische Testumgebungen – sogenannte Sandboxes – geschaffen werden, damit Unternehmen innovative Technologien erproben können. Zweitens kündigte von der Leyen eine Garantie in Höhe von 200 Millionen Euro an, um private Investitionen in neuartige Nukleartechnologien abzusichern. Die Mittel sollen aus dem EU-Emissionshandelssystem stammen. Drittens sollen die Mitgliedstaaten ihre Genehmigungsverfahren angleichen und gemeinsam Fachkräfte ausbilden.
Bezahlbarer Strom als Wettbewerbsfaktor
Von der Leyen verwies darauf, dass die Strompreise in Europa strukturell zu hoch seien. Günstige Elektrizität sei nicht nur für die Lebenshaltungskosten der Bürger wichtig, sondern entscheidend für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Künftige Schlüsseltechnologien wie Robotik und Künstliche Intelligenz benötigten reichlich bezahlbaren Strom. Wer diesen am besten produzieren, transportieren, speichern und nutzen könne, werde im globalen Wettbewerb vorne liegen.
Europa verfüge über eine halbe Million hochqualifizierter Fachkräfte im Nuklearsektor – mehr als die USA und China. Bei der Innovation im Bereich modularer Reaktoren sei Europa weltweit führend, so von der Leyen. Reaktoren der nächsten Generation könnten zu einem europäischen Hightech-Exportprodukt werden.
Zudem verwies die Kommissionspräsidentin auf bereits eingeleitete Schritte: Im vergangenen Jahr habe die EU ihre Beihilferegeln angepasst, um Förderungen für Kernspaltung und Brennstoffe auszuweiten. Im nächsten EU-Haushalt seien über fünf Milliarden Euro für Fusionsforschung vorgesehen.
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