Wahlkampf

Von Kriminalität bis Wohnungsnot: Das erwarten Berliner von der nächsten Regierung

Was muss die nächste Landesregierung besser machen? Sechs Berliner erzählen von ihren Sorgen, ihren Erwartungen an die Politik – und davon, warum sie ihre Stadt trotz allem lieben.

Jacqueline Albrecht
7 Min
Die Parteien versprechen auf ihren Wahlplakaten, hier an der Leipziger Straße, viel. Doch was wollen die Berliner überhaupt?

Die Parteien versprechen auf ihren Wahlplakaten, hier an der Leipziger Straße, viel. Doch was wollen die Berliner überhaupt?

© Britta Pedersen/dpa

„Wenn ich der nächsten Landesregierung eine Sache mitgeben könnte?“ Benjamin S. fallen sofort mehrere Dinge ein, doch eine Sache ist für ihn besonders wichtig. „Ich fände es schön, wenn am Kottbusser Tor, Alexanderplatz und so weiter mal richtig hart durchgegriffen wird, dass diese ganze beschissene Kriminalität wegkommt und man sich auch mal traut, dort nachts über die Straße zu gehen, ohne angemacht zu werden.“

Der 43-Jährige ist Spieleentwickler und lebt in Weißensee. Er erzählt von einem Angriff, den er selbst erlebt hat: „Ich wurde in Wedding angegriffen. Mir hat jemand eine reingehauen, einfach so.“ Auch Sauberkeit treibt ihn um. „Alle Straßen hier sind beschissen, überall stinkt es, überall liegt Dreck rum.“

Benjamin S. hat konkrete Vorstellungen davon, was sich ändern müsste: mehr Kontrollen an bekannten Problemorten, bei Verschmutzung etwa schnelle Geldstrafen. Gleichzeitig betont er, dass seine Forderungen nicht bedeuten, dass er die AfD wählen wolle. Im Gegenteil: Die Partei spreche zwar viele Probleme an, habe aus seiner Sicht aber keine Lösungen. Sicherheit, Sauberkeit, Migration – für manche Berliner sind es die sichtbarsten Probleme der Stadt. Doch es gibt auch andere Baustellen.

Probleme und Ängste in Berlin – vor Ort und digital

Da ist etwa der 64‑jährige Flughafenmitarbeiter aus Westend, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er sorgt sich weniger um Kriminalität und herumliegenden Müll als um das, was passiert, wenn Berlins digitale Infrastruktur ausfällt. Seine Priorität: die kritische Infrastruktur besser vor Cyberangriffen schützen.

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„Letzte Woche am Berliner Flughafen ging für eine halbe Stunde lang die Zugangskontrolle nicht“, erzählt er. „Eine halbe Stunde lang kam keiner rein, weil der Computer der Schranke komplett abgestürzt ist.“ Auch zuvor habe es Probleme gegeben, etwa beim Drucken von Bordkarten. Was tatsächlich hinter solchen Ausfällen stecke, werde seiner Meinung nach zu wenig kommuniziert. Die offiziellen Begründungen lauteten jedes Mal, dass es sich lediglich um einen Systemfehler handle. Von der Politik fordert er mehr Fachleute, bessere Schutzmaßnahmen und vor allem mehr Transparenz, wenn kritische Systeme angegriffen werden.

Ganz andere Sorgen hat Martina B. Die 41-jährige Physiotherapeutin lebt in Spandau und hat zwar selbst eine Wohnung gefunden. Ihre ehemaligen WG-Mitbewohner stehen dagegen vor dem Problem, eine bezahlbare Bleibe zu finden. „Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die ohne Obdach sind, weil sie ihre Wohnung verloren haben, weil sie sie einfach nicht mehr bezahlen konnten“, sagt sie. Für sie steht deshalb fest: Bezahlbarer Wohnraum muss ganz oben auf der politischen Agenda stehen.

Nicht nur die Politik soll sich ändern

Doch Martina, die blind ist und mit einem Blindenführhund unterwegs ist, spricht noch über ein anderes Problem – eines, das sich nicht einfach mit einem neuen Gesetz oder mehr Geld lösen lässt. Es geht um den Umgang der Menschen miteinander. „Mir persönlich würde es schon reichen, wenn die Menschen anders wären“, sagt sie.

Der Blindenführhund von Martina B.

Der Blindenführhund von Martina B.

© Jacqueline Albrecht/Berliner Zeitung

Gerade im öffentlichen Nahverkehr erlebe sie immer wieder Situationen, in denen sie mit ihrem Blindenführhund zurückstecken müsse. „Da werde ich böse angeguckt, warum ich da jetzt mit meinem Hund auch noch Bus fahre. Der Hund kann nun mal nicht 30 Kilometer durch Berlin laufen.“ Martina wünscht sich einen besseren Umgang miteinander. Mehr Respekt, mehr Rücksichtnahme – das wäre für sie nicht nur ein wichtiger Auftrag an die nächste Landesregierung, sondern an die gesamte Gesellschaft.

„Wenn man hier leben will, muss man hier arbeiten“

Auch für Charlotte M. aus Charlottenburg geht es um den gesellschaftlichen Umgang. Die 17-Jährige wird in diesem Jahr zum ersten Mal wählen. In Berlin, erzählt sie, lebe sie selbst ziemlich in ihrer eigenen Bubble. Gleichzeitig bekomme sie bei Besuchen in Brandenburg mit, wie unzufrieden und verzweifelt manche Menschen seien. Sie beobachte viel Hass – und eine zunehmende Spaltung zwischen politischen Lagern.

Ihre Priorität lässt sich deshalb kaum in einem klassischen Wahlkampfthema zusammenfassen. Charlotte wünscht sich mehr Offenheit, mehr Austausch, mehr Liebe und weniger gegenseitige Feindseligkeit. „Ich bin der Meinung, dass Kontakt ganz wichtig ist“, sagt sie. Menschen sollten sich auch dann auf Augenhöhe begegnen und miteinander reden, wenn sie völlig unterschiedlicher Meinung seien. Gerade dort, wo Vorurteile groß sind, könne mehr persönlicher Kontakt helfen. Für die 17-Jährige ist das auch eine Aufgabe der Politik: weniger gegen politische Gegner hetzen, mehr miteinander reden.

Charlotte M. aus Charlottenburg: Menschen sollten sich auch dann auf Augenhöhe begegnen und miteinander reden, wenn sie völlig unterschiedlicher Meinung seien.

Charlotte M. aus Charlottenburg: Menschen sollten sich auch dann auf Augenhöhe begegnen und miteinander reden, wenn sie völlig unterschiedlicher Meinung seien.

© Jacqueline Albrecht/Berliner Zeitung

In Schöneberg treffen wir auf eine Frau aus Gambia, die seit 19 Jahren in Berlin lebt und als Reinigungskraft in einem Krankenhaus arbeitet. Für sie steht die Frage im Mittelpunkt, wie Menschen, die nach Deutschland kommen, hier tatsächlich ankommen können.

Sie möchte anonym bleiben. Ihre Forderung an die Politik: mehr Unterstützung, bessere Integration und vor allem bessere Chancen für Menschen, die arbeiten wollen. „Ich finde, die Politik muss Ausländern, die hierherkommen und arbeiten wollen, eine Chance geben“, sagt sie. Gleichzeitig müsse klar sein: „Wenn man hier leben will, muss man hier arbeiten.“

Was sie besonders frustriert, ist die Berliner Ausländerbehörde. Menschen in ihrem Umfeld müssten teilweise monatelang auf einen Termin warten. Früher, als sie hergekommen ist, sei vieles einfacher gewesen, erzählt sie. „Leute brauchen Hilfe. Und die sollten sie von der Politik auch bekommen.“ Mehr Chancen und mehr Kontrolle schließt sie dabei nicht aus. Im Gegenteil: Wer Unterstützung bekomme, müsse sich auch an Regeln halten. Beides gehöre für sie zusammen.

Philip wünscht sich mehr Pflegekräfte in Krankenhäusern

Und dann ist da noch die Gesundheitspolitik. Philip E., 31, Gewerkschaftssekretär und seit sechs Jahren in Neukölln, kommt gerade von der Charité. Dort haben Beschäftigte vergangene Woche für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Für ihn ist das kein Nischenthema, sondern eine Frage, die jeden Berliner irgendwann betreffen könnte. „Es geht um uns alle. Wir können alle da Patienten werden“, sagt er. Wenn Personal in Pflege und Krankenhäusern fehle, seien am Ende alle betroffen.

Philip E. aus Neukölln auf dem Weg nach Hause vom Verdi Streik

Philip E. aus Neukölln auf dem Weg nach Hause vom Verdi Streik

© Jacqueline Albrecht/Berliner Zeitung

Seine Forderung richtet sich deshalb an das Land Berlin: Es müsse ausreichend Geld für die Krankenhäuser bereitstellen, damit gute Personalregelungen erhalten bleiben. Und die Politik müsse dafür sorgen, dass Beschäftigte ihr Streikrecht tatsächlich ausüben können – gerade in landeseigenen Betrieben.

„Wenn Menschen sagen, dass es schön in Berlin ist, dann bin ich stolz“

Sechs Menschen, sechs Prioritäten: Sicherheit, Integration, digitale Infrastruktur, Wohnen, gesellschaftlicher Zusammenhalt und funktionierende Krankenhäuser. Eine eindeutige Antwort darauf, was Berlin am dringendsten braucht, gibt es nicht.

Vielleicht liegt gerade darin die Herausforderung für die nächste Landesregierung. Die Erwartungen an sie sind nicht nur unterschiedlich – sie stehen teilweise direkt nebeneinander.

Und trotzdem gibt es etwas, das die meisten der Befragten nicht verlieren wollen: das, was Berlin bereits ausmacht: die Vielfalt der Stadt. „Die vielen kleinen Läden, das vielfältige Essen, die Kneipen um die Ecke – die sollen bitte bleiben“, sagt Philip. Auch Benjamin mag an Berlin, „dass es total bunt ist und dass es so viele Ausländer gibt“. Wenn er beispielsweise durch Prenzlauer Berg laufe, freue er sich darüber, dass so viele Nationalitäten vertreten sind. „Und wenn diese Menschen dann auch noch sagen, dass es so schön in Berlin ist, dann bin ich wirklich sehr stolz.“

Kurz vor der Wahl geht es für die Berliner deshalb nicht nur um die Frage, was endlich besser werden muss, sondern auch darum, was Berlin trotz aller Probleme behalten sollte.

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